Psychologie

Verschwörungstheorien

Früher glaubten die Menschen an Verschwörungen von Hexen, Außerirdischen oder Freimaurern. Heute sind die Verschwörungsgläubigen sichtbar: Sie tummeln sich in sozialen Netzwerken und teilen abstruse Posts, Videos und Bilder. Sie gehen auf die Straße, tragen Aluhüte, schaffen es bis in die Nachrichten.

Von Martina Frietsch, Sabine Kaufmann

Was kennzeichnet Verschwörungstheorien?

Ob Geheimdienst, eine ethnische Volksgruppe oder sogar Außerirdische: Es gibt viele Gruppen, denen Verschwörungsideologen die übelsten Machenschaften unterstellen. Sind Ideologien dann noch spannend und gut verständlich formuliert und treffen sie den Nerv der Zeit, verkaufen sie sich – ganz im Sinne ihrer Autoren – blendend.

Am Anfang jeder Verschwörungsideologie steht das Misstrauen gegenüber einer gesellschaftlichen Gruppe. Dieses Misstrauen steigert sich zu einem Verschwörungsglauben, der davon ausgeht, dass sich die Gruppe gegen eine andere Gruppe verschworen hat, um ihr zu schaden.

Es wird einfach in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse eingeteilt. Wichtig ist auch das Element der Planung – bei Verschwörungsideologien geschieht nichts durch Zufall. Nichts ist so, wie es scheint. Und natürlich sind alle Ereignisse miteinander verbunden.

Je nach Typ von Verschwörungserzählung ist eine Gruppe von unten dabei, die Ordnung zu zerstören und die Macht zu übernehmen. Das häufigste Motiv, das einer Verschwörungserzählung zugrunde gelegt wird, ist die Weltherrschaft. Egal ob es Juden, Außerirdische oder Freimaurer sind, gegen die sich das Misstrauen richtet: Ihnen wird unterstellt, die Welt beherrschen und allen anderen Menschen schaden zu wollen.

Der andere Typ, so Experte Michael Butter, sei die Verschwörung von oben – hier ist schon alles passiert; nicht näher definierte Mächte herrschen über die Menschen. Es gibt die Furcht vor Verschwörungen von außerhalb und solche, die sich auf konkrete Ereignisse beziehen – den Tod bestimmter Personen, Anschläge und mehr.

In der Welt der Verschwörungsmythen

Eine Gruppe, der man fast alles zutraut, sind die Geheimdienste, wie etwa die CIA (Central Intelligence Agency), der israelische Mossad oder der einstige sowjetische Geheimdienst KGB. Sie arbeiten im Geheimen, ihre Arbeit ist undurchsichtig. Niemand weiß genau, was sie tun. Das ist der Nährboden für Verschwörungen aller Art.

Katastrophen werden umgedeutet und mit Verschwörungsmythen in Verbindung gebracht. Bestes Beispiel sind die Verschwörungserzählungen zum 11. September 2001. Der CIA oder gar dem Mossad wird unterstellt, hinter dem Einsturz des World Trade Centers zu stehen.

Und überhaupt wurden alle hochrangigen Politiker bereits durch außerirdische Echsenmenschen ersetzt, die uns steuern; Angela Merkel ist Hitlers Tochter und die Bundesrepublik eine GmbH. Das klingt nach wilden Ideologien, an die aber durchaus viele Menschen glauben.

Beispiel Corona-Pandemie: Das Virus wurde wahlweise künstlich hergestellt oder mit Absicht verbreitet; die Regierungen haben sich gegen ihre Völker verschworen, um sie mit den Einschränkungen besser kontrollieren zu können. Zur Auswahl als Bösewicht steht auch Bill Gates, der das Virus in Umlauf gebracht haben soll, um alle Menschen mithilfe einer Impfung zu chippen und die Weltherrschaft zu erlangen.

