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Vitamine

Man sieht sie nicht, man schmeckt sie nicht - doch Vitamine sind unerlässlich für unsere Gesundheit. In kleinsten Dosen entfalten sie beachtliche Wirkungen: Sie stärken unser Immunsystem, sind gut für die Nerven, sind entscheidende Rädchen in unserem Stoffwechsel und vieles mehr. In Zeiten von Fast Food und schlechtem "Ernährungs-Gewissen" fühlen sich viele unterversorgt und schlucken - getreu dem Motto: "Viel hilft viel" - auch gerne einmal Extraportionen. Aber tut man sich damit wirklich was Gutes?

Ein Teller mit aufgeschnittenem Obst (Rechte: picture alliance)

Öfter mal Obst und Gemüse essen

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Wunderwaffen aus dem Supermarkt?

Jeder von uns stand sicher schon einmal vor einem Supermarktregal mit ACE-Vitamin-Präparaten, Multivitamin-Schachteln, hochkonzentrierten Frucht- oder Obstsäften, Powerdrinks oder ähnlichen biologischen Wunderwaffen für körperliche und mentale Fitness, Hightech-Pillen gegen Altern oder Krankheiten. Sollte man seinem Körper, gebeutelt vom Alltagsstress, nicht auch einmal etwas Gutes tun? Vielleicht eine Extraportion Mikronährstoffe, um kleine Ernährungssünden auszugleichen? Wir brauchen Vitamine - ohne sie könnten wir nicht leben, das ist sicher. Die Frage ist nur, wie viel von welchen Vitaminen brauchen wir denn tatsächlich täglich, und, mit welchen Lebensmitteln erreichen wir eine optimale, ausgewogene Vitaminversorgung? Kommen hochkonzentrierte Vitaminpräparate oder "Functional Food" als Alternative oder gar als Ersatz für natürliche Lebensmittel in Frage? Ist ein Zuviel des Guten, also eine Überdosis Vitamine, vielleicht sogar gesundheitsschädlich? All diese Fragen werden von Experten sehr kontrovers diskutiert. Endgültige Wahrheiten gibt es in Sachen Vitamine noch nicht. Letztendlich muss sich jeder über die Bedeutung selbst ein Urteil bilden.

Profil einer Person, die vor dunklem Hintergrund gerade Rauch ausbläst. (Rechte: ddp)

Vitamine helfen im alltäglichen Kampf gegen die Schadstoffe aus der Umwelt

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Vitamine - die kleinen Unbekannten

Dass es Vitamine gibt und welche Bedeutung sie haben, ist noch gar nicht solange bekannt. Vitamin C oder auch Ascorbinsäure, sozusagen das Synonym für Vitamine, wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts vom Ungarn Albert Szent-Györgyi entdeckt. Er isolierte Vitamin C aus Paprika und Kohl. 1933 klärte dann Norman Haworth auch die chemische Struktur auf. Beide erhielten dafür 1937 den Nobelpreis für Medizin und Chemie.

Die meisten der heute bekannten Vitamine wurden zwischen 1925 und 1940 entdeckt. In den dreißiger Jahren standen dabei vor allem die B-Vitamine im Mittelpunkt des Interesses. Wissenschaftler wie Hans von Euler-Chelpin, Paul Karrer, Richard Kuhn, Hugo Theorell sowie Otto Warburg wurde damals für ihre bahnbrechenden Entdeckungen allesamt mit einem Nobelpreis geehrt. Verbesserte Messmethoden und Fortschritte bei der Molekularanalyse chemischer Verbindungen sorgten für einen enormen Erkenntnisgewinn im Bereich der Medizin. Weltweit waren damals über 20 Teams auf der Suche nach den lebensnotwendigen Vitaminen. Ihr Interesse galt Obst und Gemüse aber auch der Leber, der Niere, der Hefe ja sogar Schmetterlingsflügeln. So entstand in den zwanziger Jahren erstmals ein Vitaminbewusstsein - die Einsicht, dass eine abwechselungsreiche und vitaminhaltige Kost wesentlicher Bestandteil einer gesunden Ernährung ist. Die Entdeckung der Vitamine sorgte auch bei den Herstellern von Küchengeräten für glänzende Geschäfte, denn sie entwickelten damals die ersten vitaminschonenden Gerätschaften für den Hausgebrauch. Bei den 13 bekannten Vitaminen unterscheidet man zwischen den fettlöslichen und den wasserlöslichen Vitaminen. Die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K werden mit fetthaltigen Nahrungsmitteln aufgenommen. Weil sie in den Fettdepots des Körpers gespeichert werden können, müssen sie nicht täglich aufgenommen werden. Anders ist dies bei den wasserlöslichen Vitaminen. Die insgesamt 8 B-Vitamine und das Vitamin C können nicht gespeichert werden, sondern müssen regelmäßig ergänzt werden. Nur das Vitamin D kann der Mensch selbst herstellen. Alle anderen Vitamine müssen über die Nahrung aufgenommen werden.

