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Interview: Frauen im Filmgeschäft

Warum sind Frauen hinter der Kamera immer noch in der Minderheit? Und machen sie andere Filme als Männer? Planet Wissen hat mit Silke J. Räbiger darüber gesprochen. Sie leitete von 1992 an das Frauenfilmfestival femme totale in Dortmund. Seit der Fusion mit dem Kölner Festival Feminale 2007 ist sie Leiterin des Internationalen Frauenfilmfestivals, das jährlich abwechselnd in Köln und Dortmund stattfindet.

Porträtfoto von Silke J. Räbiger. (Rechte: IFFF Dortmund/Köln)

Silke J. Räbiger leitet das Frauenfilmfestival

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Planet Wissen (PW): Auf die Gefahr hin, dass Sie die Frage schon oft beantworten mussten: Warum brauchen wir heute noch ein Filmfestival ausschließlich für Frauen?

Silke J. Räbiger (S.R.): Als wir in den 80er Jahren mit dieser Arbeit angefangen haben, habe ich immer gedacht, dass das ein Auslaufmodell sein müsste, weil man irgendwann alles erreicht hat. Dann haben wir aber gerade in den 90er Jahren feststellen müssen, dass sich die Situation für Frauen im Filmgeschäft nicht wesentlich verbessert hat.

Natürlich hat sich seit den 80ern eine Menge geändert: Frauen und Männer müssen per Gesetz in allen Belangen gleich behandelt werden. Und dennoch ist es im Filmgeschäft genauso wie in großen Unternehmen: In den Bereichen der Filmproduktion, in denen viel Geld über den Tisch geht – und das ist vor allem der Spielfilm –, sind Frauen einfach weniger zu finden. Es ist nach wie vor so, dass den Frauen das Geld offenbar nicht so anvertraut wird. Das war für uns zum Beispiel auch der Grund, einen Spielfilmpreis einzurichten, der sich an Frauen wendet, die schon länger dabei sind und die es bereits geschafft haben, sich im Festival- und Filmbetrieb durchzusetzen. Wenn man sich nämlich Gremien anguckt, die Gelder vergeben, wenn man sich Jurybesetzungen anguckt und Festivalleitungen – an den Spitzen all dieser Einrichtungen sind im Wesentlichen Männer zu finden.

PW: Hatten Sie erwartet, dass sich da schneller etwas ändert?

S.R.: Ja, das muss ich ganz ehrlich sagen. Ich habe damals in den 80er Jahren gedacht, dass man im 21. Jahrhundert über diese Frage nicht mehr so intensiv nachdenken muss. Aber im Grunde ist es so, dass man heute etwas belächelt wird, wenn man – ich sage das jetzt mal etwas salopp – die Frauenfahne schwingt. Oft fühle ich mich in Situationen aus den 80er Jahren zurückversetzt, wo es auch uncool war zu fragen: Wo sind denn die Frauen? Und heute ist es auch wieder ziemlich uncool.

Ein Mädchen filmt mit einer Kamera, drei Mädchen stehen im Hintergrund. (Rechte: Guido Schiefer)

Schülerinnen üben beim Frauenfilmfestival

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PW: Weil viele so tun, als sei die Gleichberechtigung schon verwirklicht?

S.R.: Ja, genau. Man geht davon aus, es ist schon alles erreicht, aber wenn man genauer hinschaut, ist es eben gar nicht so. Und wir können feststellen, dass sich in den letzten Jahren auch in anderen Ländern wie Israel, Palästina, in der Türkei oder in Brasilien, wo zum Teil andere Gesellschaftsstrukturen vorherrschen, viele neue Frauenfilmfestivals gegründet haben. Das ist schon ein Ausdruck von einem gewissen Selbstbewusstsein der Frauen, die sagen: Wir gehören genauso zu dieser Filmbranche, und wir präsentieren uns sehr selbstbewusst. Insofern ist es leider kein Auslaufmodell. (lacht)

PW: Woran liegt es denn, dass Frauen selten große Budgets bekommen?

