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Achtung Zucker! Wenn der Körper sich wehrt

Probleme mit der Verdauung sind alles andere als selten und das "Reizdarm-Syndrom" ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten regelrecht zur Volkskrankheit geworden. Der Darm meldet sich mit Blähungen, Krämpfen, Durchfall oder auch Verstopfung. Manche Betroffene bezeichnen sich gar als "toilettenabhängig" - wenn sie denn überhaupt über dieses unangenehme Thema reden. Die Ursachenforschung verlangt in der Regel ein geradezu detektivisches Vorgehen. Eine heiße Spur: Der Darm wehrt sich gegen bestimmte Stoffe aus der Nahrung.

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Laktose, Fruktose und Sorbit

Das Problem der Zuckerunverträglichkeiten wird nach Meinung von Experten bisher noch völlig unterschätzt. Sie vermuten, dass weit über 20 Prozent (manche schätzen bis zu 40 Prozent) der Patienten mit einem Reizdarm an einer Zuckerunverträglichkeit leiden. Zu diesen Zuckern zählen Fruktose und Sorbit. Fruktose, der Fruchtzucker, wird sehr häufig in industriell gefertigten Lebensmitteln verwendet. Statt des Haushaltszuckers (Saccharose) wird ein mit Fruktose angereicherter Sirup aus Maisstärke hinzugegeben. Sorbit (Synonyme sind Sorbitol oder Glucitol) wird ebenfalls als Zuckeraustauschstoff eingesetzt. Als Lebensmittelzusatzstoff trägt er die Bezeichnug E 420. In der Natur kommt Sorbit in einigen Früchten vor, zum Beispiel in Vogelbeeren, Pflaumen, Birnen und Äpfeln. Wer mit dem Fruchtzucker nicht zurecht kommt, sollte auch Sorbit meiden. Denn beide Zuckerarten werden über den gleichen Stoffwechselweg abgebaut. Schätzungsweise leiden bis zu einem Drittel aller Deutschen an einer Fruchtzuckerunverträglichkeit.

Aber auch Laktose, der Milchzucker, kann dem Darm schwer zu schaffen machen. Rund ein Fünftel der Deutschen sind laktoseintolerant. Sie können den Milchzucker nicht aufspalten, weil in ihrem Darm ein wichtiges Enzym, die Laktase, zu wenig oder gar nicht gebildet wird. Der unverdaute Milchzucker wandert in tiefere Darmabschnitte. Blähungen, Durchfall und zum Teil sehr heftige Bauchschmerzen sind die Folge. Die Zuckerunverträglichkeit kann solche Ausmaße annehmen, dass die Betroffenen nicht einmal mehr arbeiten können.

Eine Frau mit einer Wärmflasche auf dem Bauch. (Rechte: Mauritius)

Hinter Blähungen und Durchfall steht oft eine Reizdarmsymptomatik

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Problemfall Darm

Bitter für die Betroffenen: Nur wenige Ärzte scheinen dem Zuckerproblem auf die Spur zu kommen. In Internetforen diskutieren Tausende von Betroffenen ihre Nöte und Sorgen. Die meisten Patienten haben eine wahre Odyssee hinter sich, mit teuren und unangenehmen Untersuchungen wie Magen- und Darmspiegelungen. Dabei würde ein einfacher Atemtest für gerade mal 40 bis 80 Euro den entscheidenden Hinweis geben.

Beim Reizdarmsyndrom ist immer wieder die Rede von falscher Ernährung und zu viel Stress. Manch einer wird sogar in die Psycho-Ecke gestellt, weil die wirkliche Dimension der Zuckerunverträglichkeit von Ärzten nicht richtig erkannt wird. Oft wollen sich die Betroffenen über "gesunde Ernährung" retten und essen viel Obst. Selbst das geht im wahrsten Sinne des Wortes "nach hinten los", weil natürlich auch im Obst viel Fruchtzucker enthalten ist. Und dabei könnten die Betroffenen mit einer für sie passenden Umstellung der Ernährung die gefährlichen Darmbeschwerden loswerden.

Grafische Darstellung des gesamten Darmsystems eines Menschen. (Rechte: Mauritius)

Das Darmsystem gerät außer Kontrolle

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Teufelskreis im Verdauungssystem

Was bei der Zuckerunverträglichkeit im Darm passiert, ist mittlerweile gut erforscht. Der Dünndarm kann den Zucker nur wenig oder gar nicht aufnehmen. Fruchtzucker beispielsweise wird über spezielle Transportsysteme aus dem Darm aufgenommen und gelangt ins Blut. Versagen diese Transportsysteme, kommt es zur Fruchtzuckerintoleranz oder zur "Fruchtzuckermalabsorption". Der Fruchtzucker gelangt zu einem großen Teil in den Dickdarm. Hier fressen die Bakterien den Fruchtzucker auf und vergären ihn. Die Endprodukte sind Kohlendioxid, kurzkettige Fettsäuren und Wasserstoff. Kohlendioxid führt zum Symptom Blähungen, die kurzkettigen Fettsäuren sorgen für das Symptom Durchfall und die Reizdarmsymptomatik. Das kleine Molekül Wasserstoff gelangt durch die Dickdarmwand in die Blutbahn und wird abgeatmet. Dazu kommt noch ein weiterer Faktor: Je mehr Fruchtzucker die Dickdarmbakterien bekommen, umso stärker vermehren sie sich und verstärken durch ihre Aktivität die Verdauungsprobleme. Ein Teufelskreis.