Ab Dezember 2020 kamen in der EU die ersten Corona-Impfstoffe auf den Markt. Dies machten sich Verschwörungstheoretiker zu Nutze, um neue Mythen zu verbreiten: Die Impfstoffe seien nutzlos, machten unfruchtbar, erzeugten Krebs, Gesichtslähmungen und seien für Todesfälle verantwortlich. Schnell entwickelte sich eine Bewegung von Impfgegnern, die auch politische Dimensionen annahm.

Bereits wenige Monate nach den ersten Impfungen stellte der Verfassungsschutz die „Querdenken“-Bewegung bundesweit unter Beobachtung. Gründe dafür waren eine auffällige Nähe zu Rechtsextremisten und „Reichsbürgern“. Außerdem würden demokratische Entscheidungsprozesse sowie die entsprechenden Institutionen „in sicherheitsgefährdender Art und Weise delegitimiert und verächtlich gemacht“.

Wappen der CIA im Boden des CIA Hauptquartiers in Langley

Auch die CIA dient Verschwörungsgläubigen als Feindbild

Verschwörungsideologien funktionieren nach allgemeinen Regeln

Der Ausgangspunkt jeder Verschwörungsideologie ist eine Geheimgesellschaft, der man böse Machenschaften und schreckliche Vorhaben unterstellt. Das bildet die These, die über der Verschwörungserzählung steht. Alles, was die These stützt, tragen die Autoren der Erzählung zusammen. Was der These widerspricht, lassen sie schlicht unter den Tisch fallen.

Die Zahlen oder Fakten, die sie verwenden, sind leicht nachprüfbar. Nur die Schlussfolgerungen, die aus dem ganzen Zahlen- und Datenmaterial gezogen werden, sind falsch. Oft deuten die Verschwörungserfinder wahre Ereignisse so um, dass sie zur Theorie passen.

Wirkungsvoll ist es, die Wissenschaft in Frage zu stellen und zu attackieren. Denn die Theorie braucht nur den Anstrich von Authentizität. Große Wirkung erzielen Verschwörungsideologen auch damit, ihre Gegner zu dämonisieren.

Unter dem Strich ist eine Verschwörungsideologie also eine Mischung aus einigen nachprüfbaren Fakten und vielen erfundenen Behauptungen und Geschichten, aus denen immer neue Sinnzusammenhänge konstruiert werden.

Merkmale einer Verschwörungstheorie

nach Sebastian Bartoschek, Psychologe und Verschwörungstheorie-Forscher

  • Sie muss eine gemeinschaftliche Aktion bezeichnen, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist.
  • Sie muss von denjenigen, die sie verbreiten oder glauben, als illegitim oder illegal wahrgenommen werden.
  • Sie muss im Gegensatz zu einer offiziellen Version der Wahrheit stehen.

Wer steckt hinter den Verschwörungsideologien?

Viele Verschwörungsideologien werden von Menschen erdacht, die wirklich daran glauben. Am Anfang steht ein Verdacht, und die wichtige Frage: Wem nützt es? Es werden Verbindungen hergestellt, ein Verdacht formuliert. Die Gruppe, die verdächtigt wird, wird nur vage beschrieben – "die Mächtigen", "die Politiker", "der Feind". Es bleibt Spielraum für Fantasie.

Oft werden Verschwörungsmythen anonym in Umlauf gebracht – das Internet ist hier sehr hilfreich. Problematisch wird es, wenn die Mythen für politische Zwecke eingesetzt werden. Dies ist beispielsweise in den USA bei QAnon zu beobachten, eine anonyme Person oder Gruppe, die mittels Verschwörungsideologien rechtes Gedankengut verbreitet.

In Deutschland werden Verschwörungsmythen von rechten Parteien genutzt, die damit Themen wie Zuwanderung oder die Corona-Pandemie besetzen und die Menschen in ihrem Sinne lenken. Sie verändern damit die Art, wie Demokratie funktioniert und dies sei gefährlich, meint die Sozialpsychologin Pia Lamberty.

