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Interview: Gewürze als Heilmittel

Schon das Gewürzregal seiner Großmutter hat Frank Holl neugierig auf die verschiedenen Körner, Pulver und Nüsse gemacht. Spannend, exotisch und rätselhaft findet der Historiker Gewürze. Und deshalb beschäftigt er sich mittlerweile auch beruflich mit dem Thema. Er war Kurator einer Gewürzausstellung und arbeitet an einem Buch über die Kulturgeschichte der Gewürze. Mit Planet Wissen sprach Frank Holl über die heilende Wirkung von Nelke, Muskat und Wacholder.

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Planet Wissen (PW): Herr Holl, welche Wirkungen von Gewürzen sind wissenschaftlich bewiesen?

Frank Holl (F.H.): Viele Gewürze enthalten bestimmte Wirkstoffe – vor allem ätherische Öle. Dass die in größerem oder geringerem Maße unsere Gesundheit beeinflussen, ist inzwischen auch durch Tierversuche bewiesen worden. Sie wirken etwa appetitanregend und verdauungsfördernd. Allerdings sind die Mengen, in denen wir Gewürze zu uns nehmen, relativ gering. Aber wenn man Destillate aus diesen Gewürzen herstellt, zum Beispiel bestimmte Öle, lässt sich eine medizinische Wirkung tatsächlich nachweisen.

Gewürznelken, Muskat und Wacholderbeeren (Rechte: WDR)

Gut für Appetit und Verdauung

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PW: Haben Sie Beispiele für uns?

F.H.: Die Gewürznelke enthält ätherisches Öl, ungefähr 15 bis 21 Prozent. Das besteht zu circa 90 Prozent aus dem Wirkstoff Eugenol. Eugenol wirkt unter anderem verdauungsfördernd. Im Tierversuch hat man nachgewiesen, dass die Gewürznelken auch gegen Magengeschwüre helfen und möglicherweise sogar vor krebserregenden Schadstoffen schützen. Am Menschen ist zudem bewiesen: Nelkenöl wirkt entzündungshemmend und antibakteriell und hilft gegen Migräne und Herpes. Früher wurde das Öl vielfach in der Zahnheilkunde verwendet, zum Beispiel als Zusatz von Wurzelkanalfüllungen, da es eine gute antiseptische, leicht ätzende, entzündungshemmende und anästhetische Wirkung besitzt.

Ein weiteres Beispiel ist die Muskatnuss. Sie enthält bis zu 16 Prozent ätherisches Öl mit dem Inhaltsstoff Myristicin. Auch die Muskatnuss wirkt appetitanregend und verdauungsfördernd. Sie hilft gegen Durchfall, ist entzündungshemmend und schmerzlindernd. Extrakte aus Muskatnüssen und -blüten haben ebenfalls gute antibakterielle Eigenschaften. Im Tierversuch wurde nachgewiesen, dass sie Thrombosen hemmen und Cholesterin senken. Solche Versuche haben auch gezeigt, dass Myristicin außerdem die Konzentration von Serotonin – im Volksmund auch als "Glückshormon" bezeichnet – im Gehirn steigern und so als Antidepressivum wirken kann.

Verschieden reife Muskatnüsse (Rechte: dpa)

Zu viel Muskatpulver kann zum Kollaps führen

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PW: Es gilt aber nicht das Motto: Viel hilft viel, oder?

F.H.: Alles, was man einnimmt, kann im Prinzip eine Vergiftung auslösen, wenn Sie es in zu hohen Dosen einnehmen. Bei den Gewürzen ist es auch so. Es gibt sogar manche, die wirklich gefährlich sein können. Dazu zählt auch die Muskatnuss. Ab einer Dosis von fünf Gramm Muskatpulver, die man auf einmal zu sich nimmt, kommt es zu Vergiftungserscheinungen: Schwindel, Erbrechen, Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Herzrasen, schwacher Puls, bis hin zu Todesangst, Kollaps und Delirium. Sogar Todesfälle wurden ab einer Dosis von fünf Gramm nachgewiesen. Da Muskatpulver auch Rauschzustände auslöst, wird es manchmal als Droge oder Ersatz für andere Drogen verwendet. Es kann intensive Halluzinationen hervorrufen.

