Interview: Leben mit Neurodermitis
Planet Wissen (PW): Frau Full, Sie und ihre Zwillingsschwester haben Neurodermitis, seit Sie Babys waren. Wie haben Ihre Eltern auf die Krankheit reagiert? Was haben sie dagegen unternommen?
Jasmin Full (J.F.): Als erstes hat meine Mutter gedacht, das wäre eine allergische Reaktion auf irgendwelche Bettwäsche. Sie hat gar nicht weiter drüber nachgedacht. Welche Mutter macht sich schon Sorgen, weil jemand einen Ausschlag hat!? Dann haben die Ärzte ihr Handschuhe gegeben, denn als unsere Fingernägel gewachsen sind, haben wir uns unbewusst alles kaputtgekratzt. Meine Mutter hat dann mehrere Ärzte abgeklappert, da hat man ihr zum Teil gesagt, wir hätten die Krätze. Bis wir dann wirklich zu den richtigen Ärzten gekommen sind, die das auch therapieren konnten, hat es eine Weile gedauert.
PW: Wie sind Sie selbst als Kind mit Ihrer Krankheit umgegangen? Wie haben andere Kinder darauf reagiert?
J.F.: Mitschüler haben oft so reagiert, als hätten wir die Pest. Die haben uns teilweise ausgegrenzt, weil die nicht wussten, was es ist.
PW: Was haben Sie dann gemacht?
J.F.: Also, ich habe ja eine Zwillingsschwester, und wie man das dann so macht: Man kapselt sich ab. Im Schulhof haben wir uns so weit wie möglich in die Ecken gestellt. Ich war damals wirklich froh, dass ich meine Zwillingsschwester hatte - als seelische Unterstützung und umgekehrt.
PW: Wie hat sich die Neurodermitis im Laufe Ihres Lebens entwickelt?
J.F.: Im Kindesalter war der ganze Körper befallen, von Kopf bis Fuß. Meine Mutter musste uns öfter Mullbinden anlegen, damit wir überhaupt rausgehen konnten. Wenn wir offene Wunden hatten, mussten wir abends ganz bestimmte Reinigungsprozesse durchlaufen: Wenn sich zum Beispiel von den Socken Flusen in dem Wundwasser eingetrocknet hatten, hieß es erst einmal: aufweichen und baden. Beim Älterwerden ist es dann zwar besser geworden - es heißt ja, die Krankheit wächst sich eventuell aus -, aber so ist es eben nicht, es kommt schubweise.
PW: Welche Therapie oder welche Behandlung hat bei Ihnen am besten angeschlagen?
J.F.: Ich hatte drei Reha-Aufenthalte in der St. Joseph-Klinik in Duisburg. Da habe ich gelernt, wie man mit der Krankheit allgemein umgeht. Das heißt, wir haben eine Haut, die ist nun mal erkrankt, das heißt wir müssen, wenn wir morgens rausgehen, das Gesicht eincremen. Selbst wenn wir morgens um 3 Uhr von irgendwelchen Feiern oder Geburtstagen wiederkommen, müssen wir erst noch mal baden oder duschen gehen und noch mal eincremen. Das ist ein langwieriger Prozess. Dann bekommt man Solebäder, Bestrahlung, man sagt auch, ab und zu mal Solarium tut gut, weil Sonne ja der Seele gut tut, und alles, was der Seele gut tut, tut auch der Haut wieder gut.
PW: Apropos Seele, wurden Sie in den Therapien auch psychisch unterstützt, hat Ihnen das auch geholfen?
J.F.: 2005 hatte ich im November eine Reha, da habe ich zum ersten Mal auch eine psychologische Betreuung wahrgenommen. Und das tut auch gut, dass jemand zuhört, dass man jemand Objektiven hat, jemand, der über die Krankheit Bescheid weiß und der auch einfach mal zuhört, wie man sich in diesem Moment fühlt.
PW: Welche Cremes oder Medikamente nehmen Sie bei akuten Schüben?
J.F.: Normale Feuchtigkeitscremes tagsüber, aber wenn es einem wirklich schlecht geht, dann sind es ja auch offene, blutige Wunden, da muss man mit Cortison ran.
PW: Wie geht es Ihnen heute, wie stark beeinträchtigt die Neurodermitis noch Ihren Alltag
J.F.: Wenig! Jetzt im Winter sind es natürlich die Finger, die sind spröde und sehr rissig, man muss im Haushalt aufpassen, was man macht. Wenn man schreibt zum Beispiel, dass keine Farbe in die Wunden läuft. Das sind Kleinigkeiten, aber man lernt, damit umzugehen. Es ist doch so, dass es einen weniger beeinträchtigt als im Kindesalter.
PW: Haben Sie einen persönlichen Tipp für andere Betroffene?
J.F.: Man sollte schon mit der Krankheit offen umgehen, das heißt man sollte sich selber nicht verstecken. Ich hab' gelernt, wenn die Leute einen komisch angucken, dann sollte man gerade genug sein, um zu sagen: Ich habe eine Krankheit. Man sollte denen auch sagen, was man hat. Dann ist das Leben ein bisschen leichter.
Holtmeyer/Schwanenberg, Stand vom 04.04.2006






