Wissensfragen
Eines Tages beobachtete er im Hof des Marinehospitals in Batavia, dass nicht nur seine Patienten, sondern auch Hühner an dem heimtückischen Nervenleiden erkrankten. Wie so oft war bei der Lösung des Rätsels mal wieder der Zufall auf der Seite des Tüchtigen. Cristiaan Eijkman beobachtete nämlich, dass die Hühner dann von der Krankheit verschont blieben, wenn man sie nicht mit weißem poliertem, sondern mit braunem, ungeschälten Reis fütterte. Das Geheimnis musste demnach in der Schale des Korn verborgen liegen. Als er auch seine Patienten mit braunem Reis versorgte, verschwanden bei ihnen ebenfalls die Symptome. 1897 wurde so Thiamin entdeckt, das Vitamin B1. Erst Jahre später - 1926 - gelang es, die Struktur des geheimnisvollen Stoffes zu entschlüsseln. 1929 wurde Christiaan Eijkman für seine Entdeckung mit dem Nobelpreis geehrt.
Zuletzt sorgte Beriberi in Israel für Schlagzeilen. Dort hatte man im Jahr 2003 Säuglinge, die unter einer Kuhmilchallergie litten, mit einem Milchersatz aus Soja ernährt. Versehentlich hatte es der deutsche Hersteller damals versäumt, der Ersatznahrung das lebensnotwendige Vitamin B1 zuzuführen. Über 20 Säuglinge erkrankten an Beriberi, drei Babys sind daran gestorben.
Die Sonne hilft auch bei der Vitaminversorgung des Menschen mit
Stimmt es, dass der Mensch keine Vitamine produzieren kann?
Bakterien, Einzeller, Pflanzen und Tiere - sie alle brauchen Vitamine, die entscheidenden Rädchen im Stoffwechsel. Vitamine dienen dabei nicht als Energieträger, sondern sie sind Lieferanten unzähliger Substanzen, die erst den lebensnotwenigen Stoffwechsel der Zellen möglich machen. Auch die Pflanze kann nur gedeihen, wenn sie mit essentiellen also lebensnotwenigen Nährstoffen versorgt wird. Anders als beim Menschen sind bei den Pflanzen die Vitamine jedoch nicht essentiell. Pflanzen bilden sich selbst die Vitamine, die sie brauchen. Der Mensch muss sie über die Nahrung erst aufnehmen oder aber er versorgt sich mit Vorstufen von Vitaminen, den sogenannten Provitaminen, die dann in Vitamine umgewandelt werden. Noch ist nicht endgültig geklärt, warum dem Menschen die Fähigkeit fehlt, sich seine Vitamine selbst zu produzieren. Eine Erklärung: Der Mensch tritt auf der Evolutionsleiter erst viel später in Erscheinung. Möglicherweise musste er die Fähigkeit, Vitamine selbst zu produzieren, nicht entwickeln. Nahrung in Form von Pflanzen und Tieren - und damit auch Vitamine - war ja in ausreichender Menge vorhanden. So könnte man spekulieren, dass eine eigene Vitaminproduktion evolutionär gesehen einen "Luxus" - einen unnötigen Energieaufwand - bedeutet haben könnte. Warum dann aber mit Vitamin D doch ein Vitamin im menschlichen Körper gebildet werden kann, ist unklar.
Vitamin D ist wichtig für den Knochenstoffwechsel. Es scheint bei uns in Deutschland zu den wenigen Vitamine zu gehören, bei denen tatsächlich eine gewisse Unterversorgung festgestellt wurde. Vitamin D wird in unserer Haut gebildet, unter dem Einfluss von Sonnenlicht. Wer sich viel in geschlossenen Räumen aufhält oder selten das Haus verlässt (ältere Menschen), könnte zuwenig Vitamin D produzieren. Natürlich kann es auch über die Nahrung aufgenommen werden. Wenn wir selbst ausreichend Vitamin D produzieren wollen, genügt pro Tag eine halbe Stunde Sonnenlicht auf Gesicht und unbedeckte Unterarme.
Stimmt es, dass ältere Menschen zusätzlich Vitamine brauchen?
Wie viel von welchen Vitaminen der Mensch täglich tatsächlich braucht, ist keineswegs klar. Alter, Konstitution, Lebenswandel - eine Menge Einflussgrößen müssen berücksichtigt werden. Schon bei uns in Deutschland gibt es erhebliche Differenzen zwischen den Experten-Empfehlungen. Schaut man in die Empfehlungslisten unserer Nachbarländer, dann unterscheiden sich die Empfehlungen für einzelne Vitamine stellenweise sogar um mehr als 100 Prozent. Wenn überhaupt jemand in Deutschland die eine oder andere Zusatzration gebrauchen könnte, dann vielleicht am ehesten Menschen in außergewöhnlichen Lebenssituationen (Schwangere, Stillende, Babys - Kinder - starke Wachstumsphasen ...) oder tatsächlich ältere Menschen. Zum einen könnte hier auf Grund der Lebensumstände die Ausgewogenheit in der Ernährung etwas nachlassen, zum anderen werden fettlösliche Vitamine über den Darm aufgenommen. Da bei älteren Menschen die Darmtätigkeit des öfteren gestört ist, liegt die Vermutung nahe, dass nicht genügend von den fettlöslichen Vitaminen A und E aufgenommen werden. Eine neue Studie soll diese Vermutung jetzt klären. Auch Vitamin D-Mangel (Osteoporose) könnte bei älteren Menschen vorliegen und für einen zusätzlichen Bedarf sprechen.
