Interview mit Brigitte Hieronimus über Wechseljahre und die psychischen Folgen
Planet Wissen (PW): Oft entsteht der Eindruck, dass fast alle mehr oder weniger überrascht werden, wenn sie in die Wechseljahre kommen. Erleben Sie das häufiger, dass dieses Thema verdrängt wird?
Brigitte Hieronimus (BH): Die Wechseljahre bleiben nach wie vor ein Tabuthema. Auf einmal tauchen Fragen auf wie: Was kommt danach, gehör‘ ich jetzt zum alten Eisen? Jetzt läuft meine Zeit ab… will ich wirklich so weiterleben? Vieles kommt auf den Prüfstand - das ist neu und macht auch zunächst erst einmal Angst. Eine Angst, die nur allzu oft verdrängt wird. Und eben das macht dann ja auch oft die meisten Probleme...
PW: Gibt es eigentlich verschiedene Phasen in den Wechseljahren?
BH: Ja, da ist zum einen die Zeit vor der Menopause, die sogenannte Prämenopause. In dieser Zeit haben Frauen noch Regelblutungen - wenn auch unregelmäßig. Das ist oft die kritischste Zeit. Auf der psychischen Ebene spürt man nun, dass es eventuell noch mehr zu erreichen gäbe, irgendwelche unentdeckten Talente in einem schlummern, man noch etwas anderes ausprobieren könnte.... meist tauchen gleichzeitig unerledigte Lebensthemen auf. Zwischen diesen beiden Lagern kommt es natürlich oft zum inneren Konflikt. Die nächste Phase ist die Menopause, also das einjährige Ausbleiben der Regelblutung. Und danach kommt die Postmenopause, die Zeit der endgültigen Umstellung, die Zeit, in der der Körper die hormonelle Umstellung endgültig beenden will. In dieser Phase kränkelt man oft ein bisschen, leidet unter hohem Blutdruck, Herz-Kreislauf-Beschwerden. Psychisch ist es die Zeit der Sinnfindung und Sinnkrise. Oftmals ändern sich jetzt Einstellungen und Haltungen zu bestimmten Dingen.
PW: Was genau bedeutet der Hormonabbau für die seelische Befindlichkeit der Frau?
BH: Reizbarkeit, Nervosität und Stimmungsschwankungen sind oft ein großes Thema. Nicht selten werden Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben damit konfrontiert. Das gilt vor allem auch für Wut - eigentlich eine typisch männliche Domäne. Dafür verantwortlich ist das im Körper bereits vorhandene Testosteron, das durch den Östrogenmangel deutlicher zum Vorschein kommt. Für beide Geschlechter gilt: Sie werden mit Wesenszügen konfrontiert, die Ihnen bislang unbekannt sind - und damit muss man erst einmal lernen umzugehen.
PW: Die Wechseljahre bei Mann und Frau erleben nicht alle gleich heftig. Welche Rolle spielen hierbei Lebenseinstellung, Bildung und Lebensstil?
BH: Wer aufgeklärt ist, weiß, was nun auf ihn zukommt, Beschwerden oder Verhaltensmuster erkennt und hinterfragt, wird sehr viel besser damit zurechtkommen. Sicherlich spielt hierbei auch Bildung eine Rolle. Es kommt eben immer darauf an, wie man sich mit sich selbst auseinandersetzt, bereit ist, auch etwas zu ändern, etwas Neues anzunehmen.
PW: Inwiefern wirken sich die Wechseljahre auf die Libido aus? Ist es wirklich so, dass einen dann die Lust verlässt?
BH: Verlust der Lust - muss nicht sein, auch in diesem Punkt herrscht leider viel zu viel Unwissenheit. Schauen wir uns einmal an: Was passiert eigentlich? Bei der Frau gibt es in der Regel zwei Optionen: Da sind die einen, die erfahren durch die Tatsache, dass sie nun nicht mehr fruchtbar sind, im Bett mehr Freiheitsgefühl, Gelassenheit, Offenheit, Gelöstheit, da Schwangerschaft kein Thema mehr ist. Und dann gibt es andere, die legen das Thema Libido komplett ad acta und leben ihre Libido eher geistig aus...
PW: Das heißt, es gibt tatsächlich Frauen, die gar keine Lust mehr haben?
