Wege aus der Depression - Interview mit Holger Reiners
Planet Wissen (PW): Herr Reiners, Sie bezeichnen sich selbst als geheilt, haben zuvor aber 20 Jahre lang an einer Depression gelitten – können Sie selbst beschreiben, wann und wie die Krankheit begann?
Holger Reiners (H.R.): Die Krankheit begann in meinem 17. Lebensjahr in der Schulzeit. Ich wurde von einem Lehrer etwas gefragt und habe eine nicht ganz richtige Antwort gegeben. Und der Lehrer lachte über mich und verhöhnte mich, ich hätte keine Ahnung und so weiter. Und ich bekam eine 5, obwohl die Frage gar nicht so falsch beantwortet gewesen war. Das war eine Stimmungsverschlechterung, die man am Anfang auch gar nicht Depression nennen konnte, aber es ging schon in die Richtung. Meine Leistung in der Schule ließ plötzlich nach, mein Selbstwertgefühl wurde immer geringer, ich tat mich immer schwerer, Dinge zu tun, ich wurde immer freudloser – das war der Weg in meine Depression.
PW: Wie hat sich Ihr Leben dann verändert?
H.R.: Dramatisch! Ich hab noch mein Abitur machen können, habe dann angefangen zu studieren und habe den ersten schweren Depressionseinbruch nach dem vierten Semester gehabt. Ich habe zwar meine Leistungen brav erbracht, aber irgendwann ging es nicht mehr - mir versagte im Wortsinne die Sprache. Ich musste ein Referat halten im Studium und bekam keinen Ton raus – das war der erste schwere Schritt in der Depression. Vorher ging es immer noch so einigermaßen, aber dann war mein Lebensgerüst erst einmal zerstört.
PW: Was war die schlimmste Erfahrung in dieser Zeit?
H.R.: Die schlimmste Erfahrung war, nicht zu wissen, was mit mir los ist. Hätte mir damals jemand gesagt, Sie haben eine Depression, das können wir auf diese oder jene Weise behandeln, dann wäre ich sicher sehr viel klüger gewesen und hätte mich darauf eingelassen. Aber mir wurden, wie den meisten Patienten heute auch noch, von dem behandelnden Hausarzt Medikamente verschrieben, zur Beruhigung, zum besseren Schlafen, also alle diese Dinge, die überhaupt nichts bringen, aber ich bekam nicht gesagt, was eigentlich los ist mit mir. Dann merkte ich, dass auch meine geistigen Fähigkeiten nachließen. Ich meinte Rechenaufgaben nicht mehr lösen zu können, es verschlechterte sich mein gesamtes intellektuelles Verhalten und ich muss ehrlich sagen, damals hab ich das Gefühl gehabt, jetzt werde ich verrückt.
PW: Konnten Ihnen denn Angehörige und Freunde in Ihrer Situation helfen?
H.R.: Also die Angehörigen waren natürlich bemüht, aber dennoch ratlos. Sie mussten sich auch auf die Ärzte verlassen, die immer ein sehr selbstsicheres Gefühl an den Tag gelegt hatten, nach dem Motto "Das wird schon wieder, wir kriegen das schon wieder hin" – aber helfen konnten sie mir nicht. Und die Freunde waren natürlich mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, wir waren Anfang 20. Sie haben versucht, mich zu unterstützen. Sie versuchten mich dann irgendwo mit hinzunehmen, aber ich hab mehr und mehr meine Freunde vor den Kopf gestoßen, weil ich an irgendwelchen geselligen Aktivitäten nicht mehr teilnehmen wollte – weil ich meinte, es nicht zu können.
PW: Wie haben Sie aus der Depression denn dann herausgefunden?
H.R.: Das ist eine schwierige Frage. Herausgefunden heißt ja, dass man sich irgendwo einen Weg sucht, den man dann irgendwann verfolgt, und dann meint man am Ende, man weiß, wie man aus dem Labyrinth herausgefunden hat. Es ist schwer zu beantworten, ob es die Zeit war, die mich gesund gemacht hat, ob es die Therapeuten waren oder ob ich selbst einen ganz wichtigen Anteil an dem Genesen hatte. Ich kann es nicht genau sagen, ich glaube aber im Nachhinein, dass die Zeit der beste Therapeut war.
