Hochbegabte
Vielfältige Begabung
Der Begriff "Hochbegabung" bezieht sich nicht nur auf rein kognitive Leistungen, sondern ganz allgemein auf ungewöhnlich hohe Leistungen auf einem besonderen Gebiet. Er kann auch kreatives und produktives Denken umschreiben, genauso wie Führungsqualitäten, künstlerische oder psychomotorische Fähigkeiten. In der Regel werden Menschen als hochbegabt bezeichnet, die einen Intelligenzquotienten (IQ) von mehr als 130 haben. Hochbegabte müssen aber nicht unbedingt auch einen hohen IQ besitzen. Sie können äußerst einseitige Begabungen entwickelt haben – wie zum Beispiel einige Gedächtniskünstler oder Kopfrechengenies. Deren besondere Leistungsfähigkeit auf einem Gebiet schränkt allerdings oft die auf anderen ein. Kognitiv Hochbegabte zeichnen sich dagegen eher durch sehr breit gefächerte, überdurchschnittliche geistige Fähigkeiten aus. Die Vererbung scheint dabei durchaus eine wichtige Rolle zu spielen.
Zwischen Erbe und sozialem Umfeld
Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Teil – gut 50 Prozent - der Intelligenz vererbt wird. Ebenso wichtig ist jedoch der Einfluss von Umweltfaktoren. Auch diese Faktoren – Eltern, Freunde, soziales Umfeld – haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung von besonderen Fähigkeiten oder Veranlagungen.
Wie einem Sportler aufgrund seines zunächst erblich bedingten Körperbaus gewisse Leistungsgrenzen gesetzt sind, die er auch bei optimaler Ernährung und ständigem Training nicht überschreiten kann, scheinen auch bei der Intelligenz Gene nur das prinzipiell Mögliche abzustecken. Für die Entwicklung spezieller Begabungen, beziehungsweise der Intelligenz im Allgemeinen, ist es besonders wichtig, wie die Schwangerschaft und die ersten Lebensjahre verlaufen. Bieten Eltern ihren Kindern entsprechende Förderung und Entfaltungsmöglichkeiten, können sich geistige Fähigkeiten und Veranlagungen auch stark entwickeln.
Die Ökonomie des Gehirns
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: Die Zahl der Nerven-Verschaltungen nimmt generell bis zum fünften Lebensjahr enorm zu, danach bis zur Pubertät wieder ab. Dieser Abbau von Verbindungen wird "neural pruning", zu deutsch "neurale Bereinigung", genannt und hat ökonomische Gründe. Denn abgebaut werden ungenutzte, quasi überflüssige Nervenverbindungen, wodurch der Energieverbrauch des Gehirns sinkt. Der Gehirnstoffwechsel steigt also bis zum fünften Lebensjahr stetig an und sinkt danach wieder. Ein Fünfjähriger hat deshalb einen doppelt so hohen Energieumsatz im Gehirn wie ein Erwachsener.
Das allein erklärt zwar noch keine Unterschiede in der Intelligenz. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber ein Befund bei Personen mit Defiziten in der intellektuellen Entwicklung. Sie haben eine wesentlich höhere Zahl von Nerven-Verschaltungen und einen wesentlich höheren Gehirnstoffwechsel. Die "neurale Bereinigung" ist bei ihnen scheinbar ineffektiv beziehungsweise gestört. Dieses Phänomen lässt sich etwa bei Lernbehinderten sowie bei Menschen mit Down Syndrom oder Autismus beobachten. Zu viele Nerven-Verschaltungen kosten übermäßig viel Energie und verhindern, dass die Gehirnaktivität auf wesentliche Bereiche fokussiert wird – was für geistige Leistungen offenbar erforderlich ist und vielleicht auch Hochbegabte von normal Intelligenten unterscheidet. Bewiesen sind diese Hypothesen aber noch nicht endgültig.
Generell scheint zu gelten: Wer intellektuell in den ersten Monaten und Jahren nicht gefördert wird, baut weniger Nervenverbindungen auf. Die geistige Entwicklung kann sozusagen verkümmern.
