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Interview mit Prof. Thomas Fuhr

Ende der 90er Jahre begann Prof. Thomas Fuhr, sich mit Forschungen zu Jungen zu beschäftigen, die in England, Irland, den USA, Australien und Skandinavien durchgeführt wurden. Alle Forschungen und Diskussionen dort sind unseren in Deutschland um einige Jahre voraus. Seit 2004 führt er eigene Forschungen zum Thema "Jungen" durch und trägt diese regelmäßig auf internationalen Kongressen vor.

Prof. Thomas Fuhr im Planet Wissen Studio (Rechte: SWR)

Prof. Thomas Fuhr

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Planet Wissen (PW): Hat es schwierige Jungs nicht schon immer gegeben? Haben die Medien dieses Thema nicht erst zum Thema gemacht und aufgebauscht?

Thomas Fuhr (T.F.):Sicherlich ist es zum Teil aufgebauscht, aber es ist schon so, dass die Mädchen aufgeholt haben. Die Gesellschaft, also unsere Gesellschaft, hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, hin zu Werten, die weniger dem traditionellen Männerverhalten entsprechen. Ein rüder Umgangston, eine Prügelei - das sind alles Sachen, die hat es schon immer gegeben, aber heute sind wir in ihrer Wahrnehmung empfindlicher. Das ist heute eigentlich nicht mehr gefragt. Die zunehmende Brutalität, vor allem unter Jungs - das ist aber doch schon ein Trend.

PW: Seit wann beobachtet man diese Entwicklung, dass sich immer mehr Jungs aus der Gesellschaft verabschieden?

T.F.: Dass die Alten über die junge Generation schimpfen, so nach dem Motto: "Früher war das aber anders..." - das gibt es schon seit Tausenden von Jahren und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Also die Tendenz, die Jugend kritisch zu beobachten. Neu ist die Zunahme der Brutalität und Gewalt in den letzten zehn Jahren. Blickt man auf die Polizeistatistiken, kann man davon ausgehen, dass diese Fälle zunehmen. Generell ist die Gewalttoleranz konstant zurückgegangen. Dabei handelt es sich um verschiedene Arten von Gewalt wie häusliche Gewalt, Gewalt von Eltern gegen Kinder und auch die Gewalt der Jugendlichen untereinander. Zum Thema Gewalt gibt es, gerade was die Gewalt von Eltern gegenüber Kindern betrifft, einige Überraschungen: So werden Söhne öfter gewalttätig behandelt und die Täter sind oft die Mütter.

PW: Wann beginnt die Biographie eines Problemjungen? Fallen diese Jungs schon im Kindergarten auf?

T.F.: Sie können tatsächlich schon so früh auffallen, doch meist passiert das erst mit Einsetzen der Pubertät, so mit zwölf Jahren etwa. Da wird für diese Kinder dann die Gruppe, die Clique sehr wichtig. Sobald mehrere Kinder zusammenkommen, im Kindergarten, in der Schule auf dem Pausenhof - nicht in der Klasse, im Schwimmbad am Nachmittag - aber nicht zu Hause, bilden sich Gruppen, und die Geschlechter sondern sich dabei auch voneinander ab. Wenn diese Absonderung besonders stark ist, zeigen sich oft die ersten Probleme. Und innerhalb dieser Gruppe gibt es dann eben verschiedene Rollen. Da sind die Anführer, die wollen natürlich die coolsten sein, dadurch sind sie auch die problematischsten. Aber es gibt auch diejenigen, die sich in der Gruppe beweisen müssen und die Jungs, die keinen richtigen Anschluss finden. Auch das können "Pulverfässer" sein: In diesem Gruppenphänomen zeigen sich erste Strukturen sozial problematischen Verhaltens. Der Gruppendruck kann sehr stark sein, auch nach außen. Die Jungs hören eine bestimmte Musik oder tragen bestimmte Kleidung. Die Abhängigkeit der Jugendlichen durch ihre Gleichaltrigen-Gruppe kann sehr stark sein. Dort wollen sie als "starker Mann" Anerkennung gewinnen, indem sie sich abgrenzen, nicht anpassen.

