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Interview mit Ulrich Schnabel

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"Wir tun alles, um nicht zur Ruhe zu kommen" - Interview mit Ulrich Schnabel

Ulrich Schnabel ist seit 1993 Redakteur der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" und Autor des Buches "Muße - Vom Glück des Nichtstuns". Der Wissenschaftsjournalist hat sich den Themen im Grenzbereich zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verschrieben.

Porträtaufnahme von Ulbrich Schnabel im Planet Wissen Studio. (Rechte: SWR/Brigitte Karwath)

Ulrich Schnabel zu Gast bei Planet Wissen

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Planet Wissen (PW): Es heißt, Müßiggang ist aller Laster Anfang. Herr Schnabel, dieser Meinung sind Sie ganz und gar nicht. Was bedeuten Müßiggang und Muße für Sie?

Ulrich Schnabel (U.S.): Müßiggang ist aller großen Ideen Anfang. Um kreativ zu sein, um wirklich leistungsfähig zu sein oder auch einfach nur, um unser Leben genießen zu können, ist die Muße ganz wichtig. Leider haben wir häufig verlernt, uns Zeit zu nehmen und diese Zeit auch richtig zu füllen.

PW: Wie viel Zeit sollten wir denn dem gesunden Müßiggang einräumen, wenn wir wirklich kreativ und leistungsfähig sein wollen?

U.S.: So viel Sie mögen. Für die Muße gibt es keine Vorschrift. Stressen Sie sich bloß nicht mit dem Gedanken: "Ah, ich muss heute noch meine fünf Minuten Muße erleben." Das Schöne an der Muße ist ja gerade, dass man einmal nichts muss. Und letztlich geht es nur darum, für dieses Gefühl Raum zu schaffen, wenigstens immer mal wieder.

PW: Sie sind Wissenschaftsjournalist, Redakteur der "Zeit" und Buchautor. Das klingt nicht gerade nach einem wirklich ruhigen Job. Wie halten Sie das mit der Muße, haben Sie die berühmte Hängematte im Büro?

U.S.: Eine Hängematte nicht, aber ich habe ein Sofa im Büro stehen und das benutze ich auch regelmäßig. Das Schöne ist, seit es da steht, ertappe ich immer wieder die Kollegen, die dann auch mal auf dem Sofa schlafen, wenn ich gerade nicht im Büro bin.

PW: So ein Mittagsschläfchen soll ja Wunder wirken. Es gab sogar Versuche, das sogenannte Powernapping in Büros zu etablieren. Warum ist das gescheitert?

U.S.: Weil wir in einer Gesellschaft leben, die alles tut, um uns nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Leistung, Karriere und finanzieller Wohlstand sind hoch angesehen, je voller unser Terminkalender ist, desto wichtiger fühlen wir uns. Wir haben unser Leben so sehr auf Effizienz getrimmt, dass Zeiten der ineffizienten Muße fast wie ein Verbrechen erscheinen. Jemand, der permanent Zeit hat, scheint nicht so richtig gefragt zu sein. Zeit haben nur die, die es zu nichts gebracht haben. Selbst wenn man sich die Arbeit so einrichten kann, dass freie Zeit entsteht, fühlen wir uns häufig wieder genötigt, diese Zeit nun möglichst effektiv und nutzvoll zu verbringen. Doch die Muße lässt sich - ähnlich wie die Liebe - nicht in dieses Raster pressen. Im Gegenteil: Sie erfordert den Mut, dem allgemeinen Beschleunigungsdenken und Effizienzwahn zu widerstehen; und da wir alle Gewohnheitstiere sind, muss man das richtiggehend üben. Der äußere Arbeitsdruck und die inneren Gewohnheiten machen es uns so schwer, die Muße wirklich auch zu genießen.

PW: Eine Menge Leute haben in ihrem Job Zeitdruck und sollen dann auch noch kreativ sein. Was kann man denn am besten tun, wenn einem keine zündende Idee einfällt?

U.S.: Das ist ja das Problem. Schon die Formulierung "kreativ sein müssen", ist an sich paradox. Es ist ziemlich schwierig, auf Kommando kreativ zu sein. Unser Gehirn hat meistens dann die besten Ideen, wenn es eben nicht "muss", sondern wenn die Gedanken frei schweifen können, wenn man das Gefühl hat, ich darf jetzt auch mal was Verrücktes denken. Um wirklich eine neue Idee zu haben, muss ich auch mal andere Denkwege gehen, als die, die ich sonst gehe. Daher ist es wichtig, dass man für sich die individuell passende Methode findet, sich in diesen Zustand zu bringen: Manche gehen spazieren, andere hören Musik, singen unter der Dusche oder reden mit Freunden, die das Problem aus einer ganz anderen Perspektive sehen. Entscheidend ist, dass man solche entspannten Zeiten nicht gleich wieder unter Erfolgszwang setzt: Die zündende Idee kann kommen, sie muss es aber nicht.