Merkmale hochbegabter Kinder
Wenn Ihnen als Eltern folgende Merkmale bei Ihrem Kind auffallen, sollten Sie sich eventuell Gedanken über eine Hochbegabung machen:
- Wenig Schlaf,
- frühe Sprachentwicklung (ganze Sätze bereits mit 1 bis 1,5 Jahren),
- permanente Fragen (die früh auf abstraktem Niveau sind),
- liest von alleine und/oder liest sehr viel,
- beschäftigt sich oft sehr lange mit einem Thema,
- weist hohes Detailwissen auf.
Gemeinsame Merkmale aller hoch begabten Kinder sind außerdem ein sehr gutes Gedächtnis, eine hohe Konzentrationsfähigkeit und ein schnelles Reaktionsvermögen.
Hochbegabte und Schule
Ist das Bild vom unverstandenen, isolierten, hochbegabten Kind nun falsch oder richtig? Eine schwer zu beantwortende Frage. Viele Hochbegabte finden sich im Schulsystem gut zurecht, sind integriert, selbstbewusst und erbringen gute Leistungen. Andere, die so genannten "Underachiever", fallen dagegen durch ihr negatives Verhalten auf. Im Extremfall wurden manche hoch Begabte sogar schon von Lehrern als lernbehindert eingestuft. Die Ursache von schlechten Schulleistungen an sich hoch intelligenter Schüler könnte in deren permanenter Unterforderung und dadurch entstehender Langeweile liegen.
Hochbegabte Kinder sind Gleichaltrigen in ihrer Entwicklung und Denkstruktur oft weit voraus. Das kann zur Isolierung führen. Manche Kinder sondern sich ab, weil sie von Altersgenossen und auch Erwachsenen nicht verstanden oder als altklug bezeichnet werden. Oft bekommen die Kinder dann das Gefühl anders zu sein, nicht normal zu sein. Bei Jungen kann sich das durch Verhaltensauffälligkeiten wie zum Beispiel Störungen im Unterricht, Aggressivität und Ungeduld äußern. Hochbegabte Mädchen dagegen versuchen eher, sich Normen anzupassen, bekommen schnell das Image von Strebern, träumen, ziehen sich zurück, entwickeln manchmal sogar psychosomatische Störungen. Es gibt Berichte, aus denen hervorgeht, dass bei Hochbegabten auch schon ADS (allgemeine Aufmerksamkeitsstörung) oder Hyperaktivität diagnostiziert wurde. Das ist aber keinesfalls ein Normalbild und nicht jedes verhaltensauffällige Kind ist hoch begabt. Wie hoch der Anteil ist, ist nur schwer abzuschätzen.
Probleme im Umgang mit anderen Menschen?
Die Klischees vom geistesabwesenden, introvertierten Sonderling sitzen tief in vielen Köpfen. Viele Hochbegabte gelten als "schwierig". Manchmal weltfremd, oft in Gedanken versunken – etwas sonderbar, wenn sie Gedankensprünge machen, die viele nicht nachvollziehen können. Arrogant, zu sensibel, zu selbstkritisch, zu perfektionistisch – derlei Beschreibungen gibt es viele. Vielleicht haben manche Hochbegabte tatsächlich Probleme im Umgang mit anderen Menschen, sind sozial isoliert. Verallgemeinern kann man diese Umschreibungen aber sicher nicht. So kommt etwa die Beratungsstelle Hochbegabtenförderung e.V. zu dem Schluss, dass hochbegabte Kinder häufig über ein ausgeprägtes Moral- und Verantwortungsbewusstsein sowie ein gutes Einfühlungsvermögen verfügen.
Förderung von Hochbegabten
Die Förderung von Hochbegabten ist in Deutschland noch nicht auf dem Niveau des angloamerikanischen Raums, erfährt aber inzwischen mehr Beachtung. Zu den privaten Förderschulen für Hochbegabte in Deutschland gehören die Christophorus-Schulen in Königswinter, Rostock und Braunschweig. Zu den staatlichen Fördereinrichtungen gehört zum Beispiel das Gymnasium Mainz-Gonsenheim, das seit 2004 eine Schule für die Hochbegabtenförderung unterhält.
Die Hochbegabtenförderung e.V. bietet Beratung und spezielle Förderkurse für hochbegabte Kinder an, führt selbst aber keine Tests durch. Auch die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) bietet spezielle Kurse an. Unabhängig informiert "Brain" von der Universität Marburg über Probleme und Förderung hochbegabter Kinder. Dort werden auch leistungsdiagnostische Tests angeboten.
Jochen Zielke, Stand vom 01.06.2009










