Interview: Inkontinenz im Alltag
Planet Wissen (PW): War für Sie direkt klar, dass Ihre Blasenoperation auch ein Leben mit Inkontinenz bedeutet?
Horst G. (H.G.): Ich habe zum Glück einen Hausarzt, der weiß, dass ich Klartext gebrauchen kann, ohne Schnörkel. Ich wollte wissen, wie die Aussichten sind, wenn ich die Operation überlebe. Nachdem er mich aufgeklärt hat, habe ich gedacht: Entweder ein Ende mit Schrecken oder es gibt ein Leben nach der Operation. Lieber inkontinent als tot. In dem Moment konnte ich mir gar nicht vorstellen, was das alles so mit sich bringt.
PW: Wie waren Ihre ersten Schritte mit der Inkontinenz klarzukommen?
H.G.: Nach der Operation war für mich klar: Inkontinenz ist auch ein technisches Problem. Irgendwie muss ich das in den Griff kriegen. Da ja viele Männer, vor allem wegen Prostata-Geschichten, davon betroffen sind, die ja auch damit klarkommen, habe ich mir gedacht: Klar, du packst das auch. Nach der Reha probiert man verschiedene Techniken aus. Am Anfang habe ich mal gemessen, wie groß mein Blasenvolumen ist und was in eine Vorlage hineingeht. Ich habe also das Problem quantifiziert und war damit gerüstet, wieder an den Arbeitsplatz und nach draußen zu gehen.
PW: Wie hat sich Ihr Leben verändert?
H.G.: Es schränkt mich stark ein. Wenn ich auf eine Urlaubsreise ins europäische Ausland gehe, ist der halbe Koffer voll mit Vorlagen. In Österreich sind mir die Vorlagen mal ausgegangen. In der Apotheke dort hatten die nur so Minidinger, aber ich brauchte etwas für die Nacht und ich hätte nicht gedacht, dass es so extrem schwierig ist, an so etwas zu kommen.
Auch der Bewegungsradius im Alltag ist eingeschränkt. Man muss immer in der Nähe einer Toilette sein. Der Gedanke daran ist inzwischen zum Reflex geworden. Man kann nicht mehr uneingeschränkt an Aktivitäten wie Fahrradfahren teilnehmen. Man muss sehr häufig Pausen einlegen, um sich zu entleeren. Auch beim Theaterbesuch braucht man einen Sitz am Ende der Reihe. Man kann eben viele Sachen nur noch mit bestimmten Sicherheitsankern machen. Rucksack-Tourismus wie früher kann ich mir abschminken. Ich hab versucht mit einem Urinalkondom zu Rande zu kommen. Das funktioniert aber nicht zufriedenstellend und ist auch viel zu teuer. Schwimmen in öffentlichen Schwimmbädern verkneife ich mir natürlich auch.
PW: Sind Sie von Anfang an offen mit Ihrer Inkontinenz umgegangen?
H.G.: Ich habe es nach der Operation meinen Arbeitskollegen erzählt. Die musste ich aufklären, weil ich häufig Sitzungen verlassen musste, da ich plötzlich auf Toilette musste. Die beste Strategie ist, den Leuten, die es ohnehin irgendwann einmal mitkriegen werden, zu sagen: So und so sieht das aus, ich bitte um euer Verständnis. Bei uns in der Selbsthilfegruppe reden wir alle sehr offen darüber.
Die meisten Leute, die an Inkontinenz leiden, sind im Umgang mit nicht Betroffenen viel verschlossener als ich. Es gibt sogar Leute, die versucht haben, es vor der Familie zu verheimlichen. Ich weiß zwar auch nicht wie man das anstellt, aber spätestens nach einem Monat muss es auffliegen. Dem Partner, der Ehefrau gegenüber, kann man das nicht verheimlichen. Es sei denn, man flüchtet sich in irgendwelche Scheinwelten. Man tappt dann von Unwahrheit zu Unwahrheit und das ist keine gute Strategie. Man kann dann auch keine Hilfe und kein Verständnis von anderen erwarten. In diesem intimen Umfeld, da muss man die Hosen runterlassen. Besonders Frauen sind Weltmeister darin, schwächere Inkontinenz zu kaschieren, aber auch das geht nicht lange gut. Man hinterlässt immer Spuren oder verändert seine Gewohnheiten. Von daher ist mein Rat an alle Betroffenen, nach Möglichkeit die Flucht nach vorne zu ergreifen.
PW: Was sind die größten Probleme im Alltag?
