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Zeitrhythmus des Menschen

Über Millionen von Jahren bestimmte die Natur mit ihrem täglich Licht-Dunkelwechsel unseren Alltag. Der Mensch entwickelte einen typischen Biorhythmus mit täglichem Leistungshoch und nächtlichem Leistungstief. Das Sonnenlicht ist der wichtigste, äußere Taktgeber. Es eicht die inneren Uhren täglich neu auf einen 24-Stunden-Rhythmus mit Aktivitäts- und Ruhephasen. Doch seit Erfindung der Glühbirne macht der Mensch die Nacht zum Tag. Als Folge von Schlafmangel und Übermüdung häufen sich Fehlern, Unfälle und Krankheiten.

Eine Frau steht neben einem großen Ziffernblatt und dreht an einem Zeiger. (Rechte: dpa)

Wie tickt unsere innere Uhr?

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Die innere Uhr tickt bei jedem anders

Man hört sie nicht, man sieht sie nicht – aber sie ticken unablässig und halten sich nicht an die von unserer Gesellschaft vorgegebenen Zeiten: Die inneren Uhren des Körpers. Wer morgens mit den ersten Sonnenstrahlen aufsteht und leicht aus dem Bett kommt, gilt in unserer Gesellschaft als fleißig und strebsam. Langschläfer dagegen haben das Image von Faulenzern. Zu Unrecht, behaupten heute viele Wissenschaftler. Es ist nicht fehlender Arbeitswille, sondern eher eine Frage der inneren Uhren. Genauer gesagt: der Gene, die unseren Biorhythmus vorgeben. Die inneren Uhren ticken individuell von Mensch zu Mensch leicht unterschiedlich und bestimmen den Alltag. Sie sind verantwortlich für das stetige Auf- und Ab im Tagesverlauf, für die Schwankungen zwischen fit und müde. Unser Biorhythmus lässt uns zu bestimmten Zeiten aufwachen und wieder einschlafen. Bei den Langschläfern beginnt der Tagesrhythmus einfach etwas später. Und daran können sie wenig ändern, denn alles verläuft nach einem inneren, genetisch festgelegten Zeitprogramm.

Eine Biene sitzt auf einer weißen Blüte. (Rechte: dpa)

Die Rhythmen aufeinander abgestimmt

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Biorhythmus bei Pflanzen und Tieren

Als sich vor circa einer Milliarde Jahren die ersten Organismen entwickelten, geschah dies im Einklang mit der Natur. Auch heute noch bestimmt das Licht von Sonne und Mond, der stetige Wechsel von Tag und Nacht, als äußerer Taktgeber die Aktivitäts- und Ruhephasen der Lebewesen. Mikroben, Pflanzen, Tiere, Menschen – sie alle leben unter der sanften Diktatur der Sonne. Ihr Licht ist für den Biorhythmus der Lebewesen verantwortlich. Licht stellt die inneren Uhren gewissermaßen jeden Tag aufs Neue genau ein, auf einen 24-Stunden-Rhythmus, der in Abhängigkeit zur Erdrotation steht. Die "Uhren-Gene" dagegen geben den Grundrhythmus vor.

Das Leben auf unserer Erde ist ein Spiegel der Biorhythmen im 24-Stunden-Takt. Pflanzen und Tiere haben ihre Biorhythmen in Co-Evolution sozusagen aufeinander abgestimmt. Viele Pflanzen öffnen und schließen die Blüten zu bestimmten Zeiten. Bienen stellen ihre Besuche darauf ein. Manche Pflanzen haben auch über mehrere Tage durchgehend geöffnete Blüten und produzieren dabei tagesperiodisch in unterschiedlicher Menge Duftstoffe und Nektar. Bestäuber merken sich solche günstigen Zeiten. Umgekehrt gibt es auch Pflanzen, die nur nachts ihre Blüten öffnen. Auf diesen Rhythmus haben sich zum Beispiel die Nachtfalter eingestellt. Diese Beispiele zeigen, wie wichtig "Timing" für Lebewesen ist. "Timing" ist aber nur möglich, weil es innere Uhren gibt. Sie verleihen den Organismen (und damit auch dem Menschen) die Fähigkeit, regelmäßige Veränderungen in ihrer Umwelt vorherzusehen und rechtzeitig darauf zu reagieren. Das verschafft ihnen einen Überlebensvorteil. Und so überrascht es nicht, dass die Evolution eng mit der Entwicklung von biologischen Rhythmen verbunden ist.

