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Interview: Verbreitung und Bekämpfung von Hepatitis

Heiner Wedemeyer ist Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover und hat sich auf die Erforschung der Virushepatitis spezialisiert. Der Mediziner ist außerdem für die wissenschaftliche Koordination im "Kompetenznetz Hepatitis" verantwortlich und leitet zahlreiche klinische Studien zum Thema.

Porträt von Heiner Wedemeyer. (Rechte: Heiner Wedemeyer)

"Noch steigt die Sterberate"

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Planet Wissen (PW).: Welche Hepatitisformen sind besonders auf dem Vormarsch?

Heiner Wedemeyer (H.W.): Im Moment kämpfen wir besonders mit Hepatitis C und B. Denn jetzt werden die Menschen krank, die sich vor 20 bis 30 Jahren infiziert haben. Die meisten von ihnen wissen gar nicht, dass sie sich angesteckt haben. Viele von ihnen leiden heute unter Leberkrebs. Bei den Neuinfektionen können wir allerdings sagen, dass es weniger werden. Das macht sich vor allem bei der Hepatitis B bemerkbar. Jetzt haben wir noch rund 1500 Hepatitis-B-Infektionen pro Jahr in Deutschland. Vor zehn Jahren waren es 5000 bis 7000 Menschen, die pro Jahr neu erkrankt sind. Dazu hat vor allem die Impfung beigetragen, die seit 1995 von der "Ständigen Impfkommission" des "Robert-Koch-Instituts" für Säuglinge, Kinder und Jugendliche empfohlen wird.

PW.: Welche Länder sind besonders betroffen und warum?

H.W.: Besonders viele Hepatitisfälle gibt es in China. Wir schätzen, dass dort zehn Prozent aller Menschen mit Hepatitis B infiziert sind. Auch in anderen Ländern Asiens gibt es eine hohe Infektionsrate. Hepatitis C ist vor allem in Südeuropa, Afrika und Asien verbreitet. Besonders betroffen ist auch die Osttürkei, dort gibt es viele Hepatitis-B-Erkrankungen. Das gilt auch für einige Staaten der ehemaligen Sowjetunion wie Kasachstan und Kirgisien. Woran das liegt, haben wir noch nicht genau klären können. Viele dieser Menschen leben mittlerweile hier in Deutschland. Das Problem ist, dass gerade sie keine entsprechende Lobby haben. Da wird unserer Meinung nach zu wenig getan. Dazu kommt, dass Menschen, die mit Hepatitis B infiziert sind, auch die besonders aggressive Hepatitis D haben können. Allein in Deutschland sind das wahrscheinlich 25.000 bis 40.000. Wir fordern deshalb ein sogenanntes Leberscreening für alle, die zwischen 35 und 40 Jahre alt sind. Auf diesem Wege könnte man schnell erkennen, wer betroffen ist und entsprechend reagieren.

Ein Löffel und eine Spritze, im Hintergrund sieht man verschwommen einen Drogensüchtigen. (Rechte: Mauritius)

Drogenkonsum gilt als häufigste Ursache für Hepatitis B

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PW.: Wird sich die Krankheit weiter ausbreiten oder ist eine Eindämmung in Sicht?

H.W.: Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass die Hepatitis B durch eine Impfung prinzipiell ausgerottet werden kann. Es wird allerdings aufgrund der hohen Rate an chronischen Virusträgern noch einige Jahrzehnte dauern, bis dieses Ziel erreicht ist. Fortschritte gibt es auch bei der Hepatitis C. Weil es praktisch keine infizierten Blutprodukte gibt, sind die Neuinfektionen erheblich zurückgegangen. Hauptinfektionsursache für eine Hepatitis C in Deutschland bleibt allerdings Drogenkonsum. Außerdem setzen wir da besonders auf Aufklärung. Eine Impfung gegen Hepatitis C, wie es sie gegen Hepatitis B schon gibt, ist in den nächsten sechs bis sieben Jahren nicht in Sicht. Allerdings zeigen erste Studien, dass ein Impfstoff möglicherweise in der Therapie von Hepatitis-C-Kranken helfen kann, indem das Fortschreiten der Lebererkrankung aufgehalten werden kann. Entsprechende Studien laufen.

PW.: Welche Sonderformen der Hepatitis sind noch bekannt?

H.W.: Eine Sonderform ist sicherlich die Hepatitis E, die eine akute Leberentzündung auslöst. Diese Form ist in Indien weit verbreitet, kann aber auch in Deutschland durch Schweine übertragen werden. Die Pharmaindustrie hatte bereits damit begonnen, einen Impfstoff zu entwickeln, eben weil in Indien so viele Menschen betroffen sind. Doch jetzt fehlt das Geld. Und Studien, die zur Zulassung des Impfstoffs führen würden, werden aktuell nicht durchgeführt. In Deutschland gibt es nur einige wenige Hepatitis-E-Fälle - nicht mehr als 100 pro Jahr. Krank werden in der Regel nur die Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist.

PW.: Wie hat sich die Sterberate in den vergangenen Jahren entwickelt?

H.W.: Noch steigt die Sterberate, eben weil viele Infizierte bislang nichts von ihrer Krankheit wussten. So hat sich zum Beispiel die Häufigkeit von Leberkrebs in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Wir gehen davon aus, dass zwischen 2018 und 2025 noch besonders viele Menschen an den Folgen von Hepatitis B und C sterben werden. Dann aber wird die Sterberate zurückgehen.

PW.: Gibt es neue Forschungsansätze?

H.W.: Grundsätzlich kann man sagen, dass die Therapien für alle Formen der Hepatitis viel besser geworden sind. Das gilt vor allem für die Behandlung von Hepatitis B. Was die Therapie von Hepatitis C angeht, so wird sich da sicherlich in den nächsten Jahren noch einiges tun. In fünf bis sieben Jahren werden wir zum Beispiel mit den "Polymerase-Inhibitoren" und "Protease-Inhibitoren", Medikamente haben, die die Virenvermehrung direkt hemmen. Derzeit sind zehn bis 20 Substanzen in der Entwicklung. Deutschland ist übrigens führend in der Hepatitisforschung.

Interview: Christiane Tovar, Stand vom 24.11.2008
Sendung: Hepatitis - Die schleichende Gefahr, 24.11.2008

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