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Interview: Ursachen und Therapien

Bei fast einem Drittel aller Männer hat die erektile Dysfunktion psychische Ursachen. Meistens steckt Angst dahinter. Doch mit der richtigen Therapie sind die Erfolgsaussichten gar nicht schlecht. Planet Wissen hat mit Dr. Kristina Heiser gesprochen. Die Diplom-Psychologin und Sexualtherapeutin arbeitet seit 20 Jahren im Bereich Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und hat eine eigene Praxis.

Porträt der Psychologin Kristina Heiser. (Rechte: Kristina Heiser)

Kristina Heiser berät betroffene Paare

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Planet Wissen (PW): Neben Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck können auch seelische Faktoren eine erektile Dysfunktion (ED) begünstigen. Welche sind das?

Kristina Heiser (K.H.): Der seelische Hauptauslöser für sexuelle Störungen aller Art ist Angst. Bei der erektilen Dysfunktion spielt vor allem die Angst zu versagen eine große Rolle. Konkret bedeutet das, dass die Männer Angst haben, der Penis könnte im "entscheidenden Moment" nicht steif werden oder zu schnell erschlaffen. Dazu kommt dann oft noch ein sexueller Leistungsdruck, dem sich viele Betroffene ausgeliefert fühlen. Wenn solche Ängste das Denken und Fühlen beherrschen, fällt es dem Mann natürlich schwer, sich auf Sexualität einzulassen. Die sexuelle Erregung kann sich nicht entfalten, und damit versagt auch die erektile Funktion. Zusammenfassend kann man also sagen, dass sexuelle Versagensängste und sexueller Leistungsdruck wichtige seelische Auslöser sind, wenn körperliche Ursachen für eine erektile Dysfunktion nicht gefunden werden.

PW.: Wie kann ein Betroffener herausfinden, ob bei ihm psychische Ursachen vorliegen?

K.H.: Wir raten zunächst dazu, dass ein Mann, der Potenzprobleme hat, einen Urologen zu Rate zieht. Wenn es sich tatsächlich herausstellt, dass der erektilen Dysfunktion eindeutige körperliche Ursachen zugrunde liegen, wird der Arzt zu einer entsprechenden Behandlung raten. Oft ist es aber so, dass eine erektile Dysfunktion, auch wenn sie durch körperliche Ursachen bedingt ist, durch psychische Faktoren verstärkt wird. Es kann zum Beispiel sein, dass durch eine Diabetes oder eine andere körperliche Erkrankung bereits eine erektile Beeinträchtigung eingetreten ist, dass diese aber noch nicht so gravierend ist, dass Geschlechtsverkehr nicht mehr möglich wäre. Kommt allerdings dann die Angst vor dem Versagen noch dazu, kann die Erektion völlig ausbleiben.

Um herauszufinden, ob eher körperliche oder psychische Ursachen zugrunde liegen, frage ich als Sexualtherapeutin immer danach, ob sich die Störung über einen Zeitraum "eingeschlichen" hat. Das kann zum Beispiel ein Indiz für einen körperlichen Auslöser sein. Wenn die Erektionsschwäche eher plötzlich, zum Beispiel im Zusammenhang mit einem belastenden Ereignis aufgetreten ist, deutet das eher auf eine psychische Verursachung hin.

PW: Wo können Therapeuten mit einer Beratung oder einer Therapie ansetzen?

K.H.: Um herauszufinden, welche psychischen Ursachen eine ED ausgelöst haben könnten, fragen Ärzte und Therapeuten zunächst nach der konkreten Lebenssituation und nach eventuellen Konflikten oder Problemen des Betroffenen. So kann es sein, dass sich der Mann aufgrund einer schwierigen Lebenssituation als Versager fühlt, zum Beispiel, weil er gerade arbeitslos geworden ist. Wir merken immer wieder, dass Ereignisse, die das Selbstwertgefühl mindern, einen negativen Einfluss auf die sexuelle Potenz des Mannes haben können. Andersherum hängt das männliche Selbstwertgefühl sehr stark davon ab, ob der Mann "kann" oder nicht. Aber auch vergangene Lebenserfahrungen und Entwicklungsbedingungen können dazu geführt haben, dass der Bereich der Sexualität negativ besetzt ist. So liegt es zum Beispiel in den familiären Strukturen begründet, welches Männerbild vermittelt wurde. Ist das negativ, kann sich diese Erfahrung durchaus auf die spätere Sexualität des Mannes auswirken. Aber auch andere negative Erlebnisse, wie zum Beispiel ein "erstes Mal", bei dem es nicht richtig geklappt hat, können die Ursache für spätere erektile Probleme sein.

