Nahrungskritiker Dr. Hans-Ulrich Grimm
Planet Wissen (PW): Herr Grimm, Sie sind als "Nahrungskritiker" in der ganzen Welt unterwegs. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?
Hans-Ulrich Grimm (HU.G.): Ich war zum Beispiel in Peking bei einer UNO-Konferenz, bei der die Lebensmittel-Standards für die ganze Welt festgelegt werden. Da saßen die Lobbyisten gleich mit in der Delegation der einzelnen Länder. So konnte dann Südzucker für "Germany" sprechen und Nestlé für "Switzerland". Da wurde mir dann klar, warum die Gesetze so sind, wie sie sind.
PW: Hat Sie das überrascht?
HU.G.: Ich hatte bisher immer gedacht, wir haben Demokratie, und unsere gewählten Volksvertreter machen die Gesetze. Dass die Lobby die Regeln ohne große Störungen selbst festlegt, war mir neu.
PW: In Ihren Büchern stößt man auf unglaubliche Geschichten. Sie erzählen unter anderem von Kleinstkindern, die quasi in die Pubertät kommen, denen Brüste wachsen, weil sie mit gekaufter Babymilch gefüttert wurden. Wie kann das sein?
HU.G.: Sie hatten Babymilch aus Soja bekommen, und das hat die Wirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen.
PW: In manchen Völkern ist Soja aber ein Grundnahrungsmittel. Dort scheint es diese Probleme nicht zu geben. Wie kommt das?
HU.G.: Dort werden die Kinder erst gestillt, Soja gibt's dann viel später.
PW: Mussten Sie nach diesen drastischen Fällen lange suchen? Sind das Einzelfälle?
HU.G.: In den USA gab es eine Studie mit 17.000 Mädchen, bei der ein Prozent der weißen Dreijährigen und 14 Prozent der weißen Achtjährigen erste Anzeichen körperlicher Reife zeigten.
PW: Sie gehen mit der Lebensmittelindustrie hart ins Gericht. Wo liegt Ihrer Meinung nach das Kernproblem?
HU.G.: Die Nahrungsmittel werden heute nicht in erster Linie für Menschen produziert, sondern für Supermärkte. Dort muss dann etwa ein Tüten-Kartoffelpüree über ein Jahr halten. Ein Kampf gegen den Verfall, mithin gegen die Natur, der nur mit Hilfe der Chemie zu führen ist. Also mit Zusatzstoffen.
PW: Was sind denn das für Zusatzstoffe?
HU.G.: Geschmacksverstärker und Aromen müssen dafür sorgen, dass dem Verbraucher ein Geschmack vorgegaukelt wird, der in Wahrheit längst verflogen ist. Farbstoffe sollen verblasste Nahrungsmittel aufhübschen, für die Haltbarkeit sorgen Zucker und Konservierungsstoffe, für die Stabilität Emulgatoren, Stabilisatoren. Von Natur aus fällt ja ein Sahnedessert nach zehn Minuten in sich zusammen. So etwas kann ein Supermarkt nicht brauchen.
PW: Aber sind diese Zusatzstoffe nicht auch einfach notwendig - wie etwa Konservierungsstoffe? Wo sehen Sie das Problem?
HU.G.: Kein Mensch braucht Zusatzstoffe. Wenn ich zuhause koche, dann geht das ohne Chemie. Die Zusatzstoffe richten sich gegen die Natur, und damit auch gegen die Menschen. Sie bringen zum Beispiel hormonelle Abläufe durcheinander, machen dick und führen zur Zuckerkrankheit Diabetes. Das haben Wissenschaftler nachgewiesen. Zum Beispiel beim Geschmacksverstärker Glutamat.
PW: Glutamat ist heute mit 1,5 Millionen Tonnen Jahresverbrauch der wichtigste Zusatzstoff der Nahrungsindustrie. Das ist eine unglaubliche Menge. Was weiß die Wissenschaft heute über die Wirkung von Glutamat in unserem Körper?
HU.G.: Glutamat ist ein Botenstoff im Körper, wirkt unter anderem im Gehirn bei der Steuerung der Nahrungsaufnahme und der Gewichtsregulation mit. Wenn da plötzlich zu viel im Spiel ist, läuft das aus dem Ruder. Außerdem kann Glutamat auch bei neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson eine Rolle spielen, weil es Hirnzellen zerstören kann.
PW: Laut dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung soll knapp ein Pfund Glutamat am Tag unschädlich sein. Würden Sie das so unterschreiben beziehungsweise würden Sie diese Menge ohne größere Bedenken zu sich nehmen?