Denn ab einem bestimmten Punkt dehnt sich der Darm durch die Blähungen so stark aus, dass das "Tor" zwischen Dünndarm und Dickdarm, eine Schleimhautfalte, nicht mehr richtig schließt. Der Dickdarminhalt mit seinen Bakterien fließt zurück in den Dünndarm, in dem normalerweise ein völlig anderes Bakterienmilieu herrscht. Es kommt zu einer "Fehlbesiedelung". Da die Dickdarmbakterien im Dünndarm nichts zu suchen haben, reagiert in der Folge der Dünndarm auf diesen "Angriff" mit einer Entzündungsreaktion.

Da die Dickdarmbakterien nun auch im Dünndarm vergären und im Zuge dieses Prozesses Wasserstoff bilden, der abgeatmet wird, kann eine Fehlbesiedelung leicht mit einem Atemtest bestimmt werden. Mit den Testgeräten wird der Wasserstoffgehalt bestimmt.

Verdauungsprobleme und miese Stimmung

Das Beschwerdebild der Patienten beschränkt sich nicht alleine auf Magen-Darm-Probleme. Viele klagen über Schlaflosigkeit und über Verstimmungen bis hin zur Depression. Diesen Zusammenhang zwischen Fruchtzucker und Depression konnte der Innsbrucker Ernährungsmediziner Dr. Maximilian Ledochowski als einer der ersten Wissenschaftler nachweisen. Zu Beginn seiner Forschungen zu diesem Thema hatte er in der Fachwelt keinen einfachen Stand. Kaum jemand wollte zunächst so recht glauben, dass der "gesunde" Fruchtzucker depressive Verstimmungen auslösen kann. Der Mechanismus zeichnet sich aber immer klarer ab: Fruchtzucker hat Einfluss auf den Stoffwechsel der Eiweißbausteine, der Aminosäuren. Bei einer Fruchtzuckerunverträglichkeit kann eine bestimmte Aminosäure, das Tryptophan, nicht mehr aus dem Darm aufgenommen werden. Denn der Fruchtzucker bindet das Tryptophan an sich und wandert damit in den Dickdarm. Somit gelangt diese Aminosäure nicht wie üblich aus dem Dünndarm über die Blutbahn ins Gehirn, wo es dringend gebraucht wird. Tryptophan ist nämlich der wichtigste Baustein für das Serotonin, unser "Glückshormon". Fehlt dieser Baustein, kann kein Serotonin gebildet werden. Folge: schlechte Stimmung bis zur Depression.

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Milchpulver. (Rechte: Mauritius)

Millionen Tonnen Milchpulver landen in unseren Nahrungsmitteln

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Doch alles Industriezucker

Wer unter Zuckerunverträglichkeit leidet, hat es heute ziemlich schwer, seinem Problem aus dem Weg zu gehen. Denn die problematischen Zuckerstoffe sind heute in fast allen industriell gefertigten Nahrungsmitteln zu finden. Und zwar nicht nur in den süßen, wie man vermuten könnte. Der Milchzucker, die Laktose, steckt im Milchpulver. Es stammt aus der Überschussproduktion der europäischen Milchindustrie und dient als billiger Geschmacksverbesserer und Quellmittel. Jährlich landen Millionen Tonnen Milchpulver in unseren Nahrungsmitteln. Das Gleiche gilt für Molke, die ja angeblich so gesund ist. Sie ist ein Abfallprodukt der Käseherstellung, ein billiger Rohstoff - und reich an Milchzucker.

Maiskolben. (Rechte: NHPA/photoshot)

"Übeltäter" Mais

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Frucktzucker aus Mais

Auch der Fruchtzucker, die Fruktose, ist fast allgegenwärtig. Allerdings stammt er nicht wirklich aus Früchten, sondern wird industriell meistens aus Mais hergestellt. Die Mengen an Fruchtzucker, die in unsere Lebensmittel eingeschleust werden, sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten geradezu explosionsartig angestiegen. Einer der Hauptauslöser war die Kubakrise 1962. Die USA hatten in dieser Zeit Schwierigkeiten mit dem Import von Zuckerrohr aus Kuba. Was es dafür im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in rauen Mengen gab, war Mais. Also wich man auf den Fruchtzucker aus der Maispflanze aus und nutzte diesen zur Süßung der Lebensmittel, was obendrein noch viel billiger war. Diese "Notlösung" hat sich weltweit durchgesetzt.

Auch habe sich unser Geschmacksempfinden verändert, so Ledochowski. Es sei weniger süß-empfindlich geworden - und zwar weltweit. Nicht nur, dass alle möglichen Lebensmittel mit Fruchtzucker versetzt werden: Sogar Obstsorten werden mit einem höheren Fruchtzuckergehalt gezüchtet. Als Verbraucher greifen wir eher zu den süßeren Äpfeln - von denen heute einige Sorten einen deutlich höheren Fruchtzuckergehalt haben, als noch vor 20 Jahren.

Dieses Überangebot an Fruchtzucker hat sich für viele von uns eher zu Leid als zu einer lieblichen Gaumenfreude entwickelt. Waren es früher nur rund fünf Gramm, die wir täglich über unsere Lebensmittel aufgenommen haben, ist der Verbrauch heute auf rund 15 Gramm gestiegen. Für manch einen Darm einfach zu viel des Guten.

Andrea Wengel, Stand vom 23.11.2011
Sendung: Zucker - Die ewig süße Versuchung, 25.11.2011

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Bildcollage zum Thema Lebensmittel (Rechte: WDR)

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