Der große, kleine Unterschied - Interview mit Remo H. Largo
Planet Wissen (PW): Wann wissen Kinder, welches Geschlecht sie haben?
Remo Largo (R.L.): Es gibt einen Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht. Im Englischen wird das auch in der Sprache deutlich, wo zwischen "sex" und "gender" unterschieden wird.
Im Deutschen fehlt diese Unterscheidung, und eine Folge ist, dass Erwachsene die Handlungen von Kindern zu stark auf das Geschlecht beziehen. Aber es ist so, dass sich Kinder sehr lange nicht besonders für das sexuelle Geschlecht, wie wir Erwachsenen es verstehen, interessieren.
PW: Sondern?
R.L.: Kinder nehmen Zuschreibungen aufgrund bestimmter Merkmale und Tätigkeiten vor: Die Mutter steht am Herd und kocht, der Vater sitzt vor dem Fernseher und schaut sich Fußball an. Männer und Frauen besitzen unterschiedliche Stimmlagen, sie reden und kommunizieren anders. Auch Äußerlichkeiten werden erkannt und eingeordnet: Männer und Frauen kleiden sich anders, haben andere Frisuren, andere Körperformen. Diese Unterschiede werden schon im zweiten Lebensjahr wahrgenommen.
PW: Gibt es Unterschiede in der Entwicklung zwischen Jungs und Mädchen?
R.L.: Ja, sehr große sogar. Mädchen sind viel weiter als Jungen, und zwar von Anfang an. Sie beobachten schon als Babys genauer ihre Umwelt, entwickeln schneller Gestik und Mimik, sprechen früher. So bilden Mädchen ihre ersten Zwei-Wort-Sätze im Schnitt mit 20 Monaten und somit drei Monate vor den Jungen. Auch ihre körperliche Entwicklung ist weiter. Dieser Vorsprung wird offensichtlich, wenn Kinder in die Pubertät kommen. Bei Mädchen geschieht das im Mittel eineinhalb Jahre früher.
PW: Warum ist das so?
R.L.: Ich weiß es nicht. Es scheint aber ein evolutionärer Vorteil zu sein, wenn das weibliche Geschlecht in der Entwicklung etwas voraus ist. Andererseits ist es so, dass in allen Altersklassen die Sterblichkeitsraten von Männern höher sind als die von Frauen. Die Natur versucht diesen Unterschied dadurch auszugleichen, dass mehr Männer geboren werden. Auf 100 Mädchen kommen 106 Jungen.
PW: Jungs spielen mit der Eisenbahn, Mädchen mit Puppen. Ein Klischee, das aber zutrifft, oder?
R.L.: Ja, es gibt schon sehr früh unterschiedliche Vorlieben beim Spielzeug. Mädchen spielen sozialer, etwa, wenn sie ihre Puppe wie ein Baby umsorgen. Das kann man selbst bei Primaten beobachten, wo die weiblichen Jungtiere Stöcke so herumtragen, als hätten sie ein Baby im Arm. Jungen hingegen spielen funktional. Ich habe in den 1970er Jahren ein Experiment gemacht, bei dem ich Jungen und Mädchen mit einem Puppenherd spielen ließ. Die Unterschiede im Spiel wurden sehr deutlich: Die Mädchen haben Töpfe und Pfannen genommen und gekocht, während die Jungen den Herd untersucht haben: Kann ich ihn aufmachen? Wird die Platte heiß, wenn ich am Knopf drehe?
PW: Wie erklären Sie sich diese Unterschiede?
R.L.: Kinder bereiten sich auf ihre spätere Rolle als Erwachsener vor. Besonders bei Mädchen wird der Zusammenhang deutlich in Bezug auf ihre spätere Mutterrolle. Mädchen sind sozialer und fürsorglicher, sie können sich besser in andere hineinversetzen - das alles sind Eigenschaften, die eine Mutter bei der Fürsorge braucht.
PW: Und bei Jungen? Auf welche Rolle bereiten sie sich vor?