HU.G.: Da würde ich mal abwarten, ob er das vormacht. Er war im übrigen Sprecher einer Professorenrunde, die zuvor schon mal von der Glutamatindustrie gesponsert wurde, und er konnte oder wollte auf meine diesbezüglichen Fragen nicht antworten. Mit seiner Unbedenklichkeitserklärung wäre ich also vorsichtig.
PW: Auf Ihrer Internetseite "Dr. Watson - Der Food-Detektiv" (www.food-detektiv.de) beschreiben Sie auch, dass wir mit unseren Nahrungsmitteln zu viel Aluminium zu uns nehmen. Vor allem Kinder seien davon betroffen, weil aluminiumhaltige Zusätze etwa in Farbstoffen für Süßigkeiten enthalten sind. Dr. Watson hat sogar Messungen von Aluminium-Gehalt in Süßigkeiten in Auftrag gegeben. Was ist dabei raus gekommen?
HU.G.: Vor allem Schokolinsen sind belastet. Auf unsere Initiative hin haben die Behörden eigene Messungen angestellt - und noch höhere Werte gemessen. Nach diesen Ergebnissen darf ein Kind von den höchstbelasteten maximal vier Stück am Tag essen, darüber beginnt das Risiko.
PW: Warum ist die Aufnahme von Aluminium für uns gefährlich?
HU.G.: Es kann bei Alzheimer eine Rolle spielen, es kann zu Hyperaktivität und Lernstörungen führen, es kann aber auch wie ein weibliches Geschlechtshormon wirken. Das ist natürlich besonders prekär, gerade bei Kindern.
PW: Es heißt ja immer, die Dosis macht das Gift. In geringen Mengen wären diese Zusatzstoffe sicher kein Problem. Nur enthält der überwiegende Teil der Lebensmittel, die wir in unseren Supermärkten kaufen können, diverse Zusatzstoffe.
HU.G.: Darüber befindet unter anderem der "Codex Alimentarius", jenes UNO-Gremium, von dem ich eingangs sprach. Auf der Basis der Codex-Beschlüsse entscheiden dann EU und Einzelstaaten. Das Schlimme ist, dass es keine Daten über die Verzehrsmengen gibt. Die müssten alle EU-Staaten eigentlich seit 1995 erheben, aber Deutschland sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen. So weiß bei uns kein Mensch, auch die Regierung nicht, ob wir schon im Bereich der Gift-Dosis liegen. Kinder sind ganz sicher häufig schon darüber. Darauf deuten Zahlen aus anderen EU-Ländern hin.
PW: Was bedeutet das unterm Strich für den Verbraucher; macht uns der Wohlstand krank?
HU.G.: Der Wohlstand nicht direkt, ich kann ja auch als Reicher ein Huhn, Ingwer und Karotten kaufen. Es ist eher das industrielle System der Nahrungsversorgung. Und eine Politik, die da nicht steuernd eingreifen will.
PW: Wie könnte man Ihrer Meinung dieses Problem in den Griff bekommen?
HU.G.: Als Einzelperson, indem man echtes Essen kauft: Äpfel, Birnen, Blumenkohl, Schweinefleisch und Suppenhuhn. Die Politik müsste zunächst für eine unabhängige Wissenschaft sorgen, denn bisher sind die einschlägigen Experten, namentlich die Professoren, praktisch alle von der Industrie beeinflusst. Unabhängige Nahrungsforschung gibt es nach Aussagen von Wissenschaftlern in deutschen Universitäten nicht.
PW: Wenn jemand mit diesen ganzen Informationen gefüttert wird, dürfte es ihm ziemlich schwer fallen, einen entspannten Umgang mit den Lebensmitteln zu haben, so wie sie uns heute angeboten werden. Hat Ihnen Ihre Arbeit manchmal den Genuss verleidet?
HU.G.: Im Gegenteil. Wenn Sie alles Künstliche, alle Chemikalien weglassen, dann schmeckt das Essen natürlich viel besser. Denken Sie nur an eine echte Hühnersuppe!
PW: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Lebensmittel aus?
HU.G.: Bei Chemie praktiziere ich Null-Toleranz. Dann gilt der Grundsatz: Wenn Aroma draufsteht, ist irgendwas faul. Ansonsten: Es soll Bio sein, es soll echt sein, es soll gut schmecken.
Interview: Andrea Wengel, Stand vom 04.05.2009