Wacholderbusch (Rechte: WDR)

Schon die alten Ägypter schätzten Wacholder

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PW: Seit wann macht sich der Mensch die heilende Wirkung von Gewürzen zunutze?

F.H.: Aus dem alten Ägypten ist ein Papyrus aus der Zeit um 1500 vor Christus überliefert. Darin sind ungefähr 800 Rezepte aufgelistet, auch Gewürze, die gegen bestimmte Krankheiten helfen, zum Beispiel Wacholderbeeren, die als harntreibend beschrieben werden, der Kreuzkümmel als krampflösend und Sellerie als entzündungshemmend. In vielen alten Kulturen waren die Gewürze eben nicht nur in der Küche, sondern auch wegen ihrer Heilkraft beliebt.
Hippokrates, der bedeutendste Arzt der Antike, hat einmal gesagt: "Lass Nahrung dein Heilmittel sein." Er war sich schon damals der heilenden Bedeutung der Ernährung bewusst.

Hildegard von Bingen auf einer Bildpostkarte, ca. 1910. (Rechte: AKG)

Hildegard von Bingen

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PW: Wie kamen diese Kenntnisse dann zu uns?

F.H.: In erster Linie über die Benediktinermönche, die sich der Nächstenliebe und der Medizin verpflichtet fühlten und auch Landwirtschaft betrieben. Sie studierten gründlich die Schriften der Antike und der Araber und legten Klostergärten mit Kräutern und Gewürzen an, die als heilend überliefert waren. Die berühmteste Benediktinerin ist Hildegard von Bingen. In der "Physica", ihrer Schrift über die Heilmittel, hat sie die Verwendung von verschiedenen wohltuenden Gewürzen beschrieben – etwa Gewürznelke bei Gicht, Ingwer bei Magenproblemen oder Zimt bei Kopfschmerzen. Über die Muskatnuss schreibt sie: "Und wenn ein Mensch die Muskatnuss isst, öffnet sie sein Herz, reinigt seinen Sinn und bringt ihm einen guten Verstand."
Ungefähr im 14. Jahrhundert entstand dann der neue Beruf des Apothekers. Neben Tinkturen oder Salben gab es in den Apotheken auch Heilkräuter und Gewürze zu kaufen.

Ingwerknollen (Rechte: WDR/Joker)

Ingwer wirkt auch in geringen Dosen

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PW: Setzen Sie auch selbst Gewürze ein, wenn Sie irgendetwas plagt?

F.H.: Ich denke zwar nicht, dass bei den geringen Dosen, die wir in der Küche verwenden, eine große Wirkung gegen einzelne Wehwehchen direkt nachweisbar ist. Aber generell kann ich sagen: Ich koche gerne mit Ingwer, Knoblauch, Kardamom und Muskat, weil ich weiß, dass sie appetitanregend und verdauungsfördernd wirken – auch in geringeren Dosen.

Zur Erfrischung kaue ich gerne mal ein Stück Zimtrinde oder eine Gewürznelke, wie im alten China. Auch benutze ich ein Mundwasser, das Nelke, Anis, Salbei, Pfefferminze und Kamille enthält. Es ist erstaunlich, in wie vielen Mundwässern Gewürze enthalten sind. Grundsätzlich finde ich aber: Es fehlen bisher gute, empirische, medizinische Studien zur Frage: Wie groß ist die Heilwirkung der Gewürze auf den Menschen? Da kann man, glaube ich, noch einiges neu entdecken.

Interview: Martina Schuch, Stand vom 02.08.2011

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