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Stiefkinder

Der Begriff "Stiefkind" ist im Deutschen sehr negativ besetzt. Man spricht vom "Stiefkind der Nation" oder vom "Stiefkind der Wirtschaftspolitik", wenn man andeuten will, dass ein bestimmtes Thema vernachlässigt wird. Tatsächlich machen Stiefkinder schwierige Erfahrungen. Diese ergeben sich jedoch meistens nicht aus Vernachlässigung, sondern aus den vielen Veränderungen, die sich durch die Auflösung einer Familie und die Gründung einer anderen ergeben.

Ein kleines blondes Mädchen sitzt traurig auf einer Fensterbank und sieht nicht hinaus in den grünen Garten. (Rechte: Mauritius)

Die Scheidung der Eltern ist für Kinder oft sehr schmerzhaft

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Abschied von der heilen Welt

Allen Stiefkindern ist gemeinsam, dass sie bereits eine schmerzliche Erfahrung hinter sich haben: Sie haben die Auflösung ihrer ersten Familie durch Trennung oder Tod eines Elternteils erlebt. Die meisten Kinder können sich auch als Erwachsene noch deutlich an diese schwierige Zeit erinnern.

In den meisten Fällen folgt auf die Auflösung einer Partnerschaft eine längere Zeit, in der die Kinder allein mit einem Elternteil leben. In dieser Phase wird die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem oft sehr eng. Viele Kinder bieten sich trauernden Eltern von selbst als Beziehungsersatz an. Sie werden zum Tröster und Berater, übernehmen Aufgaben im Haushalt oder kümmern sich um jüngere Geschwister. Vor allem ältere Kinder besetzen damit Aspekte der Elternrolle und erlangen darüber große Selbständigkeit und viele Rechte. Wenn ein neuer Partner hinzutritt, wird diese eingespielte Ordnung durcheinander gebracht: Das Stiefelternteil wird dann oft als Eindringling empfunden, der gewohnte Abläufe in Frage stellt. Je länger das Kind alleine mit einem Elternteil gelebt hat, desto schwieriger wird es ihm in der Regel fallen, einen neuen Partner zu akzeptieren.

Ein kleines blondes Mädchen blickt traurig in die Kamera. Hinter ihr streiten sich zwei Erwachsene mit einem älteren Mädchen. (Rechte: Mauritius)

Meist dauert es eine Weile, bis die neue Familie zusammenwächst

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Aller Anfang ist schwer

Den Beginn einer Stieffamilie begleitet meist die Angst der Kinder, Mutter oder Vater zu verlieren und die Eifersucht auf den Partner ihres Elternteils. Ein Kind, das durch Scheidung oder Tod eines Elternteils einen schweren Verlust erlitten hat, wird schon deshalb neuen Partnern gegenüber zurückhaltend und misstrauisch sein. Hinzu kommen die großen Veränderungen: Anders als bei einer gewachsenen Familie kennen sich die Mitglieder einer Stieffamilie oft noch nicht über viele Jahre hinweg. Sie haben Gewohnheiten und Rituale, die den anderen Familienmitgliedern fremd sind und müssen unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensstile aufeinander abstimmen. Viel Geduld und viele Gespräche helfen, die schwierige Annäherungsphase zu überstehen.

Ein kleiner Junge mit traurigem Gesicht sitzt an einen weißen Gartenzaun gelehnt. Mit der linken Hand stützt er sein Kinn auf sein Bein. (Rechte: Mauritius)

Auf wen soll ich denn jetzt hören?

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Loyalitätskonflikte

Ein Scheidungsrichter löst eine Ehe auf, nicht jedoch eine Familie. Stiefelternteile sollten also nicht versuchen, Vater oder Mutter der Kinder zu ersetzen. In der Rolle des Erziehers wird das Stiefelternteil gerade von älteren Kindern selten akzeptiert. "Du bist nicht meine Mutter!" ist die Reaktion, die viele Stiefeltern auf Erziehungsversuche ernten. Solche Ablehnung durch die Kinder trotz ihrer großen Bemühungen führen bei Stiefeltern oft zu schweren Kränkungen. Stiefeltern sollten bedenken, dass sie mit dem Versuch, das ausgeschiedene Elternteil zu ersetzen, bei den Kindern schwere Loyalitätskonflikte auslösen. Die Kinder fürchten, sich zwischen dem "Stief" und dem leiblichen Elternteil entscheiden zu müssen. Bekommt das Kind dann auch noch vom außen stehenden leiblichen Elternteil das Verbot, sich auf den neuen Ehepartner einzustellen – auch wenn es unausgesprochen bleibt – führt dies zu einer Zerreißprobe.

Viel leichter als ein neues Elternteil akzeptieren Kinder einen neuen Freund, Freizeit- oder Spielkameraden. Eine behutsame Annäherung ist die beste Chance für eine Patchwork-Familie, auf Dauer glücklich zu werden. Nur wenn Zuneigung nicht erzwungen wird, können Loyalitätskonflikte verhindert werden. Auch wenn alles nach dem Lehrbuch abläuft, dauert es einige Zeit, bis eine neue Familie zusammenwächst: Wissenschaftler veranschlagen fünf Jahre als Anpassungszeit, bis sich eine neue Familie etabliert hat.

Zwei blonde Jungen raufen auf einer grünen Wiese. Der eine hat den anderen im Schwitzkasten. (Rechte: Mauritius)

Oft kommt es zu Rangeleien zwischen Stiefkindern

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Die neuen Geschwister

Wenn Kinder unterschiedlicher Partner in einer Stieffamilie zusammen kommen, gibt es oft Rangverschiebungen. Der einzige Sohn bekommt nun vielleicht Stiefbrüder, die jüngste Tochter verliert ihren Status als Nesthäkchen. Oft wird es mit dem Zustandekommen einer Stieffamilie auch enger im Haus: Kinder, die vorher eigene Zimmer hatten, müssen nun vielleicht ein Zimmer teilen. Rivalitäten unter den Kindern einer Stieffamilie sind deshalb nicht selten. Wer erzieht wen? Wessen Kinder haben welche Rechte und Pflichten? Wer bekommt wie viel Taschengeld? Alle diese Fragen müssen geklärt und einheitlich geregelt werden, damit der Familienmix eine Chance hat. Alle Kinder müssen sich in die neue Familie eingebunden fühlen und klare Ansprechpartner haben.

Das gemeinsame Kind erhält in vielen Stieffamilien besondere Bedeutung. Weil das Neugeborene der einzige Teil der Familie ist, der mit allen verwandt ist, kommt dem gemeinsamen Kind auch symbolischer Charakter zu. In vielen Fällen knüpfen sich an dieses Kind die Erwartungen, die Familie zu verbinden und zu einer Einheit zu verschmelzen - eine anspruchsvolle Aufgabe für ein kleines Kind.

Christine Buth, Stand vom 02.09.2011

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