Vitamine sind winzige Moleküle, die in kleinsten Konzentrationen (Milligramm und weniger) große Wirkung im Körper entfalten. Vitamine sorgen dafür, dass wir Nährstoffe aufnehmen, verarbeiten und neue Moleküle synthetisieren können. Vitamine sind unerlässlich für unsere Energieproduktion. Sie sorgen für körperliche und geistige Fitness, schützen den Körper vor Verfall. Ein einzelnes Vitamin kann an tausenden, verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt sein. Gleichzeitig arbeiten Vitamine auch zusammen und können sich in ihrer Wirkung verstärken. Vermutlich wirken die "Multifunktionsmoleküle" an der Regulation von mehr als 100.000 Stoffwechselabläufen mit.

Aufgeschnittene Orangen. (Rechte: WDR)

Heilmittel gegen Skorbut

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Frühe Schiffs-Erkenntnisse

Länger anhaltender Vitamin-Mangel kann zu folgenschweren Krankheiten führen. Die berühmteste Vitamin-Mangelkrankheit ist sicher "Skorbut", ausgelöst durch zu wenig Vitamin C. Seefahrer erkrankten früher während langer Fahrten oft an Zahnfleischfäule, Bindegewebeschwäche, Muskelschwund und starben letztendlich an Organversagen, weil sie keine frischen, vitaminhaltigen Lebensmittel an Bord hatten. 1776 wurde der Weltumsegler James Cook dafür geehrt, dass er keine Matrosen mehr durch Skorbut verlor. Neben Zwieback und Dörrfleisch hatte er auch Sauerkraut und Zitronen an Bord. Den Tipp dafür hatte er Jahre zuvor vom englischen Schiffsarzt James Lind erhalten. Der hatte einige Skorbut-Patienten erfolgreich mit Zitronen und Orangen behandelt.

Krankheiten in Folge von Vitaminmangel waren früher weitaus häufiger als heute. Besonders in Asien litten die Menschen bis ins 20. Jahrhundert an Beriberi, einer Nervenkrankheit, die in Folge eines Vitamin B1-Mangels häufig einen tödlichen Verlauf nahm.

Aufgrund der reichlichen Nahrungsangebote herrscht heute in Deutschland in der Regel kein Vitaminmangel mehr. Was nicht heißt, dass Mangelerkrankungen nicht mehr vorkommen können. Gefährdet sind vor allem Senioren, bei denen ein Vitamin D- und Kalzium-Mangel das Risiko für Knochenschwund und Knochbrüche deutlich erhöht. Bei Schwangeren warnen Mediziner immer wieder vor einem Folsäuremangel, der zu schweren Schäden beim Fötus führen kann.

Eine Scheibe Brot mit Quark. (Rechte: imago)

Funktionales Lebensmittel mit Vitaminzusatz?

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Gesund durch Vitaminpillen?