PW: Immer wieder liest man, dass sich vor allem für Jungs die Welt heute stark verändert hat. Was hat sich verändert, dass es vielen von ihnen das Leben so schwer macht?

T.F.: Was früher als typisch weibliche Eigenschaften angesehen wurde, erfährt heute eine starke Aufwertung. Also zum Beispiel zuhören können, kreativ sein, sich nicht auf die Kosten anderer durchsetzen. Die traditionell eher patriarchalischen Eigenschaften wie: wenig aushandeln, sich durchsetzen, körperliche Stärke - all das ist heute längst nicht mehr so anerkannt.

PW: Sind die Männer also die Verlierer der Emanzipationsbewegung der Frauen?

T.F.: Ja, schon. Aber das ist ja durchaus eine Tendenz, die wir in der Gesellschaft gewollt haben. Für Jungs ist es heute aber nicht mehr so einfach, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Ein neues Männlichkeitsbild ist zwar da, wird aber noch nicht von allen so gelebt. Man hat beobachtet, dass wenn sich der Erfolg im Beruf oder im Privatleben eben nicht einstellen will, dann wird oft auf diese traditionelle Vorstellung zurückgegriffen. Sobald sich da aber etwas ändert, können Männer, oder eben Jungs, auch wieder weicher werden...

PW: Mädchen sind auf dem Vormarsch, schneiden besser ab in der Schule, dringen in typische Männerberufe ein, machen Karriere. Was heißt all das für die Jungs?

T.F.: Es ist de facto so, dass sich die Gesellschaft angleicht. Und das trifft Jungs in der Umbruchphase besonders hart, denn Geschlechterdifferenz ist auch für Kinder wichtig. Doch die aktive Suche nach einer geschlechtlichen Identität braucht Inhalte, also auch Vorbilder. Das alte Männlichkeitsbild ist überholt und ein neues noch nicht wirklich in Sicht. Die Ungleichbehandlung von Kindern beginnt oft schon im Kindergarten. Bringt ein Mädchen zum Beispiel seine Puppe mit, ist das o.k. Wenn ein Junge ein Spielzeuggewehr mitbringen will, ist das nicht o.k.

PW: Mangelt es den Lehrern an Sensibilität und Verständnis für die Bedürfnisse von Jungs?

T.F.: Jungen werden - gerade in der Schule - oft missverstanden. Das liegt daran, dass wir dazu neigen, die soziale Kompetenz weiblich zu definieren. Ein Beispiel: Gibt es ein Kind, das ein bisschen ausgeschlossen ist, dann versuchen auch die Jungen ihm zu helfen. Sie machen das aber befehlend, so nach dem Motto "komm her...", "mach dies oder das...". Und das wird von Erwachsenen oft falsch verstanden, denn auf den ersten Blick sieht es so aus, dass der Junge dieses Kind noch mehr ärgert, dabei hilft er ihm eigentlich.

PW: Es gibt Erziehungswissenschaftler, die fordern eine geschlechtsspezifische Pädagogik in der Schule und schon im Kindergarten. Was muss man sich darunter vorstellen?

T.F.: Da sollen typische Interessen und Arbeitsweisen von Jungs bedient werden: zum Beispiel mehr Lehrer statt Lehrerinnen eingesetzt werden; Angebote, die mit Wettstreit zu tun haben, angeboten werden; mehr Technik, mehr Sport - alle typischen Jungenthemen eben. Aber das ist eine Minderheitenposition. Ich halte das für kontraproduktiv, ehrlich gesagt. Man sollte lieber allen Kindern ein möglichst breites Erfahrungsspektrum geben, um die klassischen Rollenbilder abzubauen. Warum sollte zum Beispiel nicht auch ein Junge Spaß daran haben, den Schulgarten zu pflegen?

PW: Viele Mütter sind alleinerziehend, auch im Kindergarten oder in der Grundschule haben Jungen meist Lehrerinnen. Fehlen Jungen heute die männlichen Vorbilder?

