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Inkontinenz

Wer inkontinent ist, kann seinen Urin oder - seltener - seinen Stuhl nicht mehr kontrolliert zurückhalten. Inkontinenz ist ein gesellschaftliches Tabu, häufig sogar ein familiäres. Als kleines Kind lernen wir spätestens ab dem dritten Lebensjahr, dass ein erwachsener Mensch nicht in die Hose macht. Allein in Deutschland erleben aber mehrere Millionen Frauen und Männer tagtäglich, dass ihr Körper sich nicht an diese Regel hält.

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Die verschwiegene Krankheit

Die Krankheit Urininkontinenz löst bei vielen weitaus negativere Assoziationen aus als andere Krankheiten. Inkontinenz wird bewusst oder unbewusst mit Kontrollverlust, hygienischen Problemen und einem seit der Kindheit fest verankerten Ekel vor Fäkalien verbunden. Die betroffenen Menschen wollen nicht über ihr Leiden sprechen und die Menschen in ihrer Umgebung sind meist froh, dass die Krankheit nicht thematisiert wird, da sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Inkontinenzpatienten stehen mit ihrer Isolation nicht allein da. Fast alle Erkrankungen unterhalb der Gürtellinie werden weitaus seltener in der Öffentlichkeit diskutiert als andere Krankheiten. Auch Menschen mit Hämorrhoiden, Warzen im Genitalbereich oder Erkrankungen an der Prostata leiden meist im Verborgenen. Oft ist die Angst und die Scham so groß, dass sie nicht einmal einen Arzt konsultieren. Gerade Inkontinenzpatienten sind Meister im Verstecken ihrer Krankheit. Ärzte berichten von Fällen, in denen selbst der Ehepartner über Jahre nichts von der Inkontinenz des Lebensgefährten bemerkt hat.

Ein älterer Mann geht an einer Reihe von mobilen Toilettenhäuschen vorbei. (Rechte: dpa)

Nicht immer ist das Angebot so groß

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Eine Frage des Alters

Ein Patient, der sich nicht behandeln lässt, wird von seiner Krankheit beherrscht: Schon beim Verlassen des Hauses kreisen seine Gedanken darum, wo er im Notfall schnell eine Toilette finden kann. Ständig muss er seine Flüssigkeitszufuhr genauestens kontrollieren. Bei Veranstaltungen und Terminen überkommt ihn häufig ein Panikgefühl, das ihn von einer Sekunde auf die andere zwingt, den Raum zu verlassen. Das alles nehmen inkontinente Menschen in Kauf, damit niemand von ihrer Krankheit erfährt. Wenn die Betroffenen wüssten, wie vielen Menschen in ihrer Umgebung es ähnlich ergeht, wäre dies sicher anders.

Schätzungen gehen davon aus, dass jeder zehnte Mann und jede vierte Frau im Laufe des Lebens Erfahrungen mit Harninkontinenz machen. Mit zunehmendem Alter wächst die Wahrscheinlichkeit inkontinent zu werden. Bereits ab 40 leidet jede vierte Frau zumindest zeitweise an unfreiwilligem Harnverlust oder Schwierigkeiten bei der Blasenentleerung.

Die Abbildung zeigt einen Querschnitt durch das männliche Becken mit Lage der Prostata, Harnblase und der Harnröhre (Rechte: Deutsche Krebshilfe e.V.)

Das Verschlusssystem beim Mann

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Wie funktioniert die Blase?

Fast ständig läuft Urin aus den Nieren über die Harnwege in die Blase. Die Blase kann sich wie ein Luftballon ausdehnen. Ihre Aufgabe ist es, den Urin aufzunehmen und kontrolliert über die Harnröhre auszustoßen. Im Normalfall fasst eine Blase circa 500 Milliliter. An den Wänden der Blase befinden sich Muskeln. Sobald sich die Blase füllt, werden diese Muskeln gedehnt und senden ein Signal an das Gehirn. Der Mensch interpretiert dieses Signal als: "Ich muss gleich auf die Toilette". Beim Wasserlassen werden die Muskeln angespannt, sodass sie die Blase zusammendrücken. Im gleichen Moment sendet das Gehirn einen Impuls an das Verschlusssystem der Harnröhre; es öffnet sich und lässt den Urin austreten. Urinieren funktioniert also über das abgestimmte synchrone Zusammenspiel von Blasenmuskulatur, Verschlusssystem der Harnröhre und einer Impulsübermittlung durch das Gehirn.

