Interview mit dem Hochbegabungsforscher Dr. Dr. Gert Mittring
Planet Wissen (PW): Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Intelligenz messen zu lassen?
Dr. Dr. Gert Mittring (G.M.): Intelligenz hat mich schon früh interessiert. Zusätzliche Impulse habe ich durch mein Psychologiestudium bekommen. Außerdem interessiere ich mich für Extremleistungen. Ich habe versucht zu ergründen, wie Extremleistungen zustande kommen. Dadurch lerne ich den Menschen besser verstehen und kann auch so in meiner Rolle als Psychologe besser helfen.
PW: Wie haben Sie auf Ihren ersten Intelligenztest reagiert?
G.M.: Ich habe mich gewundert und konnte erst mal nicht so recht daran glauben. Mein erstes Gefühl war, dass die Aufgaben doch eigentlich viel schwieriger hätten sein müssen. Ich war überrascht und hatte anfangs immer noch Zweifel.
PW: Hatten Sie schon vor dem Test das Gefühl, dass bei Ihnen etwas "anders" ist?
G.M.: Ich habe immer an meinen Möglichkeiten gezweifelt. Meine schulischen Leistungen waren nicht so gut und ich hatte schon als Kindergartenkind gedacht, dass die anderen genauso gut rechnen können wie ich. Dass meine Begabung eine Einzelerscheinung ist, habe ich erst viel später verstanden. In der Schule habe ich dann festgestellt, dass ich andere Lösungswege ersonnen habe als die Klassenkameraden oder Lehrer. Dabei musste ich feststellen, dass die nicht immer als richtig angesehen wurden. Mein Rückschluss war, dass es um die Qualität meiner Überlegungen nicht so gut bestellt sein konnte. Für mich hieß das: So intelligent kann ich dann ja wohl nicht sein. Ich habe den Test erst mit 27 Jahren abgelegt. Mit dem Ergebnis kam ich ganz gut zurecht.
PW: Ist es ein Merkmal für hohe Intelligenz, dass man die eigenen Talente unterschätzt?
G.M.: Bei Kindern und Kleinkindern ist das so, bei Erwachsenen nicht mehr. Mit dem Älterwerden bekommt man automatisch mit, dass da Unterschiede bestehen. Hochbegabte mit fundamentalen Zweifeln an ihren Fähigkeiten können in Ausnahmefällen jedoch noch bis ins hohe Erwachsenenalter ihr Talente unterschätzen.
PW: Haben Sie nach dem Ergebnis Ihr Leben bewusst geändert?
G.M.: Ich habe mich verstärkt für Begabungsforschung interessiert und mich auch wissenschaftlich damit befasst. Das hat mein weiteres Leben natürlich beeinflusst.
PW: Wie unterscheidet sich der Umgang mit hochbegabten Menschen im Vergleich zu "normal" begabten Menschen?
G.M.: Erst durch längere Gespräche wird der Unterschied deutlich. Wenn man sich mit einem Hochbegabten unterhält, kann dies zu einer Unterhaltung im Steckbriefformat führen. Das heißt, man kommt ohne ausformulierte Sätze aus, Begründungen können weitgehend weggelassen werden und man kann innerhalb der Unterhaltung wesentlich häufiger zwischen verschiedenen Themen hin- und her springen als normalerweise. Man kann dichter reden, sich komprimierter ausdrücken.
PW: Was ist Intelligenz?
G.M.: Intelligenz ist, sich in vollkommen ungewohnten Situationen und Umgebungen gut zurechtfinden zu können. Intelligenz hilft, Herausforderungen geschickt zu meistern, auch mit Hilfe von Transferleistungen, also Dinge, die man in anderen Zusammenhängen gelernt hat, in einer neuen Situation anwenden zu können. Das sind die Kernelemente der Intelligenz. Im Alltag zeigt sich Intelligenz dadurch, dass man mehrere Dinge gleichzeitig tun kann, ohne sich dabei zu überanstrengen. Intelligenz ermöglicht automatisierte Abläufe auf hohem Niveau.
