Ursachen und Therapie - Interview mit Dr. Meinolf Bachmann
Planet Wissen (PW): Ist Glücksspiel gefährlich?
Dr. Meinolf Bachmann (M.B.): Glücksspiel kann, wenn es um höhere Summen, also Vermögenswerte, geht, immer ein Stück gefährlich werden. Insbesondere, wenn trotz hoher Zufälligkeit Kompetenz suggeriert wird und wenn das Spiel schnell ist, das heißt wenn die Ereignisse und Rückmeldung über Gewinn und Verlust schnell hintereinander passieren. Glücksspiel kann, wie zum Beispiel Alkohol auch, zu einem Mittel werden, um vor Problemen zu flüchten, mit Konflikten klar zu kommen und sich so letztendlich dem Leben nicht mehr richtig zu stellen.
PW: Woran merkt man, dass Spielen nicht mehr nur Zeitvertreib, sondern eine Sucht ist?
M.B.: Ich denke, dass die meisten Suchtkranken den Übergang zur Sucht gar nicht merken. Es ist so, dass man immer mehr die Dosis steigert, um noch das gleiche Glücksgefühl, den Nervenkitzel, zu bekommen. Jemand, der spielsüchtig ist, leugnet dann meist, überhaupt ein Problem zu haben. Das ist ein inhärentes Problem der Suchtkrankheit selber, dass man das eigentliche Problemverhalten stark bagatellisiert, verleugnet und nicht wahrhaben will. Im Laufe der Zeit verliert der Spieler die Kontrolle über den Spieleinsatz. Starke negative Folgen, wie die Zerrüttung der sozialen Verhältnisse, hohe Schulden und familiäre Probleme, steigern den Spieleinsatz oft eher noch und der Spieler verliert immer mehr die Fähigkeit, sich mit anderen Mitteln als mit Glücksspielen Erleichterung und Entspannung von Konflikten und Problemen zu verschaffen.
PW: Gibt es bestimmte Auslöser für das Spielen?
M.B.: Oft sind es mehr oder weniger Zufälle, durch die Leute erste Kontakte mit dem Glücksspiel bekommen. Am Anfang kann es zum Beispiel eine Riesengaudi sein, mit Kollegen oder Schulkameraden in die Spielhalle zu gehen und sich in der Gruppe auszuprobieren. Häufig haben Leute dann beim Spielen das Gefühl: "Oh, ich kann das, ich hab da mehr Glück als andere". Es ist sogar auch so, je mehr man spielt, umso mehr denkt man, da irgendwie etwas draufzuhaben - was natürlich völlig irrational ist.
PW: Welche Faszination hat das Spielen für Süchtige?
M.B.: Wenn man selbst mal das Experiment macht und spielt, ist man doch überrascht, dass vielleicht jeder eine gewisse Ader oder eine Neigung zum Glücksspiel hat. Gerade für jüngere Menschen liegt der Reiz natürlich darin, das Taschengeld aufzubessern und dann ist die Faszination einfach: Ich mache damit Geld. Diese irrationale Hoffnung kann später zu einem Teufelskreis werden. Das heißt, wenn der Spieler aus der Spielhalle kommt, völlig verzweifelt ist und nicht weiß, wie er die nächste Miete bezahlen kann, dann taucht plötzlich der Gedanke auf, dass er ja eigentlich nur Geld braucht, um die Verluste wieder hereinzuholen und seine Probleme zu lösen.
PW: Warum ist das Aufhören so schwierig?
M.B.: Bei einem Suchtkranken hat sich das Suchtverhalten im Grunde verselbständigt und ist zu einem inneren Zwang geworden. Wie bei einem anderen Suchtkranken auch, braucht der Spieler eine gewisse Dosis Spielen wie zum Beispiel der Alkoholiker eine Dosis Trinken. Aber je höher die Verluste werden, umso schwieriger ist es vielleicht, sich selbst zu sagen: "Das war eine Riesendummheit, ich lasse das jetzt". Im Grunde will sich ein Suchtkranker nicht von einem Spielautomaten geschlagen geben; um sich zu wehren, zieht er dann statt eines Revolvers wieder das Portemonnaie. Häufig hat der Süchtige sogar den besten Willen aufzuhören und glaubt an diesen Vorsatz. Deshalb ist es für ihn oft extrem schwer, überhaupt zu erkennen, dass er mit der Sache alleine nicht fertig wird und Hilfe braucht. Und damit quält er sich oft Jahrzehnte herum.