S.R.: Ich denke, dass Frauen oft noch zu zurückhaltend, zu bescheiden sind, wenn es darum geht, Budgets aufzustellen oder Filme zu produzieren. Sie sagen nicht: Ich bin die Größte und wenn ihr das nicht fördert, ist das völlig unverständlich. Frauen sind da ein Stückchen zurückhaltender, oft auch realistischer in ihrer Eigeneinschätzung. Und was sicherlich auch eine Rolle spielt: Die Netzwerke von Frauen sind nicht so ausgeprägt wie die der Männer. Frauen haben dieses buddy-mäßige nicht drauf, dieses: Hey, komm, das machen wir jetzt mal. Sie sind vorsichtiger, aber das ist in diesem Job nicht hilfreich, denn Filme machen ist ganz knallharte Konkurrenz. Es ist ein richtiger Kampf um Geld, ein Kampf um Positionen und man muss schon sehr tough sein, um sich da durchzusetzen und um in dieser Branche dauerhaft arbeiten zu können.

Beim Fernsehen gibt es noch viele Zwischenformate, viele kleinere Formate, deswegen gibt es da mehr Regisseurinnen als beim Kino. Aber wenn man sich dann wieder die großen Fernsehspiele anguckt oder die Mehrteiler – wen kennen wir da an Frauen? Margarethe von Trotta, Doris Dörrie oder Hermine Huntgeburth vielleicht, aber jemand wie Heinrich Breloer zum Beispiel hat noch viel gewaltigere Möglichkeiten.

Porträtfoto von Doris Dörrie. (Rechte: dpa/WDR )

Die Regisseurin Doris Dörrie hat sich durchgesetzt

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PW: Doris Dörrie hat in einem Interview gesagt, dass es auch eine Rolle spiele, dass man als Regisseurin nicht halbtags arbeiten könne. Und dass das viele Frauen abschrecke.

S.R.: Das ist natürlich eine schwierige Entscheidung. Wir haben im letzten Jahr in Köln eine Diskussion gehabt zum Thema "Der Dreh mit dem Kind". Wenn ich drehe – das trifft ja nicht nur Regisseurinnen, sondern zum Beispiel auch Bildgestalterinnen –, bin ich 12 oder 14 Stunden am Set. Wo ist dann das Kind? Es kann sich nicht jeder eine Nanny leisten. Das sind alles Schwierigkeiten. Ich denke, man muss dann eine gut funktionierende Familie haben, damit man das Kind in guten Händen weiß, wenn man dreht. Aber das trifft auf andere Berufe auch zu. Wenn ich ins obere Management gehe, dann habe ich auch einen 12-Stunden-Job.

PW: Woran liegt es denn, dass auch viele Preise nicht an Frauen gehen? Einen Oscar für eine Regisseurin gab es 2010 zum ersten Mal.

S.R.: Wenn es um Preise für Spielfilme geht, muss man zuerst einmal sehen, dass es gar nicht so viele Frauen gibt, die überhaupt nominiert sind. Dann ist es aber auch eine Bewusstseinsfrage: Wenn ich als Jurymitglied zwischen zwei Filmen schwanke und einer ist von einer Frau, kann ich ihn ja auch bewusst der Frau geben. Und es kann durchaus sein, dass die Sichtweise auf die Dinge von Frauen eine andere ist und dass sie Männern in den Jurys nicht so gefällt oder dass sie weniger damit anfangen können. Aber zunächst muss natürlich die Qualität der Filme stimmen. An dem Handwerk führt kein Weg vorbei. Ein schlecht gemachter Film ist ein schlechter Film, egal von wem. Aber es ist auch die Frage: Will ich das? Will ich eine Frau in den Vordergrund schieben, kann ich mich mit ihrer Thematik anfreunden? Das ist für manche bestimmt nicht so ganz einfach.

Szene aus dem Film "The Hurt Locker". (Rechte: AP)

Für "The Hurt Locker" bekam Kathryln Bigelow den Oscar

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PW: Aber würden Sie denn sagen, dass Frauen andere Filme machen? Wenn Sie einen Film sehen, wissen Sie dann, ob ihn eine Frau oder ein Mann gemacht hat?

