Gleichberechtigung heute - Interview mit Lisa Ortgies
Planet Wissen (PW): Frau Ortgies, das Thema Gleichberechtigung – ist das nicht, zumindest bei uns in Deutschland, schon längst erledigt?
Lisa Ortgies (L.O.): Erledigt hat es sich zum Beispiel, wenn Männer 50 Prozent der Familienarbeit leisten und 50 Prozent der Führungsposten mit Frauen besetzt sind. Davon ist Deutschland so weit entfernt wie kaum ein anderes Industrieland. Es gibt außerdem ein paar Forderungen, die eigentlich schon vor 100 Jahren thematisiert wurden, und die bis heute ein Problem sind. Aber weil alle sagen "Das ist doch total altbacken und lächerlich, ich will doch nicht mehr ernsthaft über den Abwasch diskutieren", wird gar nicht mehr darüber gesprochen. Die Frauen machen 75 Prozent der Hausarbeit, auch wenn beide in einer Partnerschaft arbeiten! Das war ein eher überraschendes Ergebnis meiner Recherchen. Ich kenne Art-Direktorinnen, Wirtschaftsberaterinnen, die nach einem 10 Stunden-Tag nach Hause kommen, und da steht noch das Frühstücksgeschirr auf dem Tisch.
PW: Wie läuft es denn bei Ihnen zu Hause? Klappt es da mit der Gleichberechtigung?
L.O.: Wir versuchen so oft wie möglich gedanklich die Seiten zu wechseln, um Fairness zu leben, aber wir pflegen auch eine gewisse Streitkultur. Ich weiß nicht, wie es anders gehen soll, wenn man Kinder hat und beide arbeiten. Dabei geht es aber Gott sei Dank nicht um Kleinscheiß. Ich musste mit meinem Mann nie darüber diskutieren, wer wie viel Hausarbeit macht. Das betrachtet er genauso als seine Aufgabe – alles, was mit Kindern und Haushalt zu tun hat. Es gibt auch keine speziellen Sachen, die er nicht macht. Es gibt eher eine natürliche Arbeitsteilung.
Gefangen in der Frauenrolle (3'20'')
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PW: Seit der Frauenbewegung in den 1960er und 70er Jahren hat sich aber für junge Frauen viel zum Besseren geändert, nicht nur privat, sondern auch beruflich.
L.O.: Es stimmt erst einmal euphorisch, dass Mädchen und Frauen durchstarten, in der Schule sogar die besseren Leistungen bringen, an den Universitäten die Mehrzahl der Studierenden stellen, mehr und auch die besseren Abschlüsse machen. Man könnte sagen, der Marsch durch die Institutionen hat stattgefunden. Aber wenn es auf der Karriereleiter höher geht, setzt ein deutlicher Schwund ein.
PW: Warum denn?
L.O.: Da greifen Strukturen, die teilweise vor Jahrzehnten entstanden sind, zum Beispiel fehlende öffentliche Betreuung für Kinder.
Es gibt Tausende von Programmen, Mentoren-Programme, ein Gleichstellungsgesetz, institutionalisierte Gleichstellungsbeauftragte etc. Das ist ein Riesenapparat, der da entstanden ist, der aber kaum die Einstellungen bei der Mehrheit verändert hat. Die Arbeitstrukturen sind immer noch auf einen Alleinverdiener mit Hausfrau im Rücken ausgerichtet. Gleichstellung bedeutet eben, dass Männer auch ihre bisherige Komfortzone verlassen müssen. Eine Frau, die Teilzeit arbeitet, weil sie Kinder und Haushalt schmeißt, wird keine Aufstiegsmöglichkeiten wahrnehmen und oft nie wieder auf eine Vollzeitstelle zurückkehren können. Oder Thema Unterhalt: Sie können heute als geschiedener Mann ihre Frau verpflichten, wieder zu arbeiten, wenn das Kind groß genug ist. Sie können als geschiedene Frau aber ihren Mann nicht verpflichten, sich genauso um die gemeinsamen Kinder zu kümmern.
