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Schwierige Jungs

Das Leben der Jungs hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, immer öfter sind weibliche Qualitäten gefordert. Immer mehr dieser Jungs scheinen damit nicht zurechtzukommen, während die Mädchen an ihnen vorbeiziehen. Jungs sind heute die Sorgenkinder, die Verlierer der Gesellschaft - vor allem in der Schule und zunehmend auch auf dem Arbeitsmarkt. Verunsichert, unverstanden und erfolglos werden viele von ihnen aggressiv.

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Vorbilder für Jungen (1'58")
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Komplexe Ursachen

"Brutaler Überfall – Jugendliche treten Obdachlosen zu Tode", "Tödliche Messerstecherei unter Jugendlichen" - so oder ähnlich lauten Schlagzeilen in den letzten Jahren leider immer öfter. Fakt ist: Die Gewaltbereitschaft - gerade unter Jugendlichen - nimmt zu. Und meist sind die Täter Jungen. Rein statistisch gesehen müssen sich Eltern von Jungen auf Ärger einstellen: Denn egal, ob Schrei-Babys oder Zappelphilipps, Legastheniker oder Computerjunkies - Söhne beschäftigen die pädagogischen Beratungsstellen weit stärker als Töchter. Doch woher kommt diese Entwicklung und wie kann man sie stoppen?

Die Ursachen für solches Fehlverhalten bei Heranwachsenden sind sehr vielfältig, und es gibt jede Menge Faktoren, die darauf Einfluss nehmen. Das kann das soziale Umfeld sein, eine vernachlässigte elterliche Aufsicht oder ein Erziehungsstil, der entweder übermäßig viele oder zu wenig Regeln für die Kinder aufstellt und diese dann nur inkonsequent durchsetzt. Doch zu welchem Zeitpunkt beginnt diese Problematik? Gibt es schon im Kindergarten Hinweise auf eine schwierige Sozialisation? Unter Umständen lassen sich schon dort erste Anzeichen einer Verwahrlosung erkennen. Auch die Pubertät scheint für viele Jungs eine schwierigere Umorientierungsphase zu sein als für die meisten Mädchen.

Junge packt auf dem Pausenhof unter den Augen eines Mädchens einen anderen am Kragen (Rechte: IMAGO)

Die Gewaltbereitschaft nimmt zu

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Mangelnde Perspektiven

In diesem Alter müssen sie sich selbst Perspektiven für ihr weiteres Leben geben. Dass viele das eben ganz offensichtlich nicht können, diese Unfähigkeit oder Verweigerung kann viele Gründe haben. Oft spielt in diesem Prozess der soziale Hintergrund eine wichtige Rolle. Wer in einem durch Perspektivlosigkeit und/oder von Drogen geprägten Umfeld groß wird, wird es bei der Suche nach einer eigenen Identität, einer eigenen Perspektive sicherlich schwer haben. Eine totale Verweigerung sich den täglichen Anforderungen von Alltag und Schule zu stellen, spricht dafür, dass sich die Jungen selbst nicht viel zutrauen. Zu viel Strenge und zu hohe Erwartungen der Eltern führen oft zu Überforderung - der schulische Erfolg bleibt aus. Kümmern sich die Eltern gar nicht um die Jungs, führt das häufig zum gleichen Ergebnis. Niederlagen summieren sich. Das Ergebnis: mangelnde Perspektive durch mangelndes Selbstbewusstsein. Hinter so einer Haltung kann aber auch eine handfeste Depression stecken, die nicht erkannt wird. Denn gerade in dieser Altersgruppe gibt es sehr viele Selbstmorde. Und dann gibt es noch das sogenannte Coole-Jungs-Phänomen. Diese Jungs zeigen nur wenig Emotionen. Sie demonstrieren: Hier ist jemand, der andere nicht nötig hat. So ein Verhalten wird unter Gleichaltrigen anerkannt und dadurch verstärkt sich dieses Phänomen.