S.R.: Das kann man nicht sehen. Es hat mal eine witzige Situation gegeben, die schon 20 Jahre her ist. Auf dem Film- und Videoforum in Freiburg wurde immer ein kurzer Ausschnitt aus einem Film gezeigt und das Publikum sollte raten, ob er von einer Frau oder einem Mann war. Das wurde dann immer gegeneinander abgeglichen. Und es war wirklich zum Piepen, weil es völlig absurd war. (lacht) So etwas kann man nicht sehen. Es gibt Frauen, die ganz großartig Männer inszenieren können und andersherum. Aber es gibt in der Tat wenig Frauen, die Actionfilme drehen. Kathryn Bigelow, die 2010 den Oscar für die beste Regie gewonnen hat, ist da eine große Ausnahme.

PW: Würden Sie sagen, dass Frauen anders Regie führen?

S.R.: Das weiß ich nicht. Ich glaube, Frauen sind ziemlich gut dafür geeignet, so eine Riesencrew zusammenzuhalten. Das ist ja ein bisschen wie einen Hühnerhaufen zu dirigieren. Ich denke, man muss die Fähigkeit haben, sehr klar zu sagen, was man will, also sehr durchsetzungsfähig sein. Und man muss natürlich eine gute Schauspielführung haben. Aber das ist Handwerk. Natürlich ist Regie führen auch eine Kunst, aber letztendlich ist es ein Handwerk und das muss ich vorher lernen. Und das Auftreten ist im Endeffekt typbedingt. Es wird bei Frauen auch welche geben, die sehr cholerisch auftreten, die werden nicht immer alle mit Samthandschuhen anfassen.

Das Plakat des Internationalen Frauenfilmfestivals 2011. (Rechte: IFFF Köln/Dortmund )

Wenige männliche Besuche beim Frauenfilmfestival

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PW: Zu Ihrem Festival kommen wenige Männer, obwohl viele Filme gar keinen feministischen Hintergrund haben. In diesem Jahr gibt es zum Beispiel einen ökologischen Schwerpunkt.

S.R.: Das liegt leider immer noch am Vorurteil, dass wir aus den 80er Jahren tapfer mitgeschleppt haben. Das ist uns aber gar nicht recht. Das Festival richtet sich ganz klar an alle. Wir sind nicht ein explizit feministisches Festival. Es gibt natürlich auch immer wieder feministische Debatten, aber es ist einfach ein Festival für Cineasten und die Hauptaufgabe des Festivals ist es, die Arbeit von Frauen in den Vordergrund zu rücken.

Unsere Weiterbildungen sind aber in der Tat nur für Frauen geöffnet. Auch unsere Jurys sind alle weiblich besetzt und die Referenten sind in der Regel nur Frauen. Bei den ersten Workshops vor vielen Jahren waren auch mal Männer dabei. Das war irgendwie bizarr, weil sie sofort alles an sich gerissen haben, richtig klischeehaft. Da haben wir uns überlegt, wie man die ausbremsen kann. Das war aber so mühselig, weil so viel Energie darauf verschwendet wurde. Ich war ziemlich erstaunt, als ich das feststellte, weil es wirklich das totale Klischee erfüllte. Vielleicht hatten wir aber auch einfach nur Pech.

PW: Haben Sie denn das Gefühl, dass sich durch Ihre Arbeit etwas verändert im Filmgeschäft?

S.R.: Na ja, wir können auch nicht die Welt verändern. Aber es melden sich immer wieder Produzenten bei uns, die Kamerafrauen anfragen, weil wir als Festival dafür bekannt geworden sind, dass wir fast alle kennen, die es in Deutschland so gibt. Ganz unbescheiden kann ich sagen, dass fast alle Kamerafrauen hier schon mal bei uns auf dem Festival waren. Es hat sich von hier aus ein gutes Netzwerk unter den Frauen gebildet. Das ist ganz irre: Die kommen fast alle aus Berlin, haben auch alle schon mal voneinander gehört, treffen sich dann aber hier in Dortmund oder Köln zum ersten Mal. Das ist natürlich super.

Interview: Mareike Potjans, Stand vom 03.05.2011

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