Tomaten und dem darin enthaltenen Lycopin werden große Heilkräfte nachgesagt
Stimmt es, dass Vitamine gegen Krebs helfen?
Wer bereits an Krebs erkrankt ist, dem werden Vitamine sicher nicht mehr viel helfen. Sie können vielleicht mithelfen, das Allgemeinbefinden (zum Beispiel: Immunsystem) zu verbessern - aber ansonsten wird ihnen heute eher prophylaktische Wirkung zugeschrieben. Und auch das ist nicht ganz unumstritten. Wenn Vitamine effektiv gegen Krankheiten vorbeugen sollten, dann vermutlich in Kombination mit sekundären Pflanzenstoffen, Spurenelementen und Mineralien - also als Bestandteil von natürlichen Lebensmitteln. Wirklich eindeutig konnte in Studien die krebshemmende Wirkung von Vitaminen nicht nachgewiesen werden. Die Wirkungsmechanismen in unserem Stoffwechsel sind zu komplex. Aufsehen erregt dagegen seit einigen Jahren eher die Substanz Lycopin, ein sekundärer Pflanzenstoff, der viel in Tomaten und Kürbissen vorkommt. Lycopin scheint eine genstabilisierende Wirkung zu besitzen und das Erbgut tatsächlich sehr effektiv vor Freien Radikalen und damit die Zellen vor der Entartung zu schützen. Oft wird Vitamin C und E eine ähnliche Wirkung zugeschrieben.
Stimmt es, dass Raucher-Vitamine eher schädlich für die Gesundheit sind?
Geworben wurde viel für Raucher-Vitamine. Freie Radikale aus dem Zigarettenqualm und in den Lungenzellen sollten sie abfangen - nur Studien ergaben ein anderes Bild. Das Provitamin A oder auch Betacarotin (viel in Karotten, Spinat oder Grünkohl) sollte von Rauchern nicht überdosiert eingenommen werden. In Finnland führte eine entsprechende Studie bei 30.000 Rauchern zu einer erhöhten Lungenkrebsrate und musste abgebrochen werden! Manche Vitamine können in Überdosen vermutlich auch schädliche Effekte herbeiführen, ähnlich wie Giftstoffe aus der Natur in geringen Dosen Heilwirkung besitzen, hochdosiert aber tödlich wirken können! (Arsen, Schlangengifte, Botulinum-Toxin) Lange Zeit wurden auch tägliche hohe Dosen von Vitamin C als sehr gesundheitsfördernd empfohlen. Vorreiter war Nobelpreisträger Linus Pauling, auch viele Anti-Aging-Ärzte berichteten von positiven Effekten - heute melden immer mehr Ärzte auch bei hohen Vitamin C-Dosierungen Bedenken an - auch hier stehen krebsfördernde Wirkungen zur Diskussion, genauso wie Nierenprobleme.
Stimmt es, dass Vitamine schnell kaputt gehen bzw. zerstört werden können?
Mehrere Einflussfaktoren bestimmen die Stabilität der Vitamine. Zu ihnen gehören unter anderem Hitze, Sauerstoff und Licht. Alleine oder kombiniert können sie in ihrer Wirkung den Vitamingehalt von Lebensmitteln schnell extrem senken. Man sollte also frische, reife Ware kaufen, sie schnell verbrauchen oder zumindest entsprechend lagern. Schon Raumtemperatur setzt Vitaminen sofort zu - schnell ist die Hälfte der Vitamine nach einem Tag zerstört. Kühl lagern ist wichtig - Kälte stoppt den Verfall. Schutz vor Licht und Freien Radikalen kann auch durch entsprechende Verpackung erreicht werden. Milch (Vitamin D) wird heute in lichtundurchlässigen Tetrapacks angeboten. Auch gute Pflanzenöle findet man meist in getönten Flaschen. Jede Form von Konservierung durch Bestrahlung schadet den Vitaminen ebenfalls. Besser als ihr Ruf ist Tiefkühlkost - die sofortige Schockgefrierung erhält Vitamine bestens! Auch Dosengemüse wird heute in der Regel erntefrisch verarbeitet und ist vor allem in den Wintermonaten ein guter Vitaminlieferant. Gemüse und Salat sollte man nicht zu lange wässern bzw. waschen, da wasserlösliche Vitamine schnell ausgeschwemmt werden.
Stimmt es, dass Wissenschaftler Vitamin A in gentechnisch manipulierten Reispflanzen produzieren wollen?
Biotechnologen verschiedener Lebensmittel- und Pharmakonzerne ist es in Zusammenarbeit mit Forschern aus Zürich und Freiburg gelungen, das Gen für Betacarotin in Reispflanzen einzubauen. Die Reispflanzen sollen den Vorläufern von Vitamin A jetzt in Massen herstellen. Erste Testversuche mit der neue Reispflanze laufen bereits. Reis ist eines der Hauptnahrungsmittel in der 3. Welt. Dort sterben jährlich hunderttausende Kleinkinder - Ursache unter anderem Vitamin A-Mangel. Noch viel mehr Kindern droht frühzeitige Erblindung. Insofern ist das Vorhaben, den Vitamin A-Mangelzustand auf biotechnologischem Wege auszugleichen, ehrenwert. Vielleicht wäre es aber noch besser, auf Eingriffe in das Erbgut von alten Kulturpflanzen zu verzichten und die gesundheitlichen Probleme in der Dritten Welt auf anderem Wege zu lösen.
Jochen Zielke, Stand vom 25.10.2006
Sendung: Vitamine - Elixiere des Lebens, 26.10.2006