BH: Ja, das gibt es tatsächlich - und diese Frauen fühlen sich gar nicht unbedingt schlecht dabei.PW: Belastet eine gestörte Sexualität die Beziehungen?
BH: Eine Belastung in diesem Bereich ist latent immer vorhanden, oftmals ist das “Nicht mehr so funktionieren wie früher“ ein großer Unzufriedenheitsfaktor, der in Paarbeziehungen allerdings selten auch wirklich thematisiert wird. Stattdessen gibt es oft versteckte Aggressionen, Nörgeln, Miesmachen - viele kleine Stiche, ohne das eigentliche Problem beim Namen zu nennen. Aber eben dieser Unzufriedenheitsfaktor führt nicht selten zu übertriebenen Aktivitäten in anderen Bereichen, also zum Beispiel dazu, dass ein Mann lieber arbeitet statt nach Hause zu gehen. Doch es gibt Lösungen für diese Probleme - man muss als Paar nur daran arbeiten. Es geht zum Beispiel nicht darum, ständig Lust zu haben, aber trotzdem Zärtlichkeit zuzulassen. In der Realität bedingt das eine oft das andere, doch umgekehrt wird es richtig: Weil keine Sexualität stattfindet, sollten wir dennoch Zärtlichkeiten austauschen.
In dem Wort Wechseljahre steckt das Wort “Wechsel“ drin... Viele kommen in eine Lebenskrise, aber Krisen müssen nicht unbedingt schlecht sein. In ihnen finden wir oft zu unseren unentdeckten Persönlichkeitsanteilen. Eine Krise ist ein Häutungsprozess, eine Phase der Neuorientierung - etwas Positives also. Wenn man mittendrin steckt, ist einem das zwar nicht immer klar, aber eine Krise ist auch eine riesige Chance. Man kann das Ruder herumreißen, alten Mustern entfliehen, Ballast abwerfen. Dennoch: Ohne Schmerzen und Abschiede geht diese Zeit meist nicht an einem vorbei ...
PW: Die Scheidungsstatistiken zeigen, dass viele Ehen eben in dieser Zeit zerbrechen. Woran liegt das?
BH: In den Wechseljahren tauchen Fragen auf wie: Warum sind wir eigentlich ein Paar? Was trägt unsere Partnerschaft noch - diese Frage stellt sich vor allem, wenn einer der beiden spürt, dass er sich verändert oder sich in seiner Sexualität etwas verändert. Und nicht selten kommt ein Paar oder einer der Partner dann an seine Grenzen. Das ist dann ein Punkt, an dem klar wird: Mehr scheint mit diesem Partner einfach nicht möglich zu sein. Durch die Hormonumstellung spürt der Einzelne die Tiefe seiner echten Gefühle.
PW: Vor allem scheinen es Frauen zu sein, die ihre Männer verlassen...
BH: Frauen sind es eher gewohnt, Veränderungen anzunehmen. Sie sind mit ihrem Körper, ihrem Geist, ihrer Seele viel mehr in Kontakt. Sie stellen sich Fragen wie: Was können wir einander noch geben? Das tun Männer nicht. Sie haben eher Angst mit den Stimmungen ihrer Frau umzugehen...
PW: Was kommt eigentlich nach den Wechseljahren?
BH: Eine wunderbare Zeit, in der jeder sich seinen eigenen Lebensraum schafft, mit dem, was ihn ausmacht. Beruflich wird meistens der Ruhestand vorbereitet und damit stellen sich wieder ganz neue Fragen. Zum Beispiel fängt man an nachzudenken, was man als Mensch der Welt noch zu geben hat. Wo man nun investieren möchte, sich engagieren. Geistig ist dies durchaus eine sehr inspirierende Zeit - der Gewinn des Älterwerdens. Unsere aufsteigende Lebenskurve hat etwas sehr Positives: Gegen Ende kristallisiert sich das Beste aus uns heraus! Die Entwicklung des Menschen geht bis zum letzten Atemzug.
Interview: Kerstin Dreher, Stand vom 04.12.2008
Sendung: Die Wechseljahre von Frau und Mann - Von Krisen, Chancen und Hormonen, 04.12.2008





