Multiple Sklerose
Die Krankheit und ihre Symptome
Multiple Sklerose ist eine meist schubförmig verlaufende, chronische, entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, also von Gehirn und Rückenmark. Weltweit gibt es etwa zwei Millionen MS-Patienten, wobei die Krankheit in Mittel- und Nordeuropa häufiger, in Südeuropa und Afrika seltener auftritt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Am häufigsten wird die Krankheit bei jungen Erwachsenen festgestellt, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. Doch sogar Kinder können an MS erkranken, was jedoch wegen der unklaren Symptome oft erst mit jahrelanger Verzögerung erkannt wird. Alle Funktionen des Zentralnervensystems können durch die MS gestört werden. Die Symptome sind insgesamt sehr vielgestaltig - man spricht von der "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" - und treten anfangs auch bei anderen Erkrankungen auf, was die richtige Diagnose erschwert. Im frühen Stadium treten sehen die Patienten oft verschleiert, weil die Sehnerven entzündet sind, sie haben vorübergehende Sprach- und Geh- oder Sensibilitätsstörungen. Manche sind teilweise gelähmt, andere haben Probleme mit Blase, Darm oder der Sexualität. Das Gedächtnis kann gestört sein oder die Patienten leiden unter Depressionen. In seltenen Fällen kann die MS bis zur Invalidität führen.
Was passiert im Körper?
Die Multiple Sklerose gilt als Autoimmunerkrankung, das heißt, dass körpereigene Abwehrzellen gesundes Nervengewebe angreifen und zerstören. Die sogenannten Myelinscheiden des Zentralen Nervensystems entzünden sich. Bei der Myelinscheide handelt es sich um eine Art Isolierschicht, die aus Lipidzellen und Proteinen besteht und die die Hauptfortsätze der Nervenzellen umgibt, Axone genannt. Über die Axone werden im Zentralen Nervensystem Informationen in Form von elektrischen Impulsen von einer Zelle zur nächsten weitergeleitet. Die Myelinschicht sorgt dafür, dass dies sehr schnell geschieht. Wenn die Myelinschicht zerstört wird, verlangsamt sich der Informationsfluss, was zum Beispiel Bewegungsstörungen zur Folge hat, oder er bricht parziell zusammen. Es kommt zu einer Art Kabelschaden in der Schaltzentrale des menschlichen Körpers, dem Gehirn. Die elektrischen Impulse der Nerven können hier nicht mehr empfangen werden. Genau das besagt auch die Bezeichnung "Multiple Sklerose": Es kommt zu vielen (= multiplen) Entzündungen an verstreut liegenden Stellen in Gehirn und Rückenmark, die im Laufe der Krankheit vernarben (= sklerosieren).
Verschiedene Theorien zu den Ursachen
MS ist weder ansteckend noch wird sie direkt vererbt. Wie sie ausgelöst wird, ist bis heute nicht umfassend geklärt. Ob möglicherweise auch psychische Faktoren eine Rolle spielen, ist unbekannt. Es gibt viele verschiedene Theorien und einige Anhaltspunkte. Heute geht die Medizin davon aus, dass für die Entstehung der MS Virusinfektionen eine große Rolle spielen, vor allem mit Viren, die das Nervensystem befallen. Dies kann lange vor dem eigentlichen Ausbruch der Krankheit stattgefunden haben. Doch auch genetische Komponenten können den Ausbruch der MS fördern. Forscher haben bestimmte Gewebseigenschaften entdeckt, die typisch sind für MS. Ebenso zeigen Zwillingsstudien eine Übereinstimmung beim Auftreten der Krankheit. Allerdings wird nur die Neigung vererbt, MS möglicherweise zu bekommen.
Schubförmiger Verlauf ist häufiger
Es gibt zwei wichtige Verlaufsformen der Multiplen Sklerose. Typischerweise tritt sie schubweise auf. Diese Form ist die weitaus häufigere. Das bedeutet, dass die Symptome in Schüben auftreten und sich danach wieder zurückbilden, manchmal vollständig und ohne bleibende Schäden, manchmal aber auch unvollständig und daher mit Folgeschäden. Häufig beginnt die MS schubweise und geht, teilweise über einen längeren Zeitraum hinweg, in die zweite, seltenere Form über. Dies ist der chronisch progrediente (fortschreitende) Verlauf. Dies bedeutet, dass die Myelinscheiden und damit die Leitfähigkeit der Nervenbahnen allmählich, aber ständig fortschreitend über Entzündungsprozesse und bleibende Narben zerstört wird. Diese Form mündet in irreversible Lähmungen. Patienten sind dann in der Regel auf einen Rollstuhl angewiesen. Die seltenste, schwerste Verlaufsform ist die akute MS, bei der die Symptome sehr rasch auftreten und bis zum Tode führen können.
Keine Therapie heilt die Krankheit
Es gibt keine bekannten Möglichkeiten, der MS vorzubeugen. Auch gibt es keine Therapie, die die Krankheit heilt. Die heute am weitesten verbreiteten und modernen Therapieansätze konzentrieren sich darauf, die Stärke und die Häufigkeit der auftretenden Schübe zu mindern. Während eines akuten Schubes kann Kortison in hohen Dosen verabreicht werden. Zwischen den Schüben greifen Ärzte auf hochwirksame Medikamente zurück, welche die eigene gestörte Immunreaktion unterdrücken. Zu diesen sogenannten Immunsuppresiva gehören Beta-Interferon und Azathioprin. Um die schon vorhandenen Störungen, zum Beispiel der Bewegung, zu lindern, werden in MS-Therapiezentren physikalische Therapien begleitend eingesetzt. Eine speziell abgestimmte Diät ohne tierische Fette und Eiweiße, mit viel Obst und Gemüse sowie Fischgerichten beeinflusst den Verlauf oft günstig. Ebenso erkennt man mittlerweile, wie wichtig eine gute psychologischer Begleitung ist, um den Patienten psychisch und emotional zu stabilisieren. Neben diesen verschiedenen Therapieansätzen existieren auch eine ganze Reihe alternativer Therapiemöglichkeiten, die Betroffenen zzum Teil erhebliche Linderung verschafft haben. Dazu gehören zum Beispiel die sogenannte Apitherapie, bei der mit Bienengift behandelt wird, die Magnetfeldtherapie oder Akupunktur. Diese Methoden sind wissenschaftlich allerdings größtenteils nicht anerkannt und werden daher in den großen MS-Therapiezentren in der Regel nicht angewendet.
Wie lange kann man mit MS leben?
MS-Kranke leben nicht wesentlich kürzer als Gesunde; drei Viertel aller Patienten leben 25 Jahre und mehr mit der Krankheit. Menschen, die vor dem 40. Lebensjahr erkranken und am Anfang unter Sensibilitätsstörungen leiden, haben gute Chancen, dass sie zwischen den Schüben beschwerdefrei bleiben. Etwa ein Drittel aller Erkrankten hat eine solch positive Prognose. Die Mehrzahl der Betroffenen allerdings müssen schon früh körperliche Beeinträchtigung und damit große Einschränkungen im Beruf und im sozialen Umfeld hinnehmen. Bis zu 20 Prozent sind bereits nach kurzer Zeit so schwer betroffen, dass sie in vielen Dingen des täglichen Lebens ständig auf Hilfe angewiesen sind.
Birgit Thater, Stand vom 18.07.2008
Sendung: Das Gehirn - Sitz unserer Seele?, 03.09.2007







