Das ist Knast! - Gefängnis zum Abgewöhnen
Wer den Schlüssel hat, ist im Recht
"Gefangene helfen Jugendlichen" will zeigen, wie das Leben hinter Gittern wirklich ist. Ehemalige Insassen, Gefangene und Beamte arbeiten zusammen, damit sich gefährdete Jugendliche für eine Karriere entscheiden, die nicht irgendwann ins Gefängnis führt.
Maul halten - das ist im Knast die erste Lektion. Und die erteilt Justizvollzugsbeamter Tretow. Er ist seit 20 Jahren hier und hat vor niemandem mehr Angst, sagt er. Schon gar nicht vor den fünf schmächtigen Jugendlichen. Der Älteste ist 17, der Größte geht ihm bis zur Schulter. Das sind Intensivtäter? Mit Anzeigen wegen Raubs, Betrugs und schwerer Körperverletzung? "Die inhalier‘ ich doch", sagt Tretow. Er hat die Schlüssel, er bestimmt hier. Darüber, welche Türen sich für wen öffnen. Darüber, wer redet und wer die Witze macht - nämlich nur er. Und nur einer versteht das nicht auf Anhieb: Thomas, der Kleinste.
Thomas muss als erster in die Zelle. Tretow haut die Riegel zu, einen mit der Hand, einen mit dem Fuß. Dann das Schloss. Thomas tut nichts, steht einfach nur da. Trotzdem beobachten ihn alle, durch das eng vergitterte Sichtfenster in der Tür. Privatsphäre gibt es im Gefängnis nicht. Alles ist einsehbar, alles ist videoüberwacht. Bis auf die Duschen. "Und das ist nicht immer ein Vorteil", sagt Volkert Ruhe. Er hat selbst lange hier gesessen, kennt Santa Fu viel zu gut. "Langeweile kriegt im Knast eine neue Bedeutung", sagt er. Vier Schritte bis zur Mauer und aus dem Fenster der Blick auf noch mehr Mauern. Quälende Eintönigkeit. Wer sich ein oder zwei Jahre ruhig verhält, bekommt vielleicht einen Fernseher. Zu Hause hat Marco einen Fernseher auf seinem Zimmer, "und einen PC". "Aber kein Klo, oder?" fragt Ruhe. Die Zelle hat eins. "Da stinkt's", jault Thomas, als er wieder rausdarf. Tretow sperrt ihn in die Beruhigungszelle. Aber danach ist der 15-Jährige aufgeregter als vorher: "Erst in die eine Zelle und dann gleich in die nächste. Warum? Was ist das denn?", protestiert Thomas. "Das ist Knast", sagt Tretow. "Hier wird nicht argumentiert", erklärt Ruhe, "hier musst du funktionieren".
Allein unter Gegnern
Die nächsten Türen, die Tretow öffnet, führen in den Fremdenhof, vor das Eingangsportal des ältesten Gefängnisteils. Der Kirchturm ist mehr als 100 Jahre alt. Der Himmel ist strahlend blau. Aber es gibt einen direkten Durchgang von der Kirche zu den Zellen, und spätestens da verfliegt das Tourismus-Gefühl. "Wenn deine Freundin dir schreibt, dass sie Schluss macht, wer erfährt es zuerst?", fragt Tretow und antwortet auch gleich: "Ich! - Und wer erfährt zuerst, was du zurückschreibst?"
"Hier drin trifft jeder seinen Gegner", sagt Ruhe, während alle auf die leeren Zellengänge gucken. Wen er damit meint, sagt er nicht: die Beamten, den Zellenkumpan, die Langeweile, das eigene Ich. Jede Auseinandersetzung im Knast kann zu einer Strafverlängerung führen. Und es gibt Leute, die kommen gar nicht mehr raus. Die Selbstmordrate im Gefängnis ist vier Mal höher als draußen, am Schlimmsten ist es an Weihnachten. Die Jugendlichen hören zu, niemand fragt.