PW: Was machen Sie persönlich, wenn Sie in der Redaktion über einem Artikel sitzen und merken, dass es klemmt? Legen Sie sich dann auf Ihr Sofa?

U.S.: Manchmal lege ich mich aufs Sofa. Aber viel häufiger gehe ich einfach spazieren. Wenn man lange Zeit am Schreibtisch sitzt, fährt nicht nur der Kreislauf herunter, sondern auch das Gehirn. Um die Gedanken aufzuwecken und wieder in Gang zu bringen, hilft es manchmal schon, eine Viertelstunde um den Block zu gehen. Da kann es am Anfang schon einmal irritierte Reaktionen der Kollegen geben: "Wie, du musst doch deinen Artikel schreiben und jetzt gehst du spazieren!" Mittlerweile kennen das meine Kollegen aber und wissen, der Schnabel kommt dann nach einer Weile wieder, und innerhalb kurzer Zeit ist der Text fertig. Diese Freiheit hat man natürlich so nicht in jedem Beruf.

PW: Wie sind Sie eigentlich mit diesem Thema Muße in Berührung gekommen? Fühlten Sie sich als jemand, der in den Medien arbeitet, auch gestresst?

U.S.: Das Thema beschäftigt mich schon lange. Ich hatte schon sehr früh die Wahrnehmung, dass unsere Gesellschaft irgendwie ein bisschen krank ist, weil wir alles auf materiellen Wohlstand setzen und darüber der tatsächliche Genuss des Lebens ziemlich unter die Räder gerät. Im Prinzip ist ja nichts gegen materiellen Wohlstand einzuwenden. Das Problem beginnt allerdings dann, wenn wir meinen, wir könnten nur mit einem großen Haus und einem dicken Bankkonto glücklich werden - und darüber das Leben im Hier und Jetzt vergessen. Bei mir war das schon immer anders. Mir wurde zum Beispiel eines Tages klar: Ebenso wichtig wie finanzieller Wohlstand ist für mich der "Zeitwohlstand", die Möglichkeit, über meine (Lebens-)Zeit selbst bestimmen zu können. Dann habe ich jahrelang darauf hingearbeitet, diesen Zustand herzustellen. Bei meinem ersten Vorstellungsgespräch habe ich etwa gesagt, ich möchte lieber weniger Geld, dafür aber drei Monate Urlaub. Wenn Sie so wollen: Ich habe sehr fleißig an der Muße gearbeitet.

PW: War das letztlich der Auslöser, ein Buch über die Muße zu schreiben?

U.S.: In meinen Interviews als Journalist bekam ich in den vergangenen Jahren immer wieder zu hören: "Mir fehlt die Zeit zum Wesentlichen." Politiker beklagten sich darüber, dass sie keine Zeit zum Nachdenken hätten, Wissenschaftler darüber, dass sie zu wenig zum Forschen kämen, Journalisten darüber, dass ihnen die Zeit zum gründlichen Recherchieren der Storys fehle, die sie gerne schreiben würden. Eines Abends sinnierte ich mit einem Freund darüber, dass man darüber eigentlich ein Buch schreiben sollte - wenn man nur die Zeit dazu hätte! "Tu das!", sagte mein Freund und bearbeitete mich so lange, bis ich beschloss, mich ein halbes Jahr in meiner Redaktion beurlauben zu lassen, um mir eben Zeit für das zu nehmen, was mir wesentlich erschien - ein Buch über die Muße.

PW: Viele Menschen glauben Muße zu finden, indem sie sich in ein Wellness-Hotel einmieten oder sogar eine Fernreise zu einsamen Stränden machen. Ist dieser Aufwand nicht das Gegenteil von Muße?

U.S.: Das beschreibt ein sehr häufiges Phänomen, dass Leute denken, um Muße oder Auszeit zu haben, müsste man erst mal ganz viel investieren. Im Grunde suchen sie ganz viel Entspannungsprogramm, um möglichst viel Muße zu bekommen. Wer so Muße sucht, macht sich nur noch mehr Arbeit und lädt sich mehr Informationen von außen auf. Man sollte sich eher auf sich selbst konzentrieren und überlegen, wo will ich eigentlich hin, was tut mir gut, was brauche ich? Bei der Muße geht es vor allem darum, in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Und das können Sie überall.

PW: Wir haben immer mehr Technik, die uns Arbeit abnimmt und damit Zeit sparen müsste. Trotzdem geht alles nur immer schneller und die Arbeit scheint nur noch mehr zu werden. Wie kann das sein?

