Genies
Dem Genialen auf der Spur
Einstein, Lenin, Freud - allen dreien wird nachgesagt, Genies gewesen zu sein und in der Weltgeschichte einiges bewegt zu haben. Sie haben noch etwas anderes gemein: Ihre Gehirne wurden und werden weltweit genauestens untersucht. Lenins Gehirn wurde nach seinem Tod in 10.000 Scheiben geschnitten, um irgendwo zwischen den Schichten das Geheimnis des Assoziationsgenies zu finden. Auch Einsteins Hirn wurde zerlegt, dann für viele Jahre verlegt, um schließlich weltweit eine Horde von Wissenschaftler, mit dessen weiterer Erforschung zu beschäftigen. Dies gestaltete sich besonders schwer, da nicht einmal heute eindeutig feststeht, was genau ihr Ziel ist: Was bedeutet eigentlich Genie? Was genau zeichnet ein Genie aus?
Von der Kunst zur Intelligenz
Bis ins 19. Jahrhundert galten vor allem Künstler als Genies. Geniale Kunst war nicht nur in der Lage, die Natur abzubilden, sondern sie in ihrer Darstellung zu perfektionieren. Die heutige Auffassung von Genialität ist mehr wissenschaftsgebunden. Ein wichtiger Faktor, der damals noch gar nicht messbar war, ist der IQ, der Intelligenzquotient. Der beschreibt aber nur das Potenzial, nicht die tatsächliche Leistung. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich viele Lexika bei der Definition eines Genies bislang einigen konnten, ist die Übersetzung aus dem Lateinischen: "Mensch mit überragender schöpferischer Begabung".
Keine Formsache: Ein Schädel sagt nichts über den Geist darin
Der Anfang der Genieforschung
Auf der Suche nach dieser "schöpferischen Begabung" gehörte das Sezieren des Gehirns schon zu den moderneren Formen der Genieforschung. An deren Anfang gingen die Forscher noch davon aus, dass ein großer Geist auch in einem großen Kopf stecken müsse. Also maßen sie die Köpfe verstorbener Genies aus und verglichen das Volumen der Schädel mit dem Normalbegabter. So naiv die Vermutung, so ernüchternd das Ergebnis: Die Größe des Hirns steht in keinerlei Zusammenhang zum Genie des Menschen. Ein letzter Versuch in diese Richtung wurde in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unternommen: DDR-Forscher haben Goethes Schädel vermessen und auf Besonderheiten untersucht - vergeblich.
Andere Wissenschaftler wollten nachweisen, dass das Genie in bestimmten Gehirnarealen zu verorten sei. Sie erstellten Landkarten des menschlichen Schädels. Auch dieser Forschungsansatz trug bizarre Früchte: So meinten die Forscher, neben einer Genieregion im Gehirn auch andere Regionen gefunden zu haben, beispielsweise solche, die Mord oder Diebstahl begünstigen. Es dauerte nicht lange, da war auch dieser Ansatz vergessen.
Die latente Hemmung
Ein Ansatz der modernen Forschung versucht Genialität unter anderem mit der Störung der so genannten latenten Hemmung zu erklären. Die latente Hemmung schränkt die Wahrnehmung des Menschen ein, um ihn vor einer Reizüberflutung zu schützen. Es wird vermutet, dass sich dieses Phänomen schon in einer früheren Phase der Menschheit entwickelt hat. Damals wie heute hilft die Wahrnehmungsbeschränkung, die wichtigen von den störenden Reizen zu filtern. Dies ist vergleichbar mit dem Blickfeld des Menschen. Auch wenn man denkt, die eigene Sicht decke nahezu 180 Grad ab, ist im Fokus nur ein Bruchteil davon scharf abgebildet. Bei einigen Menschen funktioniert diese Selektion nicht. Ihr Hirn lässt mehr Reize zu, als das anderer Menschen. Durch die Vielzahl der wahrgenommenen Reize haben diese Menschen mehr "Material" für die gedankliche Arbeit. Sie können einer Situation mehr Lösungsmöglichkeiten abgewinnen als andere, da sie mehr Informationen zur Verarbeitung nutzen. Der Preis dafür ist eine höhere Anfälligkeit für Ablenkungen, da es Menschen mit schwacher latenter Hemmung aufgrund der Vielzahl wahrgenommener Reize schwerer fällt, einem Gedanken länger zu folgen.
Optimiertes Denken
In einem gemeinsamen Projekt versucht die Universität von Sydney mit der australischen Nationaluniversität die kreativen Denkvorgänge ihrer Probanden zu optimieren. Mit Hilfe der Transcranial magnetic stimulation (TMS), werden Teile des Gehirns mittels Magnetstimulation ausgeschaltet, damit andere Teile ihr volles kreatives Potential entfalten können. Ein Proband zum Beispiel war unter normalen Umständen nicht in der Lage, einen Hund dreidimensional zu zeichnen. Unter TMS-Einfluss hingegen gelang es ihm. Bei anderen Testpersonen wurde die Wahrnehmungsfähigkeit anhand von einzelnen Worten getestet. Sie mussten kurz gezeigte Worte laut vorlesen und sagen, ob ihnen etwas auffiel. Probanden, deren Gehirn nicht manipuliert wurde, überlasen kleine Fehler wie etwa Buchstabendreher. TMS-Kandidaten erkannten die Fehler. Sie überflogen das Wort nicht, sondern gingen es Buchstabe für Buchstabe durch. Selbst die Verfechter der TMS-Methode im Bereich der Hirnforschung gehen nicht davon aus, dass man mit deren Hilfe in naher Zukunft die Leistungen Normalbegabter bis zur Genialität steigern kann. Die Forscher hoffen jedoch darauf, durch neue Versuchsreihen die Funktion des Gehirns besser verstehen zu können.
Wie wird man zu einem Genie
Wie oben beschrieben ist es nicht leicht festzulegen, wer ein Genie ist und wer nicht. In erster Linie steht dies in Abhängigkeit von Zeit und kulturellem Umfeld. Viele sagen, dass in der heutigen Gesellschaft ein hoher Intelligenzquotient eine grundlegende Bedingung sei. Doch nicht jeder Hochbegabte ist ein Genie. Hinzu kommen zwei weitere wichtige Faktoren: Derjenige, der das geistige Potenzial hat, braucht auch das passende soziale Umfeld. Ein hochbegabtes Kind, das auf einer abgeschiedenen Südseeinsel aufwächst, wird kaum die Chance bekommen, seine Fähigkeiten in geniale Taten umzuwandeln. Umgekehrt ist es kein Zufall, dass 40 Nobelpreisträger aus Göttingen kommen. Durch die seit dem 18. Jahrhundert gepflegte akademische Landschaft hat es seitdem viele helle Köpfe in diese Stadt gezogen. Ihr Potenzial konnte dort im Austausch mit anderen gedeihen. Doch selbst ein hoher IQ und eine Eliteuni bringen nichts, wenn der Wille zur großen Tat fehlt oder, wie Einstein es nannte, der "frische Erfindergeist".
Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Superhirne - Zwischen Genie und Wahnsinn?, 06.02.2007