Andrea Bahlmann und Jens Kohen, die beiden Polizeibeamten, haben schwierige Fälle mitgebracht, aber nicht die hoffnungslosen, sagen sie. Keiner der Jugendlichen hat einen Schulabschluss, keiner hat wirkliche Ziele für die Zukunft. Daniel wollte Kraftfahrzeug-Mechatroniker werden, dann hatte er irgendwie keine Lust mehr drauf. Warum, kann er nicht erklären. Volkert Ruhe hört so etwas häufiger, das merkt man ihm an. "Noch versuchen alle, was zu bewegen, noch versucht jeder, in euren Köpfen was zu verändern", sagt er.
Knastgespräch
Im Besprechungsraum treffen die Jugendlichen vier Gefangene. Keiner davon ist unschuldig. Drei Mörder und ein Drogenhändler erzählen ihr Leben. "Als ich in den Knast kam, bist du noch mit der Rassel um den Baum gerannt", sagt Oli zu Thomas. Seit 13 Jahren sitzt er in Santa Fu. Nach fünf Jahren verließ ihn seine Frau, die Großeltern starben und der Vater. Am Grab war er nicht, er wollte nicht von einer Maschinenpistole begleitet dort auftauchen. Und dann erzählen sie alle: vom Alltag im Gefängnis, von der Langeweile, die einen fast wahnsinnig macht.
Ob die Jugendlichen Hobbies haben, fragt jemand. Bei allen ist es Fernsehen und Fußball. Thomas war sogar im Verein, ist aber rausgeflogen, weil er die Ehre seiner Mutter verteidigt hat, sagt er. "Du bist doch gefilzt worden, als ihr hier reinkamt", sagt Oli. "Wenn deine Mutter hier reinkommt, um dich zu besuchen, muss sie sich ausziehen vor Fremden. Jetzt überleg mal, was die Ehre mehr verletzt." Konsequenzen aufzeigen, darum geht es vor allem bei "Gefangene helfen Jugendlichen". Weil es sonst manchmal lange dauert, bis Folgen eintreten, auch weil jugendliche Straftaten oft spät zur Verhandlung kommen, und weil wenige, die im Knast waren, später draußen erzählen, wie es wirklich war.
Knast ist nicht cool, wollen sie hier vermitteln. Verbrechen entwickelt eine Eigendynamik, der man nicht mehr entkommen kann. Die vier Jugendlichen hören aufmerksam zu. "Niemand, der jahrelang dabei war, hört einfach so auf", sagt Oli, "irgendwann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Knast oder Tod".
"Was sagt euch das?", fragt Ruhe. "Aufhören", sagt Marco. Das ist die richtige Antwort - die Antwort, für die alle heute hergekommen sind, die Antwort, für die Volkert Ruhe den Verein gegründet hat.
Der große Unterschied
"Wer einmal aus dem Blechnapf frisst, das Wiederkommen nicht vergisst" - der Reim ist holprig, aber leider wahr. Weit mehr als die Hälfte aller Gefangenen wird rückfällig. Aber wenn ein jahrelanger Knastaufenthalt nicht abschreckend wirkt, wie soll dann ein Tagesbesuch wirken? Weil die Jugendlichen tatsächlich in die Freiheit zurückkommen und nicht in den "Knast nach dem Knast", wie Ruhe es nennt. Wo man immer fürchtet, dass einem Santa Fu im Gesicht geschrieben steht. "Ihr habt noch Chancen für die Zukunft", sagt Ruhe, "doll sind sie nicht, aber ihr habt noch Chancen". Von den Jugendlichen, die der Verein bisher für einen Tag ins Gefängnis gebracht hat, sind tatsächlich wenige wieder auffällig geworden.
"Ich hoffe, der kommt nie wieder!", sagt Tretow und meint damit Thomas. Der soll den Müll vom Mittagessen in die Tonne stecken und flippt deswegen aus. "Warum ich?", brüllt er und weint fast dabei. "Wie willst du denn hier überleben, wenn du schon wegen dem Mülleimer heulst?", fragt Tretow. "Ich komm gar nicht erst her", sagt Thomas. Und später außer Hörweite: "Wenn ich nicht so viele Anzeigen hätte, hätte ich den weggeklatscht, den Dicken!" *alle Namen, außer Volkert Ruhe, von der Redaktion geändert
*alle Namen, außer Volkert Ruhe, von der Redaktion geändert
Christine Buth, Stand vom 16.09.2008









