Michael Pöllen - Tourette-Patient mit Gehirnschrittmacher
Planet Wissen (PW): Herr Pöllen, wann haben die Ärzte festgestellt, dass Sie das Tourette-Syndrom haben?
Michael Pöllen (M.P.): Ich bin eigentlich ein sehr untypischer Tourette-Patient. Die meisten Touretter erkranken ja schon während der Grundschulzeit. Bei mir war das anders. Ich hatte als Kind zwar einige Tics wie Augenzwinkern oder Schulterzucken. Aber eigentlich sind diese Symptome sehr schnell wieder verschwunden. Richtig ausgebrochen ist die Krankheit erst im Erwachsenenalter. Ich war schon 23 Jahre alt. Und ich hatte nicht gerade eine leichte Zeit. Ich war an Krebs erkrankt und musste deshalb eine Chemotherapie machen.
An den Tag, als die Krankheit ausgebrochen ist, erinnere ich mich noch ganz genau. Es war ein Montagmorgen am 14. Oktober 1993. An diesem Tag habe ich meine erste Chemotherapie bekommen. Und die Medikamente haben offensichtlich dazu geführt, dass die Tourette-Gene, die ja in mir liegen müssen, aktiviert wurden. Auf jeden Fall fing ich plötzlich wild an zu zappeln. Mein ganzer Körper war in Bewegung. Das war der Beginn der Tics. Ein paar Wochen später verkündeten mir die Ärzte, dass ich neben dem Krebs noch eine zweite Krankheit hatte: das Tourette-Syndrom.
PW: Wie haben Sie auf diese Diagnose reagiert?
M.P.: Natürlich war ich geschockt. Du kämpfst gerade gegen den Krebs - und dann hast du plötzlich Tourette. Ich konnte mit der Diagnose auch gar nichts anfangen. Damals war die Krankheit ja nicht so bekannt wie heute. Und ich hatte auch gar nicht die Kraft, mich genauer zu informieren. Das hat Gott sei Dank meine Mutter übernommen. Sie war diejenige, die zur Tourette-Gesellschaft gegangen ist und sich schlau gemacht hat. Daher war uns relativ schnell klar, dass gegen das Tourette-Syndrom kein Kraut gewachsen ist. Medikamente geschluckt habe ich trotzdem. Natürlich ist da immer die Hoffnung, dass die Substanzen die Symptome lindern könnten. Man horcht ganz genau in seinen Körper rein und nimmt jede Veränderung genau wahr. Und wenn die Medikamente dann nichts bringen, ist man natürlich doppelt enttäuscht.
PW: Wie sind Sie mit dieser Enttäuschung umgegangen?
M.P.: Psychologen raten einem, die Krankheit zu tolerieren. Ich konnte das nicht. Stattdessen habe ich immer stärkere Aggressionen gegen mich selbst entwickelt. Schon morgens, kurz nach dem Aufwachen, habe ich begonnen, mich selbst zu schlagen. Immer wieder habe ich die Faust gegen den Unterkiefer gerammt - so oft, bis meine Lippen blutig waren. Die Narbe davon habe ich bis heute. Im Juli 1999 und im November 2004 war ich dann so verzweifelt, dass ich versucht habe, mich umzubringen. Ich habe Pillen geschluckt. Gott sei Dank wurde ich rechtzeitig gefunden.
PW: Welches Ereignis hat Ihrem Leben dann eine Wende gegeben?
M.P.: Kurz nach meinem zweiten Selbstmordversuch war ich mit meiner langjährigen Freundin im Urlaub. Da haben wir komplett abgeschaltet - kein Radio und kein Fernsehen gehört. In genau dieser Zeit lief aber ein Fernsehbeitrag, der über die erste erfolgreiche Gehirnoperation eines Tourette-Patienten in den USA berichtete. Als ich aus dem Urlaub zurückkam, bin ich von ganz vielen Leuten auf den Beitrag angesprochen worden. Sie haben mir unheimlich Hoffnung gemacht und mir vorgeschlagen, mich auch um eine Operation zu bemühen. Und ich hatte Glück: Professor Dr. Sturm von der Universitätsklinik Köln hat sich bereit erklärt, eine entsprechende Operation durchzuführen. Als dann feststand, dass ich als erster Tourette-Patient in Deutschland unters Messer durfte, war das eine echte Wende in meinem Leben. Ich habe die Operation herbeigesehnt.
PW: Hatten Sie denn gar keine Angst?
M.P. Natürlich hatte ich Angst. Bei der Operation werden dem Patienten zwei acht Millimeter große Löcher ins Gehirn gebohrt. Durch diese Löcher führt Professor Dr. Sturm dann die Elektroden ins Gehirn ein. Diese Elektroden senden ganz schwache Impulse aus, die bestimmte Gehirnareale stimulieren und die Tics lindern sollen. Bei jeder Operation gibt es bestimmte Risiken - so natürlich auch bei dieser: Falls der Arzt eine falsche Stelle im Gehirn trifft, besteht die Gefahr eines Schlaganfalls. Und wenn man Pech hat, schlagen die Elektroden einfach nicht an. Dann bist du nach der Operation genauso schlecht dran wie vorher. Für mich gab es zu dieser Operation aber einfach keine Alternative. Ich habe mir immer gesagt: Entweder klappt die Operation oder der nächste Selbstmordversuch.
PW: Wie haben Sie sich nach der Operation gefühlt?
M.P.: Ich bin aufgewacht und habe sofort gemerkt, dass irgend etwas anders ist. Die Aggressionen gegen mich selbst waren plötzlich weg. Das war der erste Vormittag seit langem, an dem ich mich nicht selbst blutig geschlagen habe. Die ersten sechs Wochen nach der Operation habe ich mich blendend gefühlt. Ich war praktisch ticfrei. Einige meiner Tics sind nach dieser Zeit zurückgekehrt. Aber wenn ich heute fiepe oder quietsche, kann ich darüber lachen. Das sind meine Markenzeichen. Insgesamt hat mein Zustand sich nach der Operation wesentlich verbessert. Heute ist mein Leben lebenswert. Diese Operation hat mein Leben gerettet.
PW: Würden Sie anderen Tourette-Patienten zu der Operation raten?
M.P.: Jeder Patient sollte selber abwägen, ob der Eingriff für ihn sinnvoll ist. Professor Dr. Sturm operiert ja auch nur die Tourette-Kranken, die an sehr schweren Symptomen leiden. Und ein Erfolg ist nicht garantiert. Ich bereue den Eingriff auf jeden Fall nicht. Und wenn neue Erkenntnisse über den Sitz der Krankheit im Gehirn vorliegen, würde ich mich sofort wieder operieren lassen. Bisher können die Gehirnregionen ja nur ungefähr bestimmt werden - wobei Professor Dr. Sturm bei mir offensichtlich sehr gute Arbeit geleistet hat. Für mich war die Entscheidung zur Operation genau richtig. Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung kann ich den Eingriff nur empfehlen.
Interview: Clara Walther, Stand vom 29.10.2007
Sendung: Zwänge und Tics - Wenn Gewohnheit zur Qual wird, 22.08.2008









