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Interview mit einem ehemaligen Arbeitssüchtigen

Manfred H. (52) (Name geändert) ist Geschäftsführer einer Finanzdienstleistungs-Gesellschaft in Hamm. Als er 2007 mit dem Notarztwagen in eine Klinik gebracht wurde, merkte er erstmals, dass er den Bogen überspannt hatte. Erst in der Klinik wurde ihm bewusst, dass er täglich und am Wochenende bis zu 14 Stunden am Schreibtisch, im Auto oder im Flugzeug gesessen hatte. Sein Leben war nur noch von Zeitdruck, Arbeit und Tabletten bestimmt. Im Planet-Wissen-Interview spricht er darüber, wie die Arbeit sein Leben beherrschte und ihn krank machte.

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Planet Wissen (PW): Wie haben Sie das erste Mal gemerkt, dass in Ihrem Leben etwas nicht stimmt?
Manfred H. (M.H.): Ich konnte einfach nicht mehr. Bis heute weiß ich nicht, wann es genau angefangen hat. Ich saß zu Hause, wie so oft an meinem Schreibtisch, und wollte noch einige Dinge für den nächsten Tag vorbereiten. Und ich saß und saß fast zwei Stunden regungslos vor meinen Papieren. Nahm die Akten in die Hand und legte sie von rechts nach links, nahm sie wieder hoch, schaute drauf und wusste überhaupt nicht mehr, was ich um Mitternacht eigentlich wollte. Irgendwann schmiss ich alles auf einen Haufen, packte alles in die Tasche und ging völlig ausgelaugt ins Bett. Da konnte ich aber nicht mehr schlafen. Hier war mir schon klar, dass etwas nicht in Ordnung war - aber ich dachte nie daran, dass ich zu viel arbeite.

Ein Geschäftsmann sitzt mitten im Raum auf seinem Bürostuhl und hält sich nachdenklich die Hände. (Rechte: Mauritius)

Irgendwann geht es nicht mehr

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PW: Wie traten die ersten körperlichen Symptome auf?
M.H.: Ich habe morgens, wie fast jeden Morgen, gegen 6.30 Uhr das Haus verlassen, meine Frau und die Kinder schliefen noch. Ich freute mich auf die Fahrt zum Büro. Ich saß in meinem Auto, gab Gas und fühlte mich gut. Dass meine Hände zitterten, mir der Schweiß den Nacken runterlief und meine Hände feucht und klebrig das Lenkrad umklammerten, spürte ich nicht. Ich merkte auch nicht, dass ich schon zwei klassische Kopfschmerzmittel eingeworfen und vergessen hatte, mich zu rasieren.

PW: Sie waren mehr als 15 Jahre im Arbeitsrausch. Gab es einen Tag X, wo Sie merkten: "Bis hierher und nicht weiter"?
M.H.: Im Büro verlor ich die Kontrolle. Ich schrie meine Sekretärin an, schmiss die Stühle um und stand danach lange, lange regungslos da und weinte. Ich saß auf dem Teppich vor meinem Schreibtisch und weinte. Ich glaube, meine Sekretärin hat es draußen mitbekommen. Ich hatte das schon öfter mal. Aber ich dachte, das ist nur eine Phase. Aber an diesem Tag raste mein Herz so schnell, dass ich blau anlief und zusammensackte. In der Klinik glaubten zunächst alle, es sei ein Herzinfarkt, bis sich herausstellte, dass mein Kreislauf zusammengebrochen war, ich einen starken Nierenschaden habe und süchtig nach Tabletten bin. Die Ärzte und Psychologen diagnostizierten die Ursachen für meine Krankheit: Burn-out durch Arbeitssucht, Tablettensucht und Nierenschäden, hoher Blutdruck und Übergewicht.

PW: Sie haben mittlerweile mit Ärzten und Psychologen gesprochen. Was haben die Ihnen gesagt, wo die Ursachen liegen?
M.H.: Der Psychologe hier in der Klinik geht davon aus, dass sich der Gedanke an das Arbeiten bei mir schon in der Kindheit verfestigt hat. Arbeiten war für mich das Größte. Mein Vater war Lkw-Fahrer, meine Mutter ist früh gestorben. Da war ich 14 Jahre alt. Ich war oft alleine zu Hause. Mein Vater war tagelang unterwegs. Aber er verdiente ganz gut. Das imponierte mir. Deshalb jobbte ich schon neben der Schule. Ich habe eigentlich immer gearbeitet. Das hat mir Spaß gemacht. Deshalb bin ich auch nach der zehnten Klasse von der Hauptschule gegangen und habe danach eine Lehre als Schlosser gemacht. Später habe ich Betriebswirtschaft studiert. Nebenher habe ich aber viel in Kneipen gejobbt, Zeitungen ausgefahren, alles, was man so macht in dem Alter, um an Kohle zu kommen. Und ich fand das auch nicht anstrengend - ganz im Gegenteil. Die Ärzte hier meinen, dass ich Arbeit so stark verinnerlicht habe, dass mein ganzes Wertesystem ohne Arbeit wie ein Kartenhaus zusammenfällt.