In einer Schule wischt eine Schülerin das Wort "PISA" mit einem Schwamm von der Tafel (Rechte: Argus)

Weniger Jungen als Mädchen erreichen das Gymnasium

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Problemfall Schule

Spätestens seit der ersten Pisa-Studie gelten Jungen als die neuen Sorgenkinder des deutschen Bildungssystems. Ihre Leseleistungen hinken denen der Mädchen um rund ein Schuljahr hinterher. Sie werden häufiger wegen Unreife vor der Einschulung zurückgestellt. Weniger Jungen als Mädchen erreichen das Gymnasium und weniger schaffen später das Abitur. Zwei Drittel der Schulabbrecher sind Jungs. Drei Viertel der Sonderschüler sind männlich. War die Verteilung der Sitzenbleiber 1990 noch 50 zu 50, so liegt sie heute bei 62 Prozent zu Ungunsten der Jungs. Erfolglosigkeit führt zu Frustration und so ist es nicht verwunderlich, dass Gewalt an Schulen vor allem ein Jungenproblem ist.

Natürlich sind Jungen schon immer lauter, dominanter, oft rüpelhafter als ihre weiblichen Klassenkameraden aufgetreten, ohne dass irgendjemand ein Problem darin sah. Im Gegenteil: Solch ein Verhalten galt jahrzehntelang geradezu als Erfolgsstrategie der Jungen. Doch in der modernen Schule haben typisch männliche Tugenden wie zum Beispiel körperliche Kraft, Durchsetzungsstärke oder Überlegenheitsstreben an Wert verloren. Heute zählen stärker soziale Qualitäten wie Teamgeist, Empathie oder Kommunikationstalent - eher weibliche Attribute also. An manchen Schulen gibt es genau aus diesem Grund auch schon geschlechterspezifischen Unterricht, das heißt: In einigen Fächern erfolgt der Unterricht für Mädchen und Jungen getrennt.

Maurer beim Vermauern einer Hausinnenwand (Rechte: WDR)

Der Beruf des Maurers ist nicht mehr so gefragt

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Veränderte Berufswelt

Die oben erwähnten Attribute werden auch in der Berufswelt immer gefragter: Während es früher keineswegs einen sozialen Abstieg bedeutete, mit körperlicher Arbeit - wie zum Beispiel auf der Baustelle - sein Brot zu verdienen, sieht das heute ganz anders aus. Immer mehr Lehrstellen in typischen Männerberufen brechen weg, dafür steigt ihre Zahl im Dienstleistungssektor, wo weiche Fähigkeiten - sogenannte "Soft Skills" - gefragt sind. Für die betroffenen männlichen Jugendlichen bedeutet dies eine erneute Niederlage und führt zu noch mehr Frustration. Noch sind Führungsposten vorwiegend männlich besetzt, aber auch das könnte sich in den nächsten Jahrzehnten ändern.

Kinder frühstuecken im Kindergarten (Rechte: AP)

Soziale Kompetenz ist wichtig

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Überfordertes Umfeld

Die Mehrzahl der Eltern, Ausbilder und Lehrer dieser Problemjungs sind meist überfordert. Herkömmliche Mittel wie schulische "Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen" sowie polizeilich-juristische Sanktionen sind alleine keine wirksamen Handlungskonzepte. Sie geben weder Antwort auf die mangelnde soziale Kompetenz der Betroffenen noch auf deren fehlende Empathiefähigkeit. Und die Spirale von Schulschwänzen, Schulverweigerung, Ausbildungsabbruch, Integrations- und Selbstausgrenzung und Kriminalität wird für Eltern, Lehrer, Fachkräfte von Jugendhilfen, Polizei und Justiz zur Herausforderung. Pädagogische Konzepte und Maßnahmen bietet nahezu jede Gemeinde, jedes Bundesland. Ob diese greifen und die gefährdeten Jugendlichen rechtzeitig wieder auf einen guten Weg bringen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Dennoch bleibt es eine wichtige Aufgabe unserer Gesellschaft, auch diesen Jugendlichen eine eigene Identität, eine eigene Perspektive zu schaffen.

Kerstin Zeter, Stand vom 18.02.2010

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