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Führung durch das Bernhard-Nocht-Institut

Mitten in Sankt Pauli, zwischen Reeperbahn und Hafen liegt das "Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin" (BNI). Hier lagern die gefährlichsten Viren der Welt, verschlossen in einem Hochsicherheitstrakt der Stufe vier, von denen es in Deutschland bloß zwei gibt und in ganz Europa lediglich sechs. Grund genug, das Institut einmal aus der Nähe zu betrachten.

Ein Gebäude aus der Jahrhundertwende: das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. (Rechte: Sine Maier-Bode)

Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

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Sicherheit geht vor

Ich schließe mich erst einmal einer Besuchergruppe an. Dr. Barbara Ebert, Wissenschaftsreferentin beim BNI, demonstriert, welche Sicherheitsvorkehrungen die Forscher treffen müssen, die an gefährlichen Viren wie Ebola, dem Marburg-Virus oder dem Lassa-Virus arbeiten. Sie steckt ihre Arme in einen Plastikanzug, den jeder Wissenschaftler anziehen muss, bevor er das Hochsicherheitslabor betritt. Der Anzug besteht aus einem einzigen Teil - selbst die Gummistiefel sind fest an den Beinen angebracht, ebenso die Handschuhe und der Kopfschutz, der an einen Astronauten-Helm erinnert. "Der Schutz ist nur für den Forscher selber", erklärt Frau Ebert: "Viren haben den Vorteil: Sie bewegen sich nicht. Deshalb würden eigentlich Handschuhe, Mundschutz und vielleicht noch eine Schutzbrille ausreichen. Aber wie schnell ist es passiert, dass es einen juckt, und der Wissenschaftler sich in einem unkonzentrierten Moment kratzt." Die Aktion ist zwar ziemlich umständlich, doch so ist sichergestellt, dass kein Körperteil den dichten Anzug verlässt. "Länger als zwei Stunden", erklärt uns Frau Ebert, "kann man es in diesem Anzug nicht aushalten."

Barkasse des Hafenarztes vor Silhouette des Seemannskrankenhauses (Schwarzweiß-Foto) (Rechte: BNI)

Die Barkasse des Hafenarztes

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Das erste Tropeninstitut Deutschlands

Wir sitzen im alten Hörsaal des Instituts - dort, wo vor beinahe hundert Jahren Bernhard Nocht selber vor Medizinern doziert hat, und wo auch heute noch Ärzte sitzen, die sich in Tropenmedizin fortbilden lassen. 1914 ist man in das Gebäude umgezogen, in dem sich auch heute noch das BNI befindet. 1900 hatte das damalige "Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten" seine Arbeit im Seemannskrankenhaus begonnen, wo Bernhard Nocht Chefarzt war. Als erster Hamburger Hafenarzt war es seine Aufgabe gewesen, die einlaufenden Schiffe zu inspizieren, um die Stadt und die Schiffsbesatzung vor ansteckenden Krankheiten zu schützen.

Bernhard Nocht war ein Mediziner, den immer auch die Forschung interessiert hatte. Er gehörte zu den wenigen fortschrittlichen Ärzten, die nicht mehr, wie damals üblich, die Luft für alle Krankheiten verantwortlich machen wollten. Anders als die althergebrachte, so genannte Miasmenlehre, vertraten sie eine Theorie, die davon ausging, dass kleine und kleinste Lebewesen für die Entstehung vieler Krankheiten verantwortlich waren. Zu diesen Wissenschaftlern gehörte auch Nochts ehemaliger Lehrer Robert Koch, der später für seine Forschungen den Nobelpreis für Medizin erhielt. Im Kampf darum, wer das erste Tropeninstitut in Deutschland errichten sollte, konnte sich allerdings Bernhard Nocht in Hamburg durchsetzen.

Auf einem Rollwagen stehen mehrere Glasbehälter mit einer gelben Flüssigkeit. (Rechte: Sine Maier-Bode)

Rätselhafte Fläschchen

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Im Inneren des Instituts

Durch schmale Gänge führt uns Frau Ebert in Richtung Bibliothek. Es riecht nach Krankenhaus. Aber nur wenige "weiße Kittel" laufen auf den Gängen herum. Viele Forscher arbeiten heutzutage in Straßenkleidung und sind kaum noch zu unterscheiden von den Besuchern, die kommen, um sich beraten zu lassen oder um die Ambulanz aufzusuchen. Rechts und links vom Gang zweigen Türen ab, die zu den Labors und den Räumen einzelner Wissenschaftler führen. Wir schlängeln uns vorbei an einem Rollwagen, auf dem Glasbehälter mit gelber Flüssigkeit stehen, die jeden von uns an Urinproben erinnern. "Das sind sterile Flüssigkeiten für Bakterienkulturen", korrigiert uns Frau Ebert und gewährt der Gruppe einen Blick in eines der Labors.