Stressinkontinenz - Harnverlust bei Husten und Niesen

Bei der Stressinkontinenz liegt eine Erschlaffung oder ein Schaden am Harnröhrenverschluss vor. Mit Stress sind in diesem Fall keine nervenaufreibenden Alltagssituationen gemeint, sondern kurze Momente, in denen der Körper und damit auch der gesamte Harntrakt unter Anspannung steht. Harnverlust bei Stressinkontinenz tritt bei starkem Husten, Niesen, beim Treppensteigen oder beim Heben von schweren Lasten auf. Die Anspannung führt zu einer kurzen Druckerhöhung auf den Verschluss der Harnröhre, der zu einem unkontrollierten Harnaustritt führen kann. Mit steigendem Alter nimmt die Anfälligkeit bei Mann und Frau zu. Frauen können nach einer Geburt besonders betroffen sein, wenn die Muskulatur im Beckenboden geschwächt ist. Mit 60 Prozent ist die Stressinkontinenz die häufigste Form von Harninkontinenz.

Dranginkontinenz - Blase ohne Training

Anders als bei der Stressinkontinenz kann es bei der Dranginkontinenz auch bei völlig intaktem Verschlusssystem zu unbeabsichtigtem Harnverlust kommen. Der Grund hierfür ist eine übersensible Blase. Wenn man dem natürlichen Verlangen nach Wasserlassen zu schnell nachkommt, die Blase also kaum gefüllt ist, wird sie kleiner. Sie kommt sozusagen "aus dem Training". Dadurch verringert sich das Fassungsvermögen und das Gehirn erhält immer schneller und häufiger das Signal "Blase voll". Die Blase zieht sich krampfartig so stark zusammen, dass auch das Verschlusssystem nachgibt. Diese Form der Inkontinenz geht bei älteren Menschen meist mit chronischen Entzündungen oder Krankheiten an Blase und Harnröhre, einer Vergrößerung der Prostata und krankhafter Veränderung des Nervensystems einher.

Ein Arzt im weißen Kittel und ein Mann im schwarzen Anzug sitzen sich am Tisch in der Arztpraxis gegenüber. (Rechte: WDR/Ute Grabowsky)

Bei zeitigem Arztbesuch sind die Heilungschancen groß

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Vorbeugung und Heilungschancen

Neben der Stress- und Dranginkontinenz gibt es noch andere Formen (Überlauf-, Reflex- und Extraaurethale Inkontinenz), die aber weitaus seltener vorkommen. Mischformen von Stress- und Dranginkontinenz sind hingegen sehr häufig. Der Erfolg einer Behandlung ist auch davon abhängig, dass der Arzt erkennt, welche Form oder gar Formen der Inkontinenz er behandeln muss.

Es gibt viele Methoden, mit denen man der Inkontinenz schon in einem frühen Stadium begegnen kann. Schon bei den ersten Anzeichen sollte man einen Arzt aufsuchen, da die Heilungschancen dann sehr hoch sind. Neben einer Untersuchung des Harntraktes misst der Arzt den Druck auf die Blase und die Durchlaufgeschwindigkeit des Urins um so spezifizieren zu können, welche Form oder Formen der Inkontinenz vorliegen.

Bei der Stressinkontinenz kann es beispielsweise ausreichen, seine Beckenbodenmuskulatur, die den Verschlussmechanismus stützt, zu trainieren. Besonders für Frauen vor oder nach einer Schwangerschaft bietet sich diese Therapie beziehungsweise Prävention an. Da man die Beckenbodenmuskeln im Alltag selten bewusst anspricht, gilt es, erst einmal ein Gefühl für sie zu entwickeln. Beim Wasserlassen kann man den Strahl kurz unterbrechen und so feststellen, welcher Muskel angesprochen wird. Zusätzliche Hilfsmittel sind kleine Sonden, die bei Frauen den Schließmuskel elektrisch stimulieren. Am sinnvollsten sind jedoch Übungen in einer Selbsthilfegruppe.

In Fällen von starker oder weit fortgeschrittener Inkontinenz kann es sein, dass eine Operation nötig wird, die in den meisten Fällen mindestens zu einer deutlichen Verbesserung der Situation führt. In jedem Fall sind die Möglichkeiten der Behandlung von Inkontinenz so weit fortgeschritten, dass sie jedem Betroffenen ein in vieler Hinsicht normales Leben ermöglichen können.

Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Männer-Krankheiten - Vom Tabu zur Therapie, 09.01.2009

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Collage aus Bildmotiven zum Thema Krankheiten (Rechte: WDR)

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