H.G.: Man braucht immer eine Ersatzgarnitur: Eine frische Hose, eine Unterhose, frische Vorlagen und eine Flasche mit Wasser für die Reinigung. Ich muss mindestens alle drei Stunden eine Toilette aufsuchen. Auf einer öffentlichen Toilette stellt sich die Frage: Wie kriege ich die benutzte Vorlage diskret entsorgt? Auf der Herrentoilette steht normalerweise kein Eimer dafür. Besonders am Anfang hatte ich das Gefühl, dass jeder sofort bemerkt, dass ich inkontinent bin und das ist sehr unangenehm. Man möchte nicht als Inkontinenter erkannt werden.
PW: Sie haben befürchtet, man könnte es von außen sehen?
H.G.: Ja. Es ist nicht erquicklich, wenn man in eine Gaststätte geht, ein Bier trinkt und stellt dann auf einmal fest - oh, jetzt muss ich mir aber mal schnell ein Bier über die Hose kippen. Was anderes bleibt einem in einer Situation, in der etwas ausgelaufen ist, kaum übrig. Manchmal nehme ich mir auch einen Pulli mit, den ich im Fall der Fälle umbinde. Drei, vier Milliliter reichen schon aus um einen Fleck zu produzieren und in dem Bereich - was kann's denn da wohl gewesen sein? Man beschäftigt sich eigentlich ständig mit Aktionsmaßnahmen, um das Problem zu kaschieren.
PW: Was machen Sie nachts, wenn Sie nicht regelmäßig auf die Toilette gehen können?
H.G.: Ich müsste eigentlich auch nachts alle drei Stunden auf Toilette, da ich jedoch dann am nächsten Tag so gerädert bin, als hätte ich jede Nacht eine dicke Party, habe ich diesen Weg abgelehnt. Dann muss man sein Bett quasi ganz neu gestalten, angefangen bei irgendwelchen Inkontinenz-Vorlagen. Der Markt gibt da leider nichts her, was dem in irgendeiner Form gerecht wird. Am Ende helfen nur Plastiktüten, da muss man allerdings Handtücher drüberlegen, sonst schwitzt man sich tot. Das Ganze ist sehr aufwändig und eine ziemliche Quälerei. Wenn Sie keinen Partner haben, der Verständnis dafür hat, sind Sie aufgeschmissen. Denn auch bei den Vorlagen geht schon mal was daneben und wenn man dann nicht sofort wach wird, dann gibt's Oxidation, der Urin fängt an zu riechen - aus der sterilen Flüssigkeit wird dann leider eine stinkende Brühe.
PW: Haben Sie das Gefühl, dass die nicht betroffenen Menschen, nach der verstärkten Aufklärung in den vergangenen Jahren, besser mit dem Thema Inkontinenz umgehen können?
H.G.: Demjenigen, dem es in der Öffentlichkeit passiert, und diejenigen, die das bemerken, die denken nicht: "Ja, jetzt hat der angenässt" oder "Ihm ist ein Malheurchen passiert" oder "Ein kleiner Unfall", sondern: "Der hat sich angeschifft". Anschiffen, das ist ja, sag ich mal, ein kerniger Begriff, ein bisschen Gossensprache, aber er beschreibt genau das Gefühl, das sich da auf beiden Seiten an Stimmung breit macht. So einfach ist das für die meisten Leute. Das kann man vergleichen mit Betrunkenen. Wenn Sie jemanden auf der Straße liegen sehen, denken Sie auch sofort: "Der ist betrunken, der hat gesoffen." Da laufen Schablonen durch und je nach Bildungsstand wird es unterschiedlich drastisch ausgedrückt.
PW: Wenn man sich lange mit dem Problem beschäftigt und Lösungen für die Alltagsprobleme findet, kehrt dann irgendwann Normalität ein?
H.G.: Das Ganze wird nicht zur Normalität, zumindest nicht, wenn man mal eine andere Normalität hatte. Zu vielen Dingen konditioniert man sich selber, viele Dinge laufen reflexartig ab, ohne drüber nachzudenken, ohne, dass es dann jedes Mal mit einem Gefühl behaftet ist. Doch bei jeder "Malheur"-Erfahrung, da kocht das wieder. Die Momente muss man einfach durchstehen. Es gibt dann zwar die Momente, wo man denkt: Du lebst zwar, aber die ganzen Einschränkungen..., da knabbert man dran. Es taucht schon oft Traurigkeit auf, aber besser so als tot. Es ist im Prinzip eine Katastrophe, aber man kann sie ein bisschen vermindern, in dem man sich bewusst macht, was passieren kann und sich daraufhin Wege sucht seinen Alltag relativ normal zu gestalten. Bei neuen Herausforderungen sage ich mir immer: Mach es einfach, probier es.
Götz Bolten, Stand vom 21.02.2005