Das Geschäft mit den Verschwörungen

Hinter manchen Verschwörungsideologien stecken gut erkennbar finanzielle Interessen. Das Geschäft mit dem Schutz vor den mächtigen Geheimbünden läuft gut. Verkauft werden Bücher, Filme, Wunderheilmittel, T-Shirts, Survival-Kits, Schutz gegen Chemtrails und mehr. Videos auf YouTube und Co. bringen Millionen Clicks und damit Werbeeinnahmen.

Der deutsche Arzt Sucharit Bhakdi, der zu Beginn der Corona-Pandemie gut mit abstrusen Thesen zum Virus per Video in den sozialen Netzwerken vertreten war, brachte recht schnell ein schmales Büchlein auf den Markt, das prompt zum Bestseller wurde.

Kommerziell besonders erfolgreich ist der US-amerikanische Verschwörungsideologe Alex Jones, Betreiber des Portals Infowars und bekennender Trump-Fan. In seiner Radiosendung tobt der Moderator regelrecht, wenn er über Verschwörungsmythen aller Art spricht. Wenn das Mikro zu ist, ist Alex Jones ein gewiefter Geschäftsmann, der neben allerlei Merchandise-Artikeln auch Potenzmittel und "Brain-Force-Plus"-Tabletten anbietet – gegen Gifte, die ins Trinkwasser gemischt werden.

Fake News, Desinformation und echte Verschwörungen

Nicht jede Halbwahrheit ist auch gleich eine Verschwörungserzählung. Häufig anzutreffen ist das Mittel der Desinformation: "Corona ist nicht schlimmer als eine Grippe" ist ein Beispiel. Erst wenn unterstellt würde, dass eine undurchsichtige Macht im Hintergrund das Virus für ihre Zwecke nutzt, um anderen zu schaden, wären die Zutaten für den Verschwörungscocktail beisammen.

Auch das reine Abstreiten von Fakten, das durch Donald Trumps Ausrufe "Fake News" traurige Berühmtheit erlangte, geht noch nicht als Verschwörungsideologie durch. Die Existenz des Klimawandels beispielsweise bestreiten viele.

Und dann gibt es noch die wirklichen Verschwörungen: Die römischen Senatoren, die sich gegen Cäsar verschworen und ihn ermordeten; die Verschwörer des 20. Juli, die Hitler töten wollten. Hier schließt sich eine Gruppe von Menschen zusammen, die einem oder mehreren anderen schaden will.

Verschwörungskatalysator Internet

Auch wenn Verschwörungsideologien heute sehr präsent sind, haben sie nach Meinung von Experten nicht zugenommen. Was sich früher in einer eher esoterischen Nische abspielte, ist jetzt öffentlich sichtbar im Internet.

Wer hinter einem Thema, einem Ereignis eine Verschwörung vermutet, findet nach wenigen Klicks eine. Ebenso einfach ist die Verbreitung: Sehr beliebt sind schnell produzierte Videos, die jeder problemlos in die Weiten des WWW hochladen kann.

Vor allem auf YouTube stehen Videos, die Verschwörungsideologien verbreiten. Der Algorithmus der Seite sorgt dafür, dass die Zuschauer gezielt weitere passende Videos vorgeschlagen bekommen, die sie schauen, liken, verbreiten, beschreibt Autor Sascha Lobo das Problem.

Dazu finden die Nutzer in den sozialen Medien Gleichgesinnte, haben positive Erlebnisse und fühlen sich besser informiert als ihre Umgebung. Ab diesem Zeitpunkt bewegen sich viele Verschwörungsgläubige in einer Art "Blase" – im Verschwörungszirkel in den sozialen Medien gibt es Anerkennung, im realen Leben eher nicht.

(Erstveröffentlichung 2010. Letzte Aktualisierung 29.01.2024)

Quelle: SWR

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