T.F.: Prinzipiell ist das kein Problem. Rein emotional gesehen mögen Jungen schon einen Mann, an dem sie sich orientieren können, das kommt aber ganz auf die Ansprache, auf die Umgangsart an. Wenn sich im direkten Umfeld aber kein Mann befindet, passiert Folgendes: Das Männlichkeitsbild der Jungs wird stereotyper. Also diese typischen Klischees: Ein Mann weint nicht, ein Mann holt sich, was er will, ein Mann hat die Hosen an.

PW: Es gab ja schon einmal eine Generation, die vaterlos aufgewachsen ist, nach dem Krieg. Warum wurden Jungs damals nicht zu Sorgenkindern?

T.F.: Zu der Zeit war die Einbindung in größere Familienstrukturen noch größer. Wenn es nicht der Vater war, der am Tisch saß, war es vielleicht der Onkel oder Großvater, der die Vaterrolle übernommen hat und ein gleichgeschlechtliches Vorbild war.

PW: Warum fällt es Jungen so schwer, über ihre Gefühle zu sprechen?

T.F.: Dazu gibt es viele unterschiedliche Erklärungsansätze. Einer zum Beispiel hat einen evolutionstheoretischen Ansatz, der besagt, dass Männer schon immer als Jäger und Kämpfer eher allein unterwegs waren, sich weniger mit anderen austauschten wie zum Beispiel die Frauen, die in der Siedlung zurückgeblieben waren. Ein anderer Ansatz besagt, dass sie durch das Verhalten der anderen Kinder so sozialisiert werden, denn Fakt ist: Jungs sprechen weniger über ihre Gefühle, auch innerhalb ihrer Gruppe. Und dann ist natürlich noch der Faktor Eltern beziehungsweise Väter - wie machen’s die vor - das ist ganz wichtig.

PW: Und welche Folge hat es, wenn sie es nicht lernen?

T.F.: Sie werden zu einsamen Cowboys, sind auf sich allein gestellt. Ein Junge, der gelernt hat, dass er verletzbar ist, wenn er über seine eigenen Probleme redet, muss Stärke zeigen, möchte unabhängig von anderen sein, denkt, er muss sich beweisen...

PW: Es passiert immer wieder, dass Jungs sich über viele Jahre auf einem Weg befinden, der sie aus der Gesellschaft führt. Aber auf einmal wollen sie da raus. Was passiert im Leben der Jungs, dass es zu dieser gegenläufigen Entwicklung kommt?

T.F.: Der größte Sozialisierungsfaktor ist Partnerschaft, also ist es oft eine Freundin, die diese Wende einleitet. Manchmal reicht es aber auch schon, dass die Warnsignale so stark sind, dass sie sich eines Besseren besinnen oder die Clique anfängt, sich von einem abzuwenden. Oder die Justiz und Sozialarbeit sitzt einem so sehr im Nacken, dass man merkt, dass man nicht mehr so viele Chancen hat und endlich eine ergreift.

PW: Gibt es dann auch wirklich genug Möglichkeiten für diese Jungs, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren?

T.F.: Im Prinzip schon. In Zeiten der Wirtschaftskrise wird das zwar immer schwerer, denn Arbeit und eine gewisse materielle Absicherung ist dabei ein ganz wichtiger Aspekt, aber gelingen kann es schon.

PW: Jetzt haben wir uns die ganze Zeit mit den Problemjungs beschäftigt, aber es gibt ja auch viele Jungs, die sind anders, unproblematisch. Was wurde hier anders, beziehungsweise "richtig" gemacht?

T.F.: Anscheinend ziemlich vieles. Jungs sind eben nicht einheitlich, da gibt es den intellektuellen Träumer, den Rabauken et cetera, und jeder muss seinen Weg für sich finden, in der Schule oder in der Freizeit. Wie bereits erwähnt, das kann irgendeine Beschäftigung sein, Musik, Sport, was auch immer. Allein so etwas reicht, um alles in bessere Bahnen zu lenken... Aber das Wichtigste ist eigentlich ein gesundes Elternhaus.

Kerstin Zeter, Stand vom 18.02.2010

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