Kochen mit Veganern
Politisch oder kulinarisch?
Jan Schaumlöffel (28), Anna Kremeier (30) und Marcus Sattler (36) kennen sich über die VegaDo-Gruppe. Das sind vegan lebende Leute in Dortmund, die sich regelmäßig treffen. Anfang 2010 haben sie sich zusammengeschlossen. Damals gerade mal 20, sind es jetzt schon fast 50 Teilnehmer. Und die Gruppe wächst. Die Interessen sind unterschiedlich. "Da gibt es die, die sich auch politisch engagieren, aktiv Öffentlichkeitsarbeit betreiben", erklärt uns Jan. Und dann gäbe es in der Gruppe auch diejenigen, denen es mehr ums Kochen, Essen und Rezepte ausprobieren gehe. Sie treffen sich im Kochkreis und tauschen sich aus. Demnächst steht der erste große vegane Brunch in einem Dortmunder Café an. Und welcher Typ Veganer ist Jan? Er lächelt: "Typ zwei." Dann ab an die Kochtöpfe.
Aus Pulver ein Schnitzel
Jan macht im Backofen Kartoffelecken und hat Räucher- und Nuss-Tofu zum Braten mitgebracht. Marcus kocht Karotten-Kohlrabi-Gemüse und macht Mayonnaise, selbstverständlich ohne Ei. Anna hat sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie zeigt uns, wie man Seitan zubereitet und wie daraus Schnitzel, Geschnetzeltes oder Spieße entstehen können. Seitan wird aus Gluten gemacht, einem Weizeneiweiß, das aussieht wie gelbes Mehl.
Anna vermischt das Pulver mit Sojasauce, Gemüsebrühe, Tomatenmark, Würzhefeflocken und Gewürzen und macht einen Teig. Schnell geknetet und in größere Stücke geschnitten, verschwindet der für lange Zeit in einem Topf mit kochender Gemüsebrühe: "Mindestens eine Dreiviertelstunde muss der jetzt vor sich hin köcheln. Vielleicht auch länger." Zeit, um ein paar Fragen zu stellen. Denn man wacht ja nicht eines Morgens auf und ist Veganer, oder?
Dem Tier zuliebe
Bei Anna und Marcus gab es ein Schlüsselerlebnis. Sie besuchten einen Tierschutzhof in Bremerhaven, wo die "Ungewollten" und "Entsorgten" unterkommen, erzählen sie. Hier finden geschundene Hühner und ausgemergelte Milchkühe ein neues Zuhause. Seit dem Besuch dort können die beiden kein Fleisch mehr anrühren: "Schlimme Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt", erzählt uns Anna. Nach kurzer Zeit als Vegetarier haben Anna und Marcus sich schnell überlegt, auch Eier und Milch wegzulassen. "Dann sind wir wohl jetzt vegan, habe ich damals gesagt", erklärt uns Marcus. "Ein Zurück gibt es für uns nicht mehr. Wir können ja nicht das, was wir gesehen haben, aus unseren Köpfen löschen. Unwissenheit ist ein Segen."
Vegan sein betreffe auch nicht nur das Essen, erzählt er. Ein Veganer trägt weder Lederschuhe noch -kleidung, auch keine Wolle: "Vegan ist eine Lebenseinstellung." Jan nickt. Und Anna fügt hinzu: "Ich will keine Tiere beherrschen oder nutzen. Und vegan sein bedeutet für mich auch keinen Verzicht. Es gibt so viele Alternativen. Wir lassen ja nicht einfach nur das Tierische weg, wir ersetzen es durch anderes Essen und leben eigentlich auch ziemlich normal. Morgen treffe ich mich mit Freundinnen und wir machen veganen Toast Hawaii." Anna lacht. "Den herkömmlichen habe ich noch nicht mal früher als Fleischesserin probiert."
Vegan = gesund?
Klingt alles ziemlich locker und entspannt. Doch als Veganer muss man sich schon ständig Gedanken machen, was man essen kann und was nicht. Anstrengend findet Jan das aber nicht, sondern eher positiv: "Ich mache mir jetzt insgesamt viel mehr Gedanken, was ich eigentlich esse und was wo drinsteckt."
Und der Vitamin-B-12-Mangel, der laut Ärzten für Veganer ein echtes Problem sein soll? Denn B 12 ist vorwiegend in Fleisch, Milch und Eiern enthalten und wichtig für die Bildung von roten Blutkörperchen. "Auch einem Fleischesser kann B 12 fehlen. Der weiß es nur nicht, weil er das nicht regelmäßig testen lässt. Mein B-12-Haushalt ist okay. Und B 12 kann man ja auch als Tablette einnehmen", sagt Jan.
Und Anna ergänzt "Während der Ernährungsumstellung beschäftigt man sich ganz intensiv mit allem, muss im Geschäft auf den Produkten lesen, was drinsteckt und seinen Vitaminhaushalt checken." Das gehe aber ganz schnell in Fleisch und Blut über. Und wenn mal Kinder kommen? "Zu Hause gibt's veganes Essen. Wir werden ihnen erklären, warum wir so leben. Aber was sie draußen essen, liegt in ihrem Ermessen", sagt Anna. "Sie müssen ihren eigenen Weg finden und das sollen sie auch", fügt Jan hinzu.
Vegan urlauben
Außer Haus wird es immer einfacher, vegan zu essen, sagen die drei. Gerade im Städteurlaub zum Beispiel sei es überhaupt nicht schwierig, ein Restaurant zu finden, im Gegenteil. In London reiht sich ein veganer Laden an den nächsten, erzählt Marcus: "Großartig, ein Paradies. Da kann man sich fast gar nicht entscheiden." Bevor man eine Reise tut, muss man sich jedoch immer informieren, wo man als Veganer auch eine schmackhafte Urlaubszeit verbringen kann. Freunde von Anna, Marcus und Jan waren jüngst in einem veganen Hotel in Süddeutschland.
Mittlerweile gibt es auch diverse Versandhäuser und Geschäfte, die vegane Lebensmittel verkaufen. Die Wirtschaft hat also schon die neue Zielgruppe erspäht und bietet ihr alle möglichen pflanzlichen Köstlichkeiten an. Unsere sind jetzt fertig: gebratene Tofuscheiben, Kartoffelecken, gemischtes Gemüse mit Mehlschwitze und selbstgemachte Mayo. Nur der Seitan lässt auf sich warten und ist nach eineinhalb Stunden noch nicht fest genug fürs Schnitzelbraten. Die Zubereitung ist aufwendig. Unser Fazit des Kochabends: Irgendwie ist das Essen doch gar nicht so anders. Bis auf den Tofu. Aber der ist schön kross geworden. Vegan muss man jetzt nicht werden, aber ab und zu mal einen rein pflanzlichen Tag einlegen? Warum eigentlich nicht.
Claudia Kynast, Stand vom 07.10.2010