PW: Sie haben ja Architektur studiert, ab wann konnten Sie den Beruf ausüben?
H.R.: Gar nicht, ich habe viele Jahre gar nicht arbeiten können. Ich habe dann weiter studiert, freiberuflich Dinge gemacht, um überhaupt etwas zu tun zu haben. Das Entscheidende ist ja, auch das wusste ich damals nicht, wenn man eine Depression hat, dass man ein möglichst straffes Gerüst für den Tag hat. Wichtig ist, dass der Depressive Aufgaben hat, die er auch meistern kann, dass er einen Grund hat, morgens aufzustehen, so schwer es auch fällt; weil es möglicherweise in der beruflichen Tätigkeit einige Aspekte gibt, die ein bisschen Freude machen, und die ziehen einen dann nach oben.
PW: Ist das auch Ihr wichtigster Tipp für andere Betroffene, dass man möglichst ein festes Zeitgerüst für den Tag haben sollte?
H.R.: Das kann man natürlich nicht verallgemeinern, jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Ich denke nur, dass der Patient, wenn er eine offene aktive Haltung in die Gesprächssituation mit dem Therapeuten oder dem Facharzt für Psychiatrie einbringt und dem klar macht "Ich will gesund werden, ich will mich beteiligen, zeig mir den Weg, ich will den Weg mitgehen!", dass das eine Grundhaltung ist, die dem Patienten das Leben erheblich erleichtert. Es ist aber auch für den Therapeuten wichtig zu spüren, inwieweit der Patient bereit ist, das durch die Krankheit veränderte Leben wieder zum Besseren zu verändern.
PW: Bleibt denn die ständige Angst vor einer Depression bestehen?
H.R.: Nein - es ist überhaupt keine Angst, es ist das Wissen, dass einen die Krankheit nie völlig verlässt. Sie tritt nie aus dem Körper heraus, es ist nicht wie eine Wunde, wo eine Narbe bleibt. Denn dann ist der eigentliche Wundherd verheilt; so ist es bei Depressionen nicht. Es bleiben immer Gefahren übrig, die einen möglicherweise wieder zurückbringen in die Depression. Man muss sein Leben sehr genau auf diese Krankheit abstimmen. Man muss sich in der Phase der Betreuung genau merken, sich aufschreiben, was hilft mir und wo merke ich - "Vorsicht" - hier droht etwas meine Stimmung zu beeinflussen - was ist das eigentlich, wo sind diese Gefahren? Irgendwann kennt man sie, man weiß genau, dass man sich ihnen nicht aussetzen kann.
PW: Über Ihre Erfahrungen haben Sie ein Buch geschrieben. Neugierig gemacht hat mich das Kapitel "Schicke Autos, eine Lösung für Männer?" War das für Sie tatsächlich eine Lösung?
H.R.: Das war keine Lösung. Aber sie müssen sich das so vorstellen, wenn Sie an nichts mehr Freude haben im Leben, verzweifelt und hoffnungslos sind. Und Sie spüren, da ist vielleicht doch der Wunsch, ich möchte gern mal dieses eine Auto oder Motorrad fahren, dann ist das ein sehr gutes Zeichen, weil es heißt, derjenige will zurück ins Leben. Von daher kann auch ein schickes Auto, ich sag mal, ein Therapeutikum sein, was sehr hilfreich sein kann. Nur, das schöne Auto kann natürlich keinen Therapeuten ersetzen, man muss aufpassen, dass man sich nichts vormacht, nicht in eine Lebensillusion hineinrutscht - nach dem Motto "Jetzt hab ich ein tolles Auto, jetzt bin ich gesund!" So ist es nicht.
Annette Holtmeyer, Britta Schwanenberg, Stand vom 18.04.2005
Sendung: Zwangsstörungen - Wenn Waschen zur Krankheit wird, 05.07.2011