PW: Wie erkennt man als Außenstehender einen Spielsüchtigen?
M.B.: Bei dem Glücksspieler lässt sich das nicht so einfach feststellen wie zum Beispiel bei dem Alkoholiker, der vielleicht immer eine Fahne hat. Die Verheimlichung nimmt eine wichtige Rolle ein, da werden Ausreden und Lügengeschichten erfunden, damit niemand etwas merkt. Von außen betrachtet stellt man natürlich fest, dass demjenigen immer das Geld fehlt. Dazu kommt irgendwann, dass er auch keine Zeit mehr hat. Denn nicht nur das Spielen nimmt Zeit in Anspruch, sondern auch die Geldbeschaffung, später dann auch die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Im Grunde ist es so, dass bei einem Glücksspieler das Spielen irgendwann zum zentralen Lebensinhalt wird.
PW: Wer ist besonders gefährdet?
M.B.: Man könnte natürlich den Verdacht haben, Leute, die arbeitslos sind und wenig zu tun haben, sind eher empfänglich. Generell würde ich aber sagen, sind alle möglichen Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen betroffen, vom Bankdirektor, Pastor und Facharbeiter bis zum Postbeamten oder Polizeibeamten. Da gibt es eigentlich überhaupt keine Unterschiede.
PW: Hat sich die Zahl der Spielsüchtigen in letzter Zeit verändert?
M.B.: Man kann feststellen, dass die Zahl doch kontinuierlich steigt. Die Schätzungen sind seit Mitte der 80er Jahre von 50.000 bis 100.000 auf inzwischen 400.000 gestiegen. Es gibt aber auch Leute, die ziemlich berechtigt sagen, dass das immer noch zu niedrig geschätzt ist. Das Problem ist, dass durch die ganz einfachen Glücksspielautomaten, diese so genannten Daddelautomaten, das Glücksspiel sozusagen in die ganz normale Bevölkerung hineingetragen worden ist. Dadurch dass die Automaten in jeder Kneipe und Imbissbude hängen und dass es überall Spielhallen gibt, hat sich die Verfügbarkeit des Glücksspielens extrem gesteigert. Was auch sehr zunimmt, sind die Automatenspiele in den Spielkasinos, wo die Einsätze und Gewinnmöglichkeiten noch höher sind. Früher ist es ja vielleicht so ein Hobby von etwas wohlhabenderen Leuten gewesen, in ein Spielkasino zu gehen, während heute jeder Glücksspiel betreiben kann, das ein hohes Gefährdungspotential hat.
PW: Wie bekommt man Spielsucht in den Griff?
M.B.: Das Wichtigste ist immer, dass ein Betroffener sich anderen mitteilt und bereit ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein guter Weg ist sicherlich, sich dem Partner, Freunden oder auch den Eltern anzuvertrauen und mit denen zusammen zu einer Beratungsstelle zu gehen. Diese Stellen haben meist eigene Therapiegruppen, und Selbsthilfegruppen sind in fast allen größeren Städten aktiv. Auch der Hausarzt oder das Gesundheitsamt können erster Ansprechpartner sein und helfen, die Sucht in den Griff zu bekommen. Falls der Spielsüchtige selbst noch nicht bereit ist, sollten die Angehörigen dennoch für sich Hilfe in Anspruch nehmen, sie sollten mit ihren Sorgen nicht allein dastehen und oft gibt gerade dies dem Suchtkranken den Impuls, jetzt auch etwas zu unternehmen.
Interview: Hilke Janssen, Stand vom 31.05.2006