Die Hände der Laborantin, in lilafarbenen Handschuhen, öffnen eine Flasche mit Jod; im Hintergrund sind vier kleine Röhrchen mit Stuhlproben zu sehen, in denen jeweils ein Holzstäbchen steckt. (Rechte: Sine Maier-Bode)

Präzisionsarbeit im Labor

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Spurensuche

In diesem Labor beobachte ich später Frau Rademacher bei der Arbeit: Sie hat einige Proben Kot bekommen, die sie auf verschiedene mögliche Erreger untersuchen soll. Angeliefert werden sie in kleinen Behältern des BNI, die schon mit einer Flüssigkeit gefüllt sind, bevor der Patient seine Stuhlprobe dort hinein gibt. "Damit die möglichen Parasiten nicht austrocknen", erklärt Frau Rademacher und schüttelt die so verdünnten Proben gut durch, bevor sie sie in kleine Röhrchen füllt und mit einem Holzstäbchen noch einmal umrührt. Bei der dritten Probe bereitet das Umrühren auf einmal Probleme. "Vor zwei Tagen hatte ich eine Probe, die war so hart, dass mir drei Stäbchen zerbrochen sind, bis ich sie so weit hatte." Wir denken an den armen Kerl, der die Probe abliefern musste, während Frau Rademacher die Proben immer weiter verdünnt, färbt, schüttelt und filtert. "Da ist ja alles mögliche drin, das wir für unsere Untersuchung gar nicht brauchen", begründet Frau Rademacher die Prozedur und konkretisiert: "Pollen zum Beispiel - am Montag kam eine frische Probe voller Pollen; da dachte ich mir sofort, aha, der hat am Wochenende seinen Waldlauf gemacht." Aber nicht nur die Wochenendvergnügen sind aus der Probe herauszulesen, sondern auch die Krankheiten.

Und so legt Frau Rademacher den Rest des gefilterten Kots auf eine Glasplatte, um ihn mikroskopisch zu untersuchen. Inzwischen kann ich eine gewisse Neugier, was sie dort entdecken wird, nicht mehr verheimlichen. Eine häufige Ursache bei Durchfallerkrankungen nach einem Tropenaufenthalt sind die einzelligen Lamblien, kleine Geißeltierchen. Eine Kollegin von Frau Rademacher zeigt mir eine Tafel, von der mir zwei skurrile, lustige Gesichter entgegenzulachen scheinen - eine vielfache Vergrößerung der winzigen Biester.

Mikroskopische Aufnahme von Malaria-Erregern im Maßstab 700:1. Zu sehen sind kleine Kreise, von denen einige blau-lila gefärbt sind. (Rechte: dpa)

Malaria-Erreger unter dem Mikroskop

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Blick durchs Mikroskop

Vier Frauen arbeiten im Moment in dem Labor. Neben Frau Rademacher untersucht eine Kollegin Blutproben auf Malaria-Erreger hin. Sobald die Laborantinnen über ihrem Mikroskop gebeugt arbeiten, herrscht absolute Ruhe und Konzentration. Ich vertreibe mir die Zeit, und beobachte aus dem Fenster die Schiffe am Hafen. Inzwischen ist Frau Rademacher fündig geworden: Geißeltierchen habe sie zwar nicht entdeckt, erklärt Frau Rademacher, dafür aber etwas anderes, das zwar nicht bösartig sei, in Massen auftretend aber durchaus zu Problemen führen könne. Ob ich es sehen wolle. Selbstverständlich möchte ich, doch es macht mir Mühe, überhaupt irgendetwas durch das Mikroskop zu erkennen. Als es mir endlich gelingt, sehe ich lediglich viele schwimmende Kreise, die ausschauen wie platte Seifenblasen im Wasser. "Erkennen Sie die, die aussehen, als hätten sie Haare?" fragt mich Frau Rademacher und zeichnet auf ein Blatt Papier auf, was ich erkennen könnte. Tue ich aber nicht. Um die manchmal geringen Unterschiede zwischen den verschiedenen Erregern identifizieren zu können, braucht es lange Erfahrung, die sich auch nicht in einigen Wochen erlernen lässt.

Die Virologin Petra Emmerich untersucht, vermummt in einen Sicherheitsanzug, hoch infektiöse Viruskulturen unter einem Mikroskop. (Rechte: BNI)

Forschung unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen

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Im Hochsicherheitslabo

Noch viel kleinere Erreger, die Viren, lassen sich nur unter einem Elektronenmikroskop erkennen. Es sind die gleichen Viren, mit denen einige wenige Wissenschaftler im Hochsicherheitslabor arbeiten dürfen. Gelagert werden sie in Stahlbehältern, in minus 190 Grad kaltem Stickstoff. Wenn die Virologen an den Erregern arbeiten, sind sie nie ganz alleine. Immer sind Kollegen in ihrer Nähe, und zwei Überwachungskameras beobachten alles, was in dem hermetisch abgeriegelten Labor vor sich geht. Auch Journalisten haben keinen Zutritt zu diesem Hochsicherheitsbereich. Nur von außen, durch eine schusssichere Panzerglasscheibe, dürfen sie in Ausnahmefällen die Arbeit beobachten. Aus ganz Europa werden hierher Proben angeliefert, wenn der Verdacht auf eine dieser seltenen Erkrankungen besteht. Aber nicht nur für die Diagnose müssen die Wissenschaftler mit den gefährlichen Viren arbeiten. Es geht darum, sie verstehen zu lernen, um eventuell einmal ein Medikament gegen die bislang unheilbaren Krankheiten entwickeln zu können. Im Idealfall bevor es zu einem Ausbruch kommt.

Sine Maier-Bode, Stand vom 04.09.2006
Sendung: Tropenkrankheiten - Erreger aus der Fremde, 04.09.2006

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