Ein Beispiel: Eine Zuschauerin erzählte mir, dass sie geschieden ist und selbstständig als Physiotherapeutin arbeitet. Ihr Sohn hat zwölf Wochen Ferien und sie keinen Hort für den Jungen. Sie versucht jetzt ihren Mann per Anwältin dazu zu bewegen, den Jungen sechs Wochen zu nehmen, was eine gleiche Aufteilung wäre. Der weigert sich aber. Das sind Dinge, die im Privaten stattfinden, wo ich merke, da sind Frauen immer noch diejenigen, die in die Verantwortung gehen. Es gibt auch eine klassische Rollenaufteilung: Nach einer Trennung bleiben die Kinder meistens bei der Frau. Damit hat sie auch das Vereinbarkeitsproblem, von der Wäsche über den Job bis hin zu solchen Problemen in den Ferien. Und dann darf man dreimal raten, wer dadurch mehr Probleme im Job hat.
PW: Wegen dieser vielen Aufgaben arbeiten Frauen ja oft in Teilzeit.
L.O.: Das ist auch eine Sache, die völlig aus dem Fokus gerät bei der ganzen Diskussion. Wir reden immer über Spitzenmanagerinnen. Wir sollten uns auch anschauen, wie es viel weiter unten aussieht. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist deutlich gestiegen. Doch die Mehrheit der Frauen arbeitet in prekären Verhältnissen, in Minijobs und in Teilzeit. Die überwältigende Mehrheit dieser Frauen sind Zu- und Kleinverdienerinnen, die nie in der Lage sein werden, eine Familie zu versorgen oder sich wirklich unabhängig zu machen. Solche Beschäftigungsverhältnisse führen nicht dazu, dass ich eigenständig selbstverantwortlich leben kann, von einer Karriere oder Aufstieg ganz zu schweigen.
PW: Was müsste sich denn im Arbeitsleben ändern, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern?
L.O.: Die Unternehmen müssten kapieren, dass sie viel loyalere Mitarbeiter haben, wenn sie ihnen die Freiheit und auch die Möglichkeit geben, mal an einem Tag um drei Uhr zu gehen und sich dafür noch mal abends an den Schreibtisch zu setzen. Es hängt viel von den Männern ab, die ebenso wie die Frauen genau das durchsetzen müssen. Sie profitieren genauso davon, wenn sie zu Hause weiterarbeiten können und flexiblere Arbeitszeiten haben. Wenn sie das wirklich wollen und wenn sie auch handeln und nicht nur reden, dann hätte man eine Druckwelle von Seiten der Männer, die auch die Personalabteilungen erreicht. Es gibt ja wahnsinnig viele Männer, die beteuern, sie möchten mehr Zeit für ihre Kinder haben. Was bis jetzt fehlt ist die Umsetzung.
Erfolgsmodell Frauenquote? (1'18'')
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PW: Es wird derzeit viel über eine Frauenquote, diskutiert, um Gleichberechtigung in Unternehmen herzustellen. Finden Sie die sinnvoll?
L.O.: Wir brauchen die Frauenquote unbedingt. Das ist etwas, was die vergangenen 100 Jahre ganz deutlich gezeigt haben: Ohne Gesetze ändert sich nichts. Es wird keine grundlegenden Umstrukturierungen in den Betrieben geben, keine Situationsverbesserung für Frauen ohne Quote. Männer verlassen - ob als Führungskraft oder in den unteren Etagen - ihre gewohnte und bequeme Situation nicht freiwillig. Das ist menschlich. Das würden Frauen auch nicht tun.
Wenn ich das mal bemerken darf: Es gibt in den Chefetagen eine Männerquote von über 97 Prozent. Da sitzen nicht nur Leute, die wegen ihres Könnens oder wegen ihrer Begabung auf dem entsprechenden Posten gelandet sind, sondern wegen ihres guten Netzwerks. Wir alle machen die Erfahrung, dass Führungspositionen auch von überforderten Menschen besetzt werden. Die haben eigentlich in der jeweiligen Position, in die sie befördert wurden, nichts zu suchen, sondern hätten zwei bis drei Hierarchiestufen darunter stehen bleiben müssen. Dadurch funktioniert Vieles im Berufsleben nicht. Es sollten die gefördert werden, die es können und die es wollen. Und das sind dann 50 Prozent Frauen. Solange die da nicht sitzen, gibt es zu viele nicht geeignete Männer, die beispielsweise eigentlich lieber mehr zu Hause sein würden. Es gibt da einen Automatismus für Männer, den die sich über die Jahrzehnte angeeignet haben, und von dem sie genauso fremd gesteuert werden wie die Frauen, die unfreiwillig zu Hause bleiben. Nicht alle Männer sind potentielle Führungskräfte und nicht alle Männer sind dafür geschaffen, als Alleinverdiener heiß zu laufen.
Interview: Martina Schuch, Stand vom 03.05.2011