Fabrik mit rauchenden Schloten im Abendlicht. (Rechte: ddp)

Auch nachts stehen die Fabriken nicht still

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Die natürlichen Rhythmen geraten durcheinander

Der Mensch ist heute dabei, sich vom Rhythmus der Natur abzukoppeln. Er macht seit einiger Zeit die Nacht zum Tag. Als Thomas Edison 1879 die Glühbirne erfand, verlor das Sonnenlicht als wichtiger bestimmender Faktor für Ruhe- und Wachzeiten immer mehr an Bedeutung. Im Prinzip verdoppelte sich plötzlich die nutzbare Zeit und mit zunehmender Industrialisierung verlängerten und verschoben sich die Arbeitszeiten. Plötzlich war auch Spät- und Nachtarbeit möglich. Immer mehr Menschen begannen gegen ihren natürlichen Biorhythmus zu leben, der sich nicht einfach verändern lässt.
Die inneren Uhren stellen sich nicht ohne weiteres auf Nachtschicht um. Sie behalten ihren eigenen Rhythmus bei. Fehlt dann noch helles Sonnenlicht, wird der Körper dazu veranlasst, Hormone zu produzieren, die Müdigkeit und Schlaf hervorrufen; gleichzeitig sinken Blutdruck und Körpertemperatur. Nachts bleiben wir auf Ruhe und Regeneration programmiert. Missachten wir diesen biologischen Rhythmus, kann das schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben. Schichtarbeiter leiden oft unter chronischen Verdauungsproblemen, Herz-Kreislauf-Problemen und psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Schlafstörungen. Zu wenig Schlaf kann die Leistung des Immunsystems schwächen, das Gedächtnis beeinträchtigen und Konzentrationsstörungen hervorrufen.

Luftaufnahme des zerstörten Reaktorblocks des ukrainischen Atomkraftwerks in Tschernobyl (Aufnahme von 1986). (Rechte: dpa)

Um 1.23 Uhr explodierte der Reaktor in Tschernobyl

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Chronobiologie und Chronomedizin

Wer lange versucht, gegen seinen Biorhythmus zu leben, macht Fehler. Der Mensch ist tagaktiv und einfach nicht für Nachtarbeit geschaffen. Schlafforscher machen das nächtliche Leistungstief für viele große Katastrophen verantwortlich. Der Supergau im Kernkraftwerk Tschernobyl, ausgelöst nachts durch übermüdete Techniker. Sie wollten die Leistung des Reaktors herunterfahren, machten dabei aber Fehler und der Reaktor explodierte. Das Tankerunglück der Exxon Valdez. Kurz nach Mitternacht lief das Schiff im Golf von Alaska auf Grund und 1,3 Millionen Barrel Öl liefen aus. Auch die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal führen Experten auf übermüdetes Personal zurück. Man könnte die Aufzählung großer Unglücke beliebig erweitern. Müdigkeit als Unfallursache wird häufig unterschätzt, warnen Chronobiologen. So passieren auch zwei Drittel aller Autounfälle nachts zwischen 2 und 4 Uhr.

Würde man die Erkenntnisse der Chronobiologie oder Chronomedizin in unserem Arbeitsalltag besser umsetzen, ließen sich viele Unfälle, Fehler und Krankheiten vermeiden. Die Gesellschaft insgesamt könnte von der stärkeren Beachtung der Biorhythmen profitieren. Till Roenneberg, Chronobiologe an der Universität München, glaubt, dass mehr als die Hälfte der Deutschen zum Chronotyp der Langschläfer gehört. Sie kommen erst etwas später in Hochform. Doch unsere Gesellschaft zwingt sie oft mit einem frühen Arbeits- oder Schulbeginn täglich zum "Kaltstart". In diesem Sinne ist die Einführung von Gleitzeiten als echter Fortschritt zu bewerten. Manche können so ihren individuellen Tagesrhythmus besser an die Erfordernisse unser Gesellschaft anpassen.

Jochen Zielke, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die innere Uhr - Biorhythmen , 25.10.2005

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