Vom Steinzeiteintopf zum Waldgericht
Tier und Mensch als Samen-Sänfte
Vor allem im Herbst zieht es uns zum Beeren- und Pilze-Sammeln in die Wälder. Leckere Früchte leuchten jetzt reif und saftig von Hecken und Sträuchern. Wir werden dabei natürlich nicht ohne Hintergedanken beglückt. Listig, wie die Natur nun einmal ist, hat sie sich für einige Pflanzen eine besonders bequeme Vermehrungsstrategie einfallen lassen. Die Samen werden in süßes Fruchtfleisch gepackt, ihres Aromas wegen von Vögeln, Säugern und anderen Tieren gefressen und können sich so in ihrem warmblütigen Transportvehikel über den Land-, Wasser- oder Luftweg in weit entfernte Gebiete manövrieren lassen. Aber Vorsicht! Manche Früchte sind für uns hochgiftig, für manche Tiere dagegen durchaus genießbar.
Wildpflanzen-Boom mit Steinzeitwurzeln
Für die Menschen der Steinzeit war das Sammeln und Zubereiten von Wildpflanzen überlebensnotwendig. Wer konnte garantieren, dass die Jagd der Männer erfolgreich war – oder dass sie überhaupt zurückkehrten? Blätter, Blüten, Früchte und Wurzeln gab es das ganze Jahr über in rauen Mengen. In vorteilhaften Klimazonen brauchten die Frauen, die zum Pflanzen-Sammeln ausschwärmten, nur wenige Stunden, bis sie genug für einen nahrhaften Steinzeit-Eintopf zusammen hatten.
Wertvolles Wissen
Das Wissen über die essbaren Wildpflanzen, ihre Zubereitung und Heilwirkung wurde von Generation zu Generation über Jahrtausende weitergegeben, auch als die Menschen schon längst Ackerbau betrieben. Im Mittelalter forschten naturinteressierte Menschen viel und ausführlich über die Heilwirkung von Wildkräutern, das Wissen gaben Mönche schriftlich weiter. Bis zum Zeitalter der Industrialisierung war das "Essen aus dem Wald" auf dem Speisezettel eine ganz normale Angelegenheit und in Kriegszeiten für viele Menschen häufig die einzige Nahrungsquelle. Dann ging alles ganz schnell. Das Wirtschaftswunder und die Globalisierung der Märkte zerstörten innerhalb weniger Jahrzehnte eine Jahrtausende alte, funktionierende Tradition. Bedeutete diese Entwicklung nun das "Aus" für die Wildpflanzen?
Starkes Comeback – Wildpflanzen erobern die Gourmet-Küche!
Wildpflanzen gab es immer. Blumenkohl, Karotte oder Getreide haben allesamt wilde Vorfahren. Und die sind durchaus nicht zu verachten. Im Vergleich zu ihren "kultivierten" Urururenkeln schneiden die Wildformen besser ab, zumindest was den Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen betrifft. In den vergangenen Jahren erleben sie ein Comeback. Sogar Spitzenköche haben das Potenzial der intensiven Aromen wiederentdeckt und tüfteln an ausgefallenen Kreationen für den Gourmet-Gaumen. Kochen mit Wildpflanzen ist inzwischen zum Luxus geworden. Das Pflücken, Sortieren, Lagern und Verarbeiten ist im Vergleich zu den standardisierten Lebensmittelzubereitungen zeitaufwändig und mühsam. Dafür wird man belohnt mit ausgesprochen leckeren und nahrhaften Gerichten. Gratis bekommt man beim Schlemmen noch Wissenswertes über die Botanik der Region und ihren Wandel im Laufe der Jahreszeiten geliefert. Auch Heimatkunde kann durch den Magen gehen!
Susanne Decker, Stand vom 01.06.2009