U.S.: Das eine Problem mit der zeitsparenden Technik ist: Alle anderen benutzen diese Technik auch. Das heißt der scheinbare Zeitgewinn wird sofort wieder dadurch aufgefressen, dass sich das Arbeits- und Lebenstempo insgesamt erhöht. Das lässt sich gut an unserem Kommunikationsverhalten erklären: Früher haben wir Briefe geschrieben. Das hat einige Zeit in Anspruch genommen. Heute schreiben wir E-Mails, das geht sehr viel schneller und deswegen werden auch sehr viel mehr geschrieben. Natürlich erwarten wir aber dafür auch sofort eine Antwort. Dadurch ist das Kommunikationsaufkommen massiv gestiegen. Wir sind also heute viel mehr mit Kommunizieren beschäftigt als früher. Je mehr Technik, die uns Zeit spart, umso schneller läuft das Hamsterrad. Dasselbe Beispiel sehen wir im Verkehr: Man könnte denken, schnellere Autos sparen Zeit, weil man mit ihnen schneller von A nach B kommt. Was aber passiert, ist: Man legt größere Strecken zurück und ist viel häufiger und länger unterwegs als Menschen vor 100 Jahren. Generell kann man sagen, mit den Möglichkeiten steigen auch die Ansprüche und die verursachen uns Stress.

PW: Einer Studie zufolge konzentrieren wir uns in einem normalen Büroalltag im Schnitt nur noch elf Minuten auf eine Sache. Dann unterbrechen uns Telefon, Handy oder E-Mail. Ist das nicht sehr kontraproduktiv?

U.S.: Absolut. Im Grunde braucht man am Ende sehr viel mehr Zeit für dieselbe Sache, weil man immer wieder herausgerissen wird. Es geht aber nicht nur um die Unterbrechungen von außen - also Anrufe, E-Mails, der Chef stürmt rein. Das Spannendste an dieser Studie finde ich die Erkenntnis, dass die Leute diese Unterbrechungen schon so verinnerlicht haben, dass sie ohne Störung von außen sich eben nach elf Minuten selbst unterbrechen. So sind sie es ja schon gewohnt. Das heißt ihre Aufmerksamkeitsspanne ist nur noch im Schnitt maximal elf Minuten, dann werden sie unruhig und haben das Gefühl, jetzt muss ich mal etwas anderes tun. Danach aber muss man sich jedes Mal neu wieder in seine ursprüngliche Tätigkeit hineindenken. Das ist natürlich weit weniger effektiv, als wenn man in Ruhe bei einer Sache bleibt.

PW: Nun arbeiten wir heutzutage mit diesen Medien und können nicht so einfach den Stecker ziehen. Wie ist es trotzdem möglich, sich dieser Informationsflut etwas zu entziehen?

U.S.: Wichtig ist zunächst, sich über diese Mechanismen bewusst zu werden und sich dann eine für einen selbst passende Gegenstrategie zu überlegen. Um etwa das Kommunikationsaufkommen zu verringen, kann man sich beim Beantworten von E-Mails oder SMS die "Stockwerksfrage" vorlegen: "Würde ich für eine Antwort auch einen Brief schreiben, den ich ausdrucken und drei Stockwerke höher zum Empfänger tragen müsste?" Falls nicht, ist die Mail oder SMS meist unnötig. Und jede nicht geschriebene Nachricht spart wiederum ihrem Empfänger Zeit. Sie helfen also nicht nur sich, sondern auch anderen.

PW: Muße und Müßiggang erlebt jeder Mensch anders. Was ist Ihre Form der Muße, die Ihnen gut tut?

U.S.: Ehrlich gesagt: Oft erlebe ich die Muße sogar während der Arbeit; das Schreiben des Muße-Buches zum Beispiel war auch ein großes Vergnügen. Muße heißt ja nicht "Faulsein" und "Abhängen"; im Gegenteil, meist erleben wir sie dann, wenn wir ganz in einer erfüllenden Tätigkeit aufgehen - wie Kinder, die in ein Spiel vertieft sind, ohne daran zu denken, was dies für die Karriere oder das Bankkonto bringt. Muße hängt, so gesehen, eher von einer inneren Haltung ab als von einer konkreten Tätigkeit. Aber natürlich fällt sie leichter in Situationen, in denen wir keinem äußeren Druck ausgesetzt sind. Eine große Quelle der Muße ist für mich zum Beispiel mein Klavier. Ich bin zwar am Piano nur ein Amateur, also im Wortsinne ein "Liebhaber", und muss da nichts leisten. Aber genau das ist ja das Geheimnis der Muße: eine Sache aus Liebe zu tun, und nicht, weil man damit äußeren Erfolg anstrebt.

Interview: Andrea Wengel, Stand vom 11.11.2011
Sendung: Luxusgut Muße - Vom Glück des Nichtstuns, 11.11.2011

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