Hochkonzentriert - angereichert in Säften, Joghurts, Brot und anderen Lebensmitteln - werden Vitaminen heute wahre Wunderdinge zugeschrieben, von lebensverlängernden Anti-Aging-Effekten bis hin zur Krankheitsprophylaxe. Vitaminpräparate boomen seit den 1980er Jahren. Die Nahrungsmittel-Industrie witterte damals ein neues Geschäftsfeld und wirbt seitdem aggressiv für Multivitaminpräparate und neue "funktionelle Lebensmittel mit Vitaminzusätzen". Extrarationen an Vitaminen und anderen Nahrungsmittelergänzungsstoffen sollen eventuelle Mangelzustände ausgleichen und darüber hinaus sogar gegen verschiedenste Krankheiten wie zum Beispiel Krebs, Herzkreislauf-Probleme, Osteoporose, Sehschwächen und vieles mehr vorbeugen. Sogar heilende Wirkungen werden Vitaminen zugesprochen - kein Wunder, wenn man davon ausgeht, das 70 Prozent aller Krankheiten ernährungsbedingt sein sollen. Was in welchem Umfang jetzt wirklich zutrifft, ist oft noch Interpretationssache der Spezialisten.Beim Studium der Veröffentlichungen bekommt man jedenfalls schnell den Eindruck, dass Ernährungsexperten in Sachen Vitamine sehr unterschiedliche Meinungen vertreten. Vielen Studien werden methodische Fehler und noch Schlimmeres unterstellt. Für jede "Positiv-Studie" gibt es auch eine "Negativ-Studie". Für den Laien ist es praktisch unmöglich, Wahres von Unwahrem zu trennen, zwischen Mythen und Fakten zu unterscheiden. Man muss wohl an den Sinn von Vitamin-Präparaten "glauben". Statt auf hochdosierte Vitamin-Präparate setzen heute viele Experten wieder eher auf eine natürliche, ausgewogene Ernährung. Nicht Vitamine allein, sondern die Mischung von sekundären Pflanzenstoffen, Spurenelementen und Mineralien aus natürlichen Lebensmitteln scheint besonders gesund zu sein. Wobei ab und zu eine Extradosis Vitamine sicher meist nicht schadet.

Der große Bauch einer hochschwangeren Mutter. (Rechte: WDR)

Schwangere haben einen erhöhten Vitaminbedarf - aber leiden sie deswegen gleich an Vitaminmangel?

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Deutsche mit Vitaminmangel?

Die Frage, ob wir Deutschen mit Vitaminen unterversorgt sind, verlangt eigentlich ein exaktes Wissen um die äußerst komplizierten Wechselwirkungen im menschlichen Stoffwechselgeschehen. Nur dann kann der reale Bedarf an Vitaminen wirklich beurteilt werden. Wie unterschiedlich Einschätzungen dabei ausfallen können, zeigt schon ein Vergleich der deutschen Empfehlungen mit denen unserer EU-Nachbarn. Differenzen von 100 Prozent mehr oder weniger bei den Aufnahme-Empfehlungen für ein und das gleiche Vitamin pro Tag kommen vor. Spezielle Aussagen über den Vitamin-Bedarf des Einzelnen zu treffen, dürfte also schwierig sein. Zumindest logisch erscheinen Hinweise, dass Babys, Jugendliche und ältere Menschen, vielleicht auch Schwangere oder Stillende, im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung mehr Vitaminbedarf haben. Spezielle Wachstumsbedingungen, Stoffwechsel- u. Ernährungsbesonderheiten könnten dafür sprechen. Ob dieser potentiell erhöhte Bedarf nicht auch durch die tägliche Nahrung abgedeckt wird, ist umstritten. An einem generellen Vitaminmangel leiden wir Deutschen aber vermutlich nicht.

Hand, die verschiedene Pillen in Verpackungen hochhält. (Rechte: picture-alliance)

Ein Zuviel an Vitaminen führt eher zu gesundheitlichen Problemen

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Risikopotential Überdosis?

