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Interview mit Familie Bressmer

Margit und Rainer Bressmer gingen im März 2004 gemeinsam mit ihren beiden Töchtern nach Kanada. Der EDV-Betriebswirt und die gelernte Hotelfachfrau hatten schon vorher in der Provinz Nova Scotia direkt am Atlantik ein wunderschönes Grundstück gekauft. Hier wollten die Bressmers eine Feriensiedlung bauen. Das war ihre Geschäftsidee, und die Einwanderungsbehörde war davon sehr angetan. Frisch in Kanada angekommen, stellte sich aber heraus: Das ist Naturschutzgebiet und darf gar nicht bebaut werden. Dramatisch!

Familie Bressmer (Rechte: Familie Bressmer)

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Monatelang suchten die Bressmers nach einer anderen Existenz. Schließlich wurde Vater Bressmer fündig: Eine Versandkisten-Firma stand zum Verkauf. Nach reiflicher Überlegung schlug Vater Bressmer zu. Der SWR hat die Bressmers für die Doku-Reihe "Deutschland Adé" damals begleitet. Planet Wissen wollte nun wissen: Wie geht es den Bressmers heute.

Planet Wissen (PW): Wie geht es Ihnen? How do you do?

Rainer Bressmer (R.B.): Thank you, fine. I´m doing fine!

PW: Herr Bressmer, Sie haben die Versandkisten-Firma damals gekauft. Sind Sie zufrieden?

R.B.: Ja, das kann ich im deutlichem Ton der Überzeugung sagen, das hat sich alles viel besser entwickelt, als ich das zunächst erwartet habe. Wir sind im Augenblick sogar soweit, dass die Räumlichkeiten, die wir bisher nutzen, flächenmäßig nicht mehr ausreichen, sodass ich mich im Augenblick mit einem Neubau beschäftige.

PW: Frau Bressmer, das Ferienhaus-Projekt wollten Sie zusammen mit Ihrem Mann machen, arbeiten Sie denn nun auch bei Ihrem Mann in der Firma mit?

Margit Bressmer (M.B.): Ja, zuerst habe ich in einem Hotel gearbeitet und bin jetzt aber mit meinem Mann in der Firma tätig. Das Auftragsvolumen ist mittlerweile so groß, dass man zwei Leute im Büro braucht, und da bin ich jetzt mit eingestiegen. Das heißt, mein Mann hat mich trainiert, und so bin ich jetzt "number cruncher", so sagt man im Englischen, ich bin jetzt der Buchhalter, koche Kaffee, putze die Toilette und helfe im Büro aus.

PW: Das macht aber hoffentlich trotzdem Spaß?

M.B.: Ja, dadurch dass es die eigene Firma ist, macht es sehr viel Spaß! Das ist mal wieder ein neuer Aspekt in meinem Berufsleben, mal wieder etwas ganz Neues, und macht mir Spaß.

PW: Wie geht es Ihren Töchtern? Als es damals losging, wollte zumindest die ältere, Isabel, gar nicht mitkommen.

M.B.: Ja das stimmt, Isabel wollte damals gar nicht mitkommen. Sie war in das Alter gekommen, mehr mit ihren Freunden zu unternehmen und konnte sich gar nicht vorstellen, in ein anderes Land zu gehen. Das hat sich innerhalb von ein paar Wochen total geändert, die beiden wurden ja so gut aufgenommen in der Schule, die Lehrer waren sehr nett, die Schüler waren sehr nett. Und jetzt sind wir ja drei Jahre da und Janine und Isabel möchten überhaupt nicht mehr nach Deutschland zurück.

Beide Mädels waren letztes Jahr für fünf Wochen in Deutschland, und als sie zurückkamen aus Deutschland, haben sie gemeint: Kanada ist ihre neue Heimat. Isabel macht nächstes Jahr ihren Schulabschluss, das heißt, sie ist dann sogar schon fertig mit der Schule, und dann wird sie schauen, was sie hier studiert.

