Interview: Schwesterbeziehungen
Planet Wissen (PW): Was ist das Besondere an der Beziehung zwischen Geschwistern?
Prof. Dr. Hartmut Kasten (H.K.): Geschwisterbeziehungen besitzen etwas Schicksalhaftes, weil man sie sich nicht aussuchen kann, sondern in sie hineingeboren wird. Und selbst wenn Geschwister den Kontakt beenden, sich trennen, ihre Beziehung zueinander wirkt fort. Geschwisterbeziehungen können nicht beendet werden. Da sie von ihren ersten Lebensphasen an gemeinsam in einem Nest aufwachsen, haben Geschwister eine sehr enge Beziehung zueinander, und je geringer der Altersunterschied ist, desto enger ist die Beziehung. Vertrautheit, Rivalität, Neid und Eifersucht gibt es unter Brüdern, Brüdern und Schwestern, ebenso wie unter Schwestern.
PW: Was unterscheidet Brüder und Schwestern voneinander?
H.K.: Das Besondere unter Schwestern ist, dass Frauen untereinander Gefühle anders artikulieren und ausleben als Männer. Äußert sich bei Männern die Rivalität eher physisch, so gibt es zwischen Frauen Intrigen und Sticheleien auf der emotionalen und verbalen Ebene. Da Frauen in der Regel eine höhere Sensibilität für das Innerseelische besitzen, können Schwestern auch eine intimere Beziehung zueinander aufbauen als Brüder oder gemischt-geschlechtliche Geschwisterpaare.
PW: Gibt es die typische Rolle der älteren und der jüngeren Schwester?
H.K.: Das ist nicht einfach so pauschal zu beantworten. Um über Rollen zu reden, muss man sich verschiedene Aspekte genauer anschauen. Zum Beispiel: Wie groß ist der Altersabstand zwischen den Schwestern? Je geringer der Altersabstand, desto intensiver wird die Rivalität und das Sichvergleichen sein. Welche Rolle spielen die Eltern? Wird die ältere Schwester von ihnen als Vorbild aufgebaut und findet von Seiten der Eltern ein permanenter Vergleich zwischen den Schwestern statt? Die Rollen sind da sehr differenziert zu sehen. Hinzu kommt, wie alle Beziehungen sind auch Schwesternbeziehungen dynamische, sich verändernde Prozesse mit verschiedenen Phasen. Und diese Phasen werden dann auch von den Schwestern ganz unterschiedlich wahrgenommen. So kann sich die Ältere zum Beispiel als Vorbild empfinden, während die Jüngere sich bereits abgenabelt hat und sich ganz anders orientiert.
PW: Wieso entstehen Neid, Konkurrenz, Eifersucht gerade unter Schwestern oft so stark?
H.K.: Auch da ist der Altersabstand wieder wichtig. Je geringer der Altersabstand, desto intensiver sind die Gefühle. Die Schwester ist die engste und intensivste Beziehung, die Frauen haben. Kein anderer Mensch kennt sie so lange, so genau und so nah in verschiedensten Lebensphasen und Gefühlslagen. Vor der Schwester ist man seelisch nackt. Dies bewirkt eine unvergleichbare Liebe, Vertrautheit, Verbundenheit und Nähe. Aber genau diese Verbundenheit macht auch ungeheuer verletzbar. Schwestern kennen wechselseitig ihre wunden Punkte so genau wie niemand anderes. Verstärkt wird dies, da Schwestern immer verglichen werden. Von den Eltern, Freunden, Lehrern. Dies schürt natürlich Konkurrenz, Neid und Eifersucht. Ebenfalls verstärkend kommt hinzu, dass wir in einer sehr leistungsorientierten Zeit leben, in der permanent verglichen und miteinander konkurriert wird.
PW: Was machen erfolgreiche, berühmte Schwestern, die auch noch beruflich im gleichen Metier tätig sind, dann anders, wenn sie offenbar gut und ohne Neid miteinander klar kommen?
H.K.: Diese Schwestern möchte und kann ich gar nicht beurteilen. Das, was wir wahrnehmen, ist das öffentliche Rollenverhalten. Das, was die Schwestern nach außen zeigen wollen und wie sie wahrgenommen werden wollen. Was aber tatsächlich zwischen ihnen stattfindet, darüber können wir uns kein Urteil erlauben. Das wissen wir nicht. Aber es wird in jedem Fall differenzierter sein als das klare einfache Bild, welches wir gezeigt bekommen.
PW: Warum sind manche Schwestern so gleich und wieder andere so ungleich?
H.K.: Das ist ein sehr komplexes Thema und nicht in ein paar Sätzen zu beantworten. In jedem Fall ist es auch genetisch bedingt. Im Durchschnitt haben Geschwister einen gemeinsamen genetischen Anteil von 50 Prozent. Dies bedingt große Ähnlichkeiten in vielen Bereichen. Dann beeinflussen der Altersabstand und das Elternhaus weitere Ähnlichkeiten. Manche Schwestern werden sehr gleich, andere bewusst verschieden erzogen. Das hat auch wiederum mit Familienkonstellationen zu tun.
PW: Was unterscheidet Geschwister von Einzelkindern?
H.K.: Da wehre ich mich in der heutigen Zeit vehement gegen die gängigen Vorurteile. Es gibt heute nicht mehr das, was früher als "typisches Einzelkind" galt. Heute sind Einzelkinder die Realität. Schauen Sie sich die Familien heute an. Die Einzelkinder überwiegen. Und die Einzelkinder wachsen nicht mehr wie geschwisterlose, überbehütete Einzelkinder auf. Von klein auf unterhalten die Einzelkinder heute geschwisterähnliche Beziehungen zu anderen Kindern, sei es durch Freunde, Kinderbetreuungen oder Patchwork-Familien. Darum kümmert sich die überwiegende Zahl der Eltern heute sehr bewusst und verantwortungsvoll.
Interview: Marika Liebsch, Stand vom 11.03.2005
Sendung: Schwestern: Geliebte Rivalinnen, 29.12.2005