Viele Experten halten heute die andauernde oder häufige Einnahme von hochdosierten Nahrungsmittelergänzungsprodukten für sinnlos. Zu viel an wasserlöslichen Vitaminen wird offenbar schnell wieder über den Urin ausgeschieden, zu viel an fettlöslichen Vitaminen über die Darmschleimhaut möglicherweise gar nicht erst aufgenommen. Aber unter dem Strich läuft doch so einiges durch den Körper und fettlösliche Vitamine könnten auch gespeichert und später wieder mobilisiert werden. Vielleicht ist das alles nicht so harmlos, wie man bisher immer geglaubt hat. Mittlerweile mehren sich Expertenstimmen, die sogar vor übermäßigen Vitamindosen warnen. Berichte über Fälle von unbeabsichtigtem Vitaminmissbrauch nehmen zu. Außerdem scheint sich auch im Falle der Vitamine die alte "Gift-Weisheit" - Die Dosis macht die Wirkung - zu bestätigen. Von Vitamin C - in physiologischen (Niedrig-) Mengen wohl als Radikalfänger und Immunstimulans wichtig und womöglich hilfreich gegen typische Alterskrankheiten - ist beispielsweise berichtet worden, dass hohe Dosen (ab 500 Milligramm täglich) zu Nierenproblemen und Erbgutschäden führen könnten. Vitamin-D-Überdosen sollen möglicherweise Kopfschmerzen, Arterienverkalkung oder Bluthochdruck auslösen. Zuviel Vitamin B wurde mit Nervenschäden in Zusammenhang gebracht. Die deutlichste Warnung richtete sich an die Raucher: "Raucher-Vitamine" - vor allem Betacarotin, die Vorstufe von Vitamin A, senken nicht das Lungenkrebsrisiko, sie erhöhen es deutlich. Das sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, dass die Einnahme von hochkonzentrierten Vitaminen keineswegs immer harmlos sein muss. Die angeführten Gesundheitsprobleme stellen sich natürlich nur bei sehr hohen Dosen ein.

Guter Rat ist schwierig

Die Diskussionen um das Für und Wider von Multivitaminpräparaten und vitaminangereicherten Lebensmitteln wird uns sicher auch in Zukunft weiter beschäftigen. Genau so wie die Frage der optimalen Vitaminversorgung durch normale Lebensmittel. Eine gewisse Verunsicherung der Verbraucher wird es immer geben - wer weiß denn schon, welche und wie viele Vitamine er am Tag so zu sich nimmt? Ganz zu schweigen von der Frage, was der Einzelne mit seinen besonderen Lebensumständen täglich so braucht. Vielleicht ist die alte Weisheit "Der Körper holt sich schon, was er braucht" auch in Vitaminfragen gar nicht so falsch. Vielleicht sorgt der plötzliche, unerklärliche Heißhunger auf etwas schon für die richtige Zusammenstellung unserer Nahrung.

Eine Frau steht vor einem Gemüseregal im Supermarkt. (Rechte: dpa)

Ausgewogenheiten ist wichtig

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Der "5 am Tag" - Vorschlag

Eins ist auf jeden Fall sicher: Vitamine sind und bleiben ein äußerst wichtiger Ernährungsfaktor. Gut hört sich in dem Zusammenhang eine Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an. Sie werben für das sogenannte "5 am Tag - Programm". Hinter der Formel versteckt sich die Faustregel: Wer fünf mal am Tag Obst und/oder Gemüse isst, kann kaum etwas falsch machen. Obst und Gemüse sind die wichtigsten Vitamin-Lieferanten, aber auch Getreideprodukte, Fleisch, Fisch und pflanzliche Öle sollten auf den Tisch kommen. Ausgewogenheit in der Ernährung sollte eher angestrebt werden als tägliche Multivitamin-Präparat-Cocktails. Denn isolierte Vitamine, womöglich auch noch künstlich hergestellt, entfalten nicht die gleiche Wirkung wie Vitamine in natürlichen Lebensmitteln, die zugleich auch Spurenelementen, sekundäre Pflanzenstoffe und Mineralien enthalten. Versuche legen nahe, das es vielfache, größtenteils noch unverstandene Wechselwirkungen zwischen all diesen Nahrungsbestandteilen gibt. In Testversuchen hatte beispielsweise 1,5 Gramm reines Vitamin-C-Pulver keine größere immunstimulierende Wirkung als 100 Gramm Apfel!

Jochen Zielke, Stand vom 25.10.2006
Sendung: Vitamine - Elixiere des Lebens, 26.10.2006

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