PW: Herr Bressmer, wie sieht es mit Ihren Freundschaften aus? Als Erwachsener ist es ja manchmal schwerer als für Kinder in der Schule.

R.B.: Wir haben zwei sehr enge Freunde, das hat sich auch intensiviert. Ansonsten gibt es viele, die eher oberflächliche Freunde sind, das würde ich vielleicht noch nicht als Freundschaften bezeichnen. Auf jeden Fall muss man auch von sich aus ein bisschen was tun, man muss aus sich herausgehen, man muss auf die Leute zugehen. Aber ich finde, in der Summe ist es einfach hier in Kanada Kontakte zu machen und auch Freunde zu finden.

Das Haus der Familie Bressmer

Ein neues Zuhause

PW: Was vermissen Sie am meisten in Kanada?

R.B.: Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt: Weizenbier und Biergarten. Es gibt so ein paar Kleinigkeiten: nette Café-Atmosphäre zum Beispiel, das gibt es hier nicht so. Aber das sind nicht so wichtige Dinge, dass ich mich darüber gräme. Wir fühlen uns wohl und haben uns hier etabliert. Das Leben ist ruhiger, es ist freier. Es hat mehr Lebenswert, so würde ich es eigentlich bezeichnen und das war ja auch ein wichtiges Ziel, als wir von Deutschland weggegangen sind. Und das haben wir erreicht.

PW: Und Sie Frau Bressmer, vermissen Sie etwas in Kanada?

M.B.: Eigentlich das Einzige, was wir vermissen ist, dass wir unsere Familie in Deutschland haben. Das spüren wir ganz besonders an Weihnachten, da kommt dann schon ein wenig das Heimweh hoch. Auch dass man Geburtstage nicht gemeinsam in der Familie feiern kann. Aber da muss ich sagen, das ist wirklich das Einzige, was wir vermissen. Mittlerweile nach drei Jahren haben wir uns so gut angepasst, dass wir die Brezel nicht mehr brauchen, die Schwarzwälder Kirschtorte, die ich nach einem halben Jahr noch sehnsüchtig wollte. Wir haben uns so schön angepasst hier. Wir haben jetzt einen Bootsschein gemacht und werden uns in absehbarer Zeit ein kleines Boot zulegen, um die vielen Inseln vor der Küste hier zu erforschen, und da vermissen wir eigentlich nichts mehr aus Deutschland!

PW: Und Schwarzwälder Kirschtorte kann man doch auch selbst backen...

M.B.(lacht): Genau, die haben wir auch gerade wieder zum Geburtstag gebacken...

PW: Herr Bressmer, Sie haben das Abenteuer Kanada offensichtlich trotz der Anfangsschwierigkeiten gut gemeistert. Haben Sie einen Rat für andere Auswanderer?

R.B.: Ja, ich glaube man braucht ein gerütteltes Maß an Überzeugung von dem was man tut. Ich hatte mich mental drauf vorbereitet, dass nicht alles nach Plan läuft - auch wenn es vielleicht nicht ganz so schlimm ausgehen muss, wie das bei uns der Fall war. In der Phase, wo man das Gefühl hatte, jetzt ist alles daneben gegangen, da braucht man viel Kraft, vor allem eine gute Familiensituation, dass auch wirklich alle an einem Strang ziehen. Und dann muss man seinen Mut und seine Kraft zusammen nehmen und sagen: Ok, das war jetzt ein kleiner Niederschlag, aber da rappeln wir uns wieder hoch! Dann braucht man diesen Kampfgeist und die Zähigkeit und man braucht auch ein bisschen eine Vision, was man erreichen möchte. Und ich glaube, wenn man das hat und das richtig anpackt, dann hat man hier eine gute Chance und ich finde, eine bessere Chance, als man sie in Deutschland hat. Besonders, wenn man sich selbständig machen will.

Christiane Gorse, Stand vom 25.10.2007

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