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Geschichte der Zwangsstörung

William Shakespeare wird nicht geahnt haben, dass seine Lady Macbeth einmal zur Kronzeugin einer Zwangsstörung wird. Geplagt von Schuldgefühlen nach dem von ihr angestifteten Mord lässt Shakespeare sie auf der Bühne klagen: "Wie, wollen diese Hände denn nie rein werden?" Und obwohl Lady Macbeth sich immer wieder darum bemüht, die vermeintlich blutbeschmierten Hände zu säubern, will sich bei ihr kein Gefühl von Reinlichkeit einstellen. "Noch immer riecht es hier nach Blut; alle Wohlgerüche Arabiens würden diese kleine Hand nicht wohlriechend machen." Heute würde man das als Indiz für einen Waschzwang ansehen.

Stahlstich: Robert Burton (Rechte: INTERFOTO)

Robert Burton, Autor der "Anatomy of the Melancholy"

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Erste Versuche, die Zwangsstörung als eine Erkrankung der Seele zu betrachten, stammen aus England, wo bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den gelehrten Kreisen der Kirche eine Diskussion über das Phänomen der "religiösen Melancholie" einsetzte. So werden in einer Abhandlung des Oxforder Gelehrten Robert Burton aus dem Jahr 1621 die Befürchtungen eines Gläubigen erwähnt, der die Sorge geäußert hatte, während des Gebets oder der Andacht nicht nur von gotteslästerlichen Gedanken verfolgt zu werden, sondern diese möglicherweise auch laut aussprechen zu müssen. Damals wurden Menschen mit einer Zwangsstörung noch als vom Teufel besessen angesehen. Bei ihnen wurde der Exorzismus angewandt, nicht selten endeten sie sogar auf dem Scheiterhaufen.

Jean Etienne Esquirol, Porträt nach zeitgenössischem Kupferstich (Rechte: Interfoto)

Jean Etienne Esquirol

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Psychoanalyse und Lerntheorie

Im 19. Jahrhundert konkretisierte sich dann das Verständnis der Zwangsstörung. Heute gilt der Franzose Jean Etienne Dominique Esquirol als einer der ersten Psychiater, die sich mit dem Phänomen der Zwangsstörung beschäftigten. Esquirol veröffentlichte 1838 eine erste Beschreibung der Zwangsstörung und ordnete sie damit den bis dahin bekannten psychischen Erkrankungen zu.

Das Nebeneinander von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen war auch ein zentraler Baustein im psychoanalytischen Erklärungsmodell von Sigmund Freud. Freud war der Auffassung, dass die Entstehung einer Zwangsstörung - er sprach von einer Zwangsneurose - im Zusammenhang mit der Sauberkeitserziehung des Kindes in der analen Phase zu betrachten sei. Dieser Erklärungsansatz mündete allerdings nicht in ein therapeutisches Konzept und spielt deswegen heute kaum noch eine Rolle.

Stattdessen haben seit den 1970er Jahren lerntheoretische Erklärungsmodelle an Bedeutung gewonnen. Die Lerntheorie sieht einen Zusammenhang zwischen Zwängen und Formen der Angst und betrachtet infolgedessen den Zwang als eine Form der Angstbewältigung. Aus dem lerntheoretischen Erklärungsmodell wurden Therapiekonzepte abgeleitet, die sich bereits bei der Behandlung von Phobien bewährt hatten. Bis heute gelten deshalb Expositions- und Konfrontationsübungen, bei denen der Patient in Begleitung des Therapeuten mit seinen angst- und zwangsauslösenden Situationen konfrontiert wird, als die Therapie der ersten Wahl.

Ulrich Neumann, Stand vom 30.06.2011
Sendung: Zwangsstörungen - Wenn Waschen zur Krankheit wird, 05.07.2011

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