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Italiener in Deutschland

"Kein Zutritt für Italiener" – das stand in den 1960er Jahren an mancher Tür bundesdeutscher Gastwirtschaften. Vor allem im Ruhrgebiet, denn hier lebten die meisten Italiener. Tagsüber schufteten sie in den Berg- und Stahlwerken des Reviers. Nach zahlreichen Überstunden und Wochenendschichten war an Erholung kaum zu denken. Denn anders als unter Tage waren italienische Männer beim abendlichen Ausgehen keine gern gesehenen Gäste. Erst nach und nach bröckelten Vorurteile, und Deutsche und Italiener näherten sich an.

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Zu Besuch bei "da Antonio" (3'12'')
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Gemeinsame Arbeit, getrennte Freizeit

Vor allem den deutschen Männern waren italienische Männer unheimlich – weniger hingegen den deutschen Frauen jener Jahre. Die waren nicht selten durchaus neugierig auf das südliche Temperament, das ihnen aufregend fern, gar exotisch schien – angesichts der gewohnten deutschen Zurückhaltung. Die Vergnügungen von Hunderttausenden, die aus Sizilien, Kalabrien oder Neapel in den grauen Norden kamen, sollte nach dem Wunsch zahlreicher Deutscher am besten unauffällig und vor allen Dingen ohne jeden Lärm vonstatten gehen. Manche Firmen richteten für ihre italienischen Arbeiter deswegen eigene Tanzsäle ein, in denen die Männer dann unter sich Arm in Arm den freien Abend genießen konnten.

Wie Gäste wurden Gastarbeiter nur selten behandelt. Wer sich in den 1950er und 1960er Jahren aus den ärmlichen Dörfern des Südens aufmachte, um in Deutschland zu arbeiten, erfuhr bereits im eigenen Land, worauf es ankam: Bei den Anwerbestellen wurden die willigen Arbeitskräfte über das Land nördlich der Alpen so gut wie gar nicht aufgeklärt – dafür untersuchten Ärzte jeden einzelnen Antragsteller gründlich auf mögliche Schwachstellen: Nur wer wirklich gesund war, konnte zur Mehrung des deutschen Wohlstands beitragen. Wer diesen Check überstand, durfte im Zug gen Norden reisen.

Italienische Gastarbeiter nehmen paketeweise Spaghetti entgegen. (Rechte: dpa)

Pasta gegen das Heimweh

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Nähe durch Nudeln

Für die meisten Neuankömmlinge aus Italien war das Leben in Deutschland zunächst ein Schock: Das Wetter war oft scheußlicher als es sich manch ein Sizilianer in seinen Alpträumen ausmalte. Und an Essen war praktisch gar nicht zu denken. Dass die göttliche Nudel seit Marco Polos Zeiten ihren Weg nicht wie von selbst über die Alpen gefunden hatte, musste manchem schier unglaublich vorkommen. Die deutschen Tomaten waren ohne Sonne aufgewachsen, wässrige Gurken konnten beim besten Willen keine Zucchini ersetzen, und den Kaffee wollten viele Einwanderer nicht einmal probieren. Fast konnten sich die Italiener glücklich schätzen, die von ihren deutschen Nachbarn als "Spaghettifresser" beschimpft wurden, sofern sie denn die Möglichkeit hatten, ihre Nudeln "al dente" zu genießen.

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Allein unter Deutschen (3'04'')
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Es dauerte geraume Zeit, bis der Markt die kulturelle Kluft der Lebensmittelversorgung überbrückt hatte und italienische Spezialitäten auch in Köln, München oder Bottrop erhältlich waren. Was eigentlich zur Selbstversorgung der in Deutschland gestrandeten Gastarbeiter gedacht war, geriet zur kulinarischen Integrationsbewegung, einer friedlichen und sogar schmackhaften Küchen-Invasion. Stück für Stück entdeckte die kulinarische Elite im Land der Kartoffeln die Kostbarkeiten der italienischen Küche: Spaghetti und Olivenöl, Balsamico und Grappa, Mozzarella und Basilikum setzten innerhalb weniger Jahre die deutsche Hausmannskost vielerorts schachmatt. Unterstützt wurde dieser Integrationsprozess durch zahlreiche Pizzerien und Eisdielen, von denen die ersten schon in den 1950er Jahren ihre Pforten öffneten. Nachdem die erste Schwellenangst überbrückt war, wurden selbst schwierige Worte wie "Stracciatella" und "Margherita" zu einem festen Bestandteil deutscher Bestellsprache. Auch wenn der Espresso noch Jahrzehnte nach seiner Einführung als "Expresso" nur sprachlich stolpernd eingenommen werden konnte, tat das dem Siegeszug der italienischen Esskultur keinen Abbruch.

Werbeplakat: Ein junges Paar sitzt auf einer Vespa. Im Hintergrund ist das Meer zu sehen. (Rechte: AKG)

Eine Vespa sorgte für mediterranes Fahrgefühl

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Vom Paten zum Papst

Durch das gute Essen und massenhaft Urlaube an den Stränden von Adria und Riviera wurde das einst Fremde allmählich vertrauter. So fanden auch andere Spezialitäten ihren Platz auf deutschen Wunschzetteln: Das lärmende Geknatter von Zweitaktern mit selbsttragender Karosserie hatte sich so sehr mit dem Flair italienischer Urlaubsstädte verbunden, dass ein Vespa-Roller nun auch hierzulande als taugliches Gefährt erschien. Als manchmal teurer und nicht selten begehrter als ein Moped erwiesen sich auch die Kreationen der italienischen Modemacher: Versace, Armani, Gucci oder Prada lieferten den Beweis, dass ein Stück Stoff oder Leder Grund genug sein kann, den eigenen Kontostand in tiefe Abgründe zu stoßen.

Das Italienbild der Deutschen wurde aber auch durch Filme geprägt - und zwar nicht nur durch Mafia-Dramen wie Francis Ford Coppolas "Der Pate". Federico Fellinis Film "La Dolce Vita" verhalf 1959 nicht nur seinen Hauptdarstellern Marcello Mastroianni und Anita Ekberg zu einem großen Erfolg. Auch der Titel des Films selbst machte Karriere - als geflügeltes Wort für die deutsche Sehnsucht nach dem Süden.

Auch die Italiener schufen in ihren Herzen Platz für Deutsches: Schon die ersten Einwanderer hatten ihre Freude an einem Gesundheitswesen, das in der Regel funktionierte, sowie an einer zwar unfreundlichen, aber immerhin berechenbaren Bürokratie. Nachdem anfänglich kaum mehr als deutsche Produkte – vornehmlich die der Automobilindustrie – Anerkennung südlich der Alpen erfuhren, etablierte sich zwischenzeitlich auch manch deutscher "Gastarbeiter" auf dem Stiefel, sei es als Fußballer, als Lieblingsrennfahrer oder als Papst. Trotzdem: Die Kartoffel wird sich wohl nie als heimliches Nationalgericht der Italiener durchsetzen.

Malte Linde, Stand vom 28.07.2011
Sendung: Speiseeis - Italienische Kugeln eiskalt serviert, 28.07.2011

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