R.L.: Da ist das nicht so leicht zu sagen. Eine evolutionsbiologische Erklärung könnte sein: Vielleicht liegt ihre Rolle darin, den technischen Fortschritt, zum Beispiel im Hausbau, voranzubringen, was wiederum das Überleben verbessert. Die Rolle der Frau als Mutter ist eindeutig definiert, während die des Mannes als Vater in den vergangenen Jahrzehnten immer unklarer geworden ist.
PW: Funktioniert es, wenn man versucht, geschlechtsuntypisch zu erziehen? Etwa, indem man Jungen vors Puppenhaus setzt und Mädchen einen Bagger gibt?
R.L.: Nein. Das wurde schon oft untersucht und erforscht. Aber das Ergebnis war immer dasselbe: Das geschlechtsspezifische Verhalten lässt sich so nicht umdrehen.
PW: Woher kommt das? Sind Geschlechterrollen genetisch vorgegeben?
R.L.: Nein. Es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was Interessen und Fähigkeiten angeht. Aber dass dafür einzelne Gene verantwortlich sind, dafür gibt es zumindest bislang keinen Beweis. Es existiert kein Lokomotiven-Gen, das das Verhalten von kleinen Jungen vorgibt.
PW: Welche Rolle spielen Vorbilder? Wenn zum Beispiel ein Vater alleine zwei Töchter erzieht - werden die Mädchen dann maskulines Verhalten zeigen?
R.L.: Nein, das werden sie nicht zwangsläufig. Selbst wenn nicht ständig ein weibliches Vorbild anwesend ist, wird sich bei ihnen trotzdem das für sie typische Verhalten entwickeln. Es sind angelegte Präferenzen bei beiden Geschlechtern, die sich im Verlauf der Evolution ausgebildet haben und sich bei jedem Kind aufs Neue durchsetzen. Durch Vorbilder werden sie nicht geweckt, aber in ihrer Ausprägung verstärkt.
PW: Wer passt denn mit seinen Fähigkeiten und Interessen besser in die heutige Zeit?
R.L.: Eindeutig Frauen. Das fängt schon bei den Schulen an. In Schulen steht das Sprachliche sehr im Vordergrund, was nun mal den Mädchen besser liegt. So kommt es, dass inzwischen das Geschlechterverhältnis auf den Gymnasien 60:40 zugunsten der Mädchen verteilt ist. Die Frauen sind in der Bildung mit den Männern mindestens gleichgezogen. Und das geht danach so weiter. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft geworden, da sind vor allem weibliche Fähigkeiten wie kommunikative und soziale Kompetenzen gefragt.
PW: Und in der Familie?
R.L.: In der Familie dominiert ebenfalls die Frau, da der Vater als Bezugsperson für die Kinder sehr wenig präsent ist. Diese Entwicklung begann mit der Industrialisierung, als die Männer nicht mehr im direkten Umfeld der Familie auf dem Hof arbeiteten, sondern in die Fabriken gingen. In den vergangenen 40 Jahren kann man weitere tiefgreifende Veränderungen in der Familie beobachten. Und seit es die Pille gibt, können die Frauen bestimmen, ob und wie viele Kinder sie bekommen. 70 Prozent der Scheidungen werden heutzutage von Frauen eingereicht. Einer der Hauptgründe ist, dass sich die Väter zu wenig an der Betreuung und Erziehung der Kinder beteiligen.
Das Modell des abwesenden Vaters, der die Erziehung ganz in die Hände der Mutter legt, wird von den Frauen nicht mehr akzeptiert. Diese Veränderungen in der Geschlechterbeziehung haben die Männer in eine tiefe Krise gestürzt. Sie leiden unter einer enormen Orientierungslosigkeit und Verunsicherung. Sie müssen sich als Mann und Vater gewissermaßen neu erfinden.
Interview: Ingo Neumayer, Stand vom 13.01.2011
Sendung: Babys und Kleinkinder - Fördern oder laufen lassen?, 27.01.2011
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