PW: Was genau hat Arbeit für Sie bedeutet?
M.H.: Arbeiten fand ich immer klasse. Wo bekommt man schon so viel Anerkennung? Als ich den Job zum Geschäftsführer bekam, war ich so stark innerlich. Ich dachte wirklich: "Ich bin der Größte." Ich wollte gar nichts anderes mehr. Urlaub machen oder bummeln gehen mit meiner Frau, das war für mich vergeudete Zeit. Ich habe es wirklich genossen, zu arbeiten und gebraucht zu werden. Das ist ein richtig gutes Gefühl. Niemals im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass Arbeit krank macht. Ich war ja nicht auf dem Bau oder so was.

Ein Manager sitzt hinter seinem Schreibtisch und hält sich entnervt den Kopf fest. (Rechte: Mauritius)

Überforderung wird oft nicht wahrgenommen

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PW: Welche körperlichen Anzeichen haben Sie gespürt?
M.H.: Ich litt jahrelang unter starken Kopfschmerzen und fühlte mich dabei, als ob ich einen Kater hätte. Deshalb habe ich wohl so viele Tabletten genommen. Schmerztabletten mit Koffein, alles Mögliche. Jeden Tag; wie viele, weiß ich nicht mehr. Ich konnte auch nur schlecht schlafen, war nachts oft wach. Ich bin auch schon nachts mit dem Auto herumgefahren, damit ich irgendwie müde werde.

PW: Sie sind schon mehr als drei Monate hier in der Klinik. Wie genau sieht Ihr Tagesablauf aus?
M.H.: Ich kann hier morgens ausschlafen, das ist anders als in anderen Kliniken. Dann gibt es Frühstück. Danach muss ich an die Nierenmaschine zur Entgiftung, weil ich so viele Tabletten geschluckt habe. Dann so die Klassiker: Puls und Blutdruck messen. Später kommen die Ärzte. Zweimal in der Woche ein Psychologe. Einmal in der Woche treffen wir uns in einem Gesprächskreis mit anderen Betroffenen. Daneben haben wir ein Bewegungs-, Ernährungs- und Fitnessprogramm und relaxen viel.

PW: Was ist das Schwierigste für Sie?
M.H.: Immer noch still zu sitzen und nichts zu tun. Mir geht es eigentlich besser, aber an manchen Tagen hänge ich total durch, dann bin ich richtig depressiv. Ich fühle mich dann so unbrauchbar. Sie können sich das wahrscheinlich nicht richtig vorstellen, aber es ist komisch für mich, zu wissen, dass mein Laden weiterlaufen muss und ich bin hier und tue nichts. Obwohl ich auch erstmals so etwas wie "in den Tag hinein leben" genießen kann. Das liegt aber mit daran, dass ich gut versichert bin. Aber ich habe mir schon Sorgen um die Firma gemacht. Und ich musste auch, ob die Ärzte es wollten oder nicht, das Wichtigste von der Klinik aus regeln.

PW: Sie werden in einem Monat entlassen und kehren dann an Ihren Schreibtisch zurück. Was nehmen Sie mit und wie geht es weiter?
M.H.: Dass Arbeit nicht alles ist, obwohl es mir immer noch schwer fällt. Aber hier ist mir, glaube ich, zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich meinen Arbeitstag zu einer bestimmten Uhrzeit beenden muss. Das, was ich danach arbeite, bringt mich meist sowieso nicht weiter. Und dass ich mir jetzt mal Zeit für meine Kinder nehmen muss. Das habe ich bisher fast alles meiner Frau überlassen.

Ich habe hier auch wieder gelernt, dass das Leben endlich ist. Wenn ich Glück habe, kann ich noch gut 30 Jahre leben. Und die möchte ich besser nutzen. Und das Erste, was dazu gehört: Ich baue meinen Schreibtisch ab. Meine Frau will auch mehr Mitsprache künftig. Das haben wir verabredet. Die Behandlung geht aber auch nach der Klinik noch weiter. Ich werde weiter von einem Psychologen betreut und treffe mich einmal im Monat mit meinem Gesprächskreis - und dann mal sehen.

Interview: Claudia Kracht, Stand vom 31.05.2007

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