PW: Ist Intelligenz ein Garant für Genie?
G.M.: Wenn wir von Intelligenz sprechen, sprechen wir von einem Potenzial. Das Potenzial kann man vergleichen mit einem Nährboden. Nährboden bedeutet, dass dort alles sehr gut drauf wachsen kann. Aber es muss nicht so kommen. Es geht darum, ob jemand ihn pflegt. Wir versuchen lediglich, die Bodenqualität zu messen, was noch nicht mit einer genialen Leistung gekoppelt sein muss. Die ist dann das Resultat einer exzellenten Pflege. Ich habe dafür ein Modell. Das Modell mit dem Auto, dem Fahrer und der Umgebung. Der Fahrer steht für die Persönlichkeit des Menschen, der Wagen mit der PS-Zahl ist der Intelligenzgrad, während die Umgebung die soziale Umgebung ist. Wenn die Straßen in einem schwierigem Zustand sind, kommt man kaum voran. Das Gleiche ist der Fall, wenn der Fahrer mit dem Wagen nicht zurechtkommt. Das sind alles Dinge, die verhindern können, dass eine Exzellenzleistung entsteht.
PW: Sind geniale Taten auch ohne einen hohen IQ möglich?
G.M.: Mit einem normalen IQ kann man nicht so ohne weiteres geniale Leistungen erbringen – das ist unbestritten. Aber das hängt natürlich auch immer von den Betätigungsfeldern ab und von dem, was als genial empfunden wird. Es ist sehr schwierig, hier einen genauen Wert zu benennen. Ich würde sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, eine als allgemein genial anerkannte Leistung zu bringen, bei einem IQ von 120 bis 130 losgeht. Natürlich bestimmen die Kultur und die gesellschaftlichen Werte mit, was als genial eingeschätzt wird.
PW: Braucht man auch als Künstler einen hohen IQ - in diesem Bereich wird ja auch oft von Genialität gesprochen?
G.M.: Ich will niemandem zu nahe treten, aber ist es nicht häufig so, dass bestimmte Stilrichtungen als besonders "in" angesehen werden, deren technische Ausführung in Wirklichkeit nicht so spektakulär ist? Manchmal bestimmt die Gesellschaft, die Mode, was als genial anzusehen ist, und bei vielen Fällen sind die Voraussetzungen intellektueller Art nicht so hoch anzusiedeln, um diese Leistungen zu erbringen.
PW: Haben Sie eine Definition von Genialität?
G.M.: Die Intelligenz ist die Ebene des Potenzials und Genialität die Ebene der Leistung. Bei Musikern, aber auch bei Schachspielern ist es so, dass sie sich von frühster Kindheit an mit einer Sache auseinandersetzen müssen, um darin genial zu werden. Um in einem Bereich Spitzenleistungen zu erbringen, muss man sich lange mit dem Bereich befasst haben. Man muss von der Persönlichkeit so strukturiert sein, dass man lange am Ball bleibt; ein bisschen Dickköpfigkeit schadet sicher auch nicht.
PW: Was muss man tun, um einen intelligenten Menschen zu fördern?
G.M.: Wir (Mittrings Diagnostikinstitut zur Erkennung von Hochbegabung) erstellen Gutachten, die auch Empfehlungen enthalten. Das können ganz simple Empfehlungen sein, wie zum Beispiel die richtige Schule zu wählen. Ich hatte kürzlich wieder jemanden gehabt, der hochbegabt war und drohte, auf eine Hauptschule zu kommen. Es ist schockierend und traurig, sich das Leid solcher verkannter Menschen anhören zu müssen. Über-, aber auch Unterforderungen können zu psychischen Belastungen führen. Das sollte vermieden werden, deshalb ist ein Intelligenztest sehr empfehlenswert.
PW: Haben die Menschen in Ihrer näheren Umgebung Angst davor, dass der Umgang mit Ihnen ein einziger Intelligenztest ist?