Typisch für die Entwicklung eines Erektionsproblems ist der sogenannte Selbstverstärkungsmechanismus. Hat der Mann einmal "versagt", ist er beim nächsten Mal schon ängstlich, weil er denkt, dass das ja wieder passieren könnte. Durch diese Verunsicherung passiert es dann oft, dass es beim nächsten Mal wieder nicht klappt. Macht ein Mann eine solche Erfahrung immer und immer wieder, wird das Versagen chronisch. Und dann ziehen sich viele Männer irgendwann von der Partnerin zurück und weichen sexuellen Begegnungen aus. Damit verstärken sie das Problem, denn sexuelle Vermeidung ist das Schlimmste, was man in so einer Situation tun kann. Sie führt zur Entfremdung des Paares und verhindert, dass wieder positive Erfahrungen gemacht werden können. Wir versuchen außerdem herauszufinden, ob fehlende Lust zum Verkehr hinter der erektilen Dysfunktion stecken könnte. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn der Mann - ob bewusst oder unbewusst - homosexuell orientiert ist oder eine andere sexuelle Vorliebe hat. Möglich ist aber auch, dass der Mann unter Depressionen leidet, durch die fast immer die sexuelle Lust und damit auch die sexuelle Funktion beeinträchtigt werden.

PW: Welche Therapien sind bei einer ED möglich?

K.H.: Wir unterscheiden zwischen Sexualberatung und Sexualtherapie. Eine Beratung ist über einen kürzeren Zeitraum angelegt. Manchmal reichen schon zwei bis drei Gespräche, um das Problem zu klären und zu lösen. Wenn das nicht ausreicht, bieten wir eine Sexualtherapie an. Da fragen wir dann unter anderem nach den sexuellen Vorerfahrungen des Mannes und nach der Atmosphäre in seiner Partnerschaft. Oft raten wir zu einem klassischen sexualtherapeutischen Behandlungsprogramm. Dieses Konzept geht auf die beiden amerikanischen Sexualwissenschaftler Masters und Johnson zurück. Es besteht zum einen aus therapeutischen Sitzungen und zum anderen aus Übungen, die das Paar zu Hause durchführt. In deren Mittelpunkt stehen gemeinsame Körpererfahrungen des Paares. Das Ziel besteht dann darin, dass der Mann erleben kann, dass Körperkontakt auch ohne Leistungsdruck möglich ist und Versagensängste abgebaut werden können. Die häuslichen Erfahrungen des Paares werden dann in den Therapiesitzungen besprochen und bearbeitet.

PW: Wie findet man einen seriösen Therapeuten?

K.H.: Das ist nicht ganz einfach. Natürlich kann man ins Telefonbuch schauen. Besser ist es aber meiner Erfahrung nach, den behandelnden Urologen oder auch den Hausarzt oder die Krankenkasse zu befragen. Außerdem gibt es Beratungsstellen, wie das “Zentrum für Partnerschaft und sexuelle Gesundheit“. Auch “pro familia“ berät Männer mit Potenzstörungen.

PW: Wie stehen die "Heilungschancen", wenn die Auslöser psychisch sind?

K.H.: Ich sage meinen Patienten immer, "seien Sie doch froh, wenn es die Psyche ist, denn da kann man wirklich etwas tun". Manchmal reicht schon ein Gespräch. Wichtig ist natürlich, dass sich die Männer auf eine Therapie auch einlassen, dann stehen die Chancen wirklich nicht schlecht. Leider machen wir aber immer wieder die Erfahrung, dass Männer mit ED sich einigeln und aus Scham gar nicht über ihr Problem sprechen möchten, weder mit ihrer Partnerin noch mit Freunden. Manche nehmen sogar Viagra und verschweigen es der Partnerin. Also Offenheit ist absolut wichtig und natürlich die Bereitschaft, die Therapie, auch wenn sie länger dauert, durchzuhalten und eben auch regelmäßig die häuslichen Übungen durchzuführen.

Ein Mann und eine Frau sitzen sich am Tisch gegenüber. Sie schauen sich an und halten die Hand des Partners. (Rechte: Mauritius)

Offenheit hilft den meisten Paaren

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PW: Was kann die Partnerin tun?

K.H.: Die Partnerin hat einen ganz großen Einfluss auf die Heilungschancen, denn die erektile Dysfunktion ist ja letztendlich ein Problem, das beide Partner betrifft. Die Frau sollte deshalb nach Möglichkeit den Mann motivieren, zum Arzt zu gehen, sollte anbieten, ihn zu begleiten und sich offen zeigen, an einer Beratung oder Sexualtherapie teilzunehmen. Auch sonst kann sie ihren Partner unterstützen, indem sie ihn ermutigt und keinesfalls unter Druck setzt, da dieses die Leistungsangst des Mannes massiv verstärken würde. Die Frau sollte auch bei den Übungen mitmachen und sich bemühen, dass sie mit ihrem Partner im Gespräch bleibt. Denn das Gespräch ist wirklich das Allerwichtigste, eben deshalb, weil sich Männer mit diesem Problem aus Scham oft zurückziehen. Dass das nicht immer einfach ist, weiß ich natürlich. Es ist ja völlig klar, dass die Frauen sich zurückgesetzt fühlen und an der Zuneigung ihres Partners zweifeln, wenn keine Sexualität mehr stattfindet.

Christiane Tovar, Stand vom 01.06.2009
Sendung: „Männerkrankheiten - Vom Tabu zur Therapie“, 09.01.2009

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Collage aus Bildmotiven zum Thema Krankheiten (Rechte: WDR)

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