G.M.: Oh Gott! Ich versuche mir so wenig wie möglich anmerken zu lassen und mich möglichst normal zu geben. Mein psychologisches Arbeiten stelle ich nicht in den Mittelpunkt. Ich versuche so natürlich wie möglich zu wirken, um zu vermeiden, dass die Leute abgeschreckt sind. Man muss sehr vorsichtig sein. Viele Menschen haben bei dem Begriff "Begabung" oder "Intelligenz" zunächst einmal bestimmte Spannungen zu verarbeiten. Man muss das ganz vorsichtig behandeln, das ist ein ganz delikates Thema.
PW: Erwischen Sie sich manchmal dabei, dass Sie Ihr Gegenüber versuchen zu analysieren, um herauszufinden, wie intelligent er/sie ist?
G.M.: Das läuft automatisch im Kopf ab. Man muss das ja nicht so nach außen durchdringen lassen. Für die psychologische Arbeit ist es ja ganz wichtig, auch hinter den Zeilen, hinter den gesprochenen Worten zu spüren und zu fühlen, was da los ist. Reine Ratio reicht nicht aus. Man muss mehr als pure logische Schlussfolgerungen ziehen, um einen Menschen zu verstehen.
PW: Genies haben 20-mal häufiger psychische Probleme als durchschnittliche Menschen. Wie sieht es bei Hochbegabten aus?
G.M.: Das ist von der einzelnen Biographie abhängig. Die Kindheit ist sehr wichtig. Vier Dinge müssen gegeben sein. Das erste ist die Liebe im Elternhaus, die ist alles andere als selbstverständlich, wenn Sie an die Verhältnisse in vielen Familien denken. Dann braucht man Vorbilder, mit denen man wachsen kann. Hinzu kommen Herausforderungen und Anerkennung. Wenn diese vier Dinge hinreichend gegeben sind, kann man davon ausgehen, dass die Person in einer Stabilität aufwächst. Das gilt für alle Menschen. Die Wahrscheinlichkeit ist geringer, dass ein hochbegabter Mensch diese vier Dinge im gleichen Maß bekommt. Ich glaube, dass Hochbegabte nicht unbedingt unglücklicher sind. Sie durchleben schwierigere Situationen, haben dafür aber auch ein ausgefeilteres Instrumentarium, um mit diesen umzugehen.
PW: Sagt die Alltagserfahrung nicht, dass es hochbegabte Kinder schwerer haben als andere?
G.M.: Die Situation ist genau dann kompliziert, wenn das hochbegabte Kind normal begabte Eltern und Geschwister hat. Dann ist es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit isoliert und wird nicht verstanden. Andersherum dürfte das zu keinerlei Problemen führen, da Hochbegabte mit Verständnis auf den Normalbegabten eingehen können.
PW: Glauben Sie, dass vom Potenzial her in jedem Menschen ein Genie schlummert?
G.M.: Viele Menschen haben ihre gesamten Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Man kann sich ja auch mit soliden Leistungen eine gute Lebensqualität sichern, ohne gleich geniale Leistungen zu bringen. Ich denke, dass in jedem Menschen was Besonderes steckt und dass große Leistungen auch von Menschen mit normalem IQ erbracht werden können.
PW: …doch die Anatomie des Gehirns setzt Menschen Grenzen?
G.M.: Die neuronale Forschung wird uns in jedem Fall im Bereich der Intelligenzforschung weiterhelfen. Es ist durchaus so, dass im Gehirn von Genies neuroanatomische Besonderheiten vorhanden sein können. Das heißt, man hat schon durch die Genetik bedingt besonders gute Voraussetzungen. Man darf die Genetik nicht vollkommen außen vor lassen, sie hat in diesem Bereich eine gewisse Relevanz, das muss man akzeptieren. Manche haben, unfairerweise, durch die Gene bessere Startbedingungen als andere. Das muss man hinnehmen.
Götz Bolten, Stand vom 06.02.2007







