Interview mit einem Zwangserkrankten
Planet Wissen (PW): Herr S., können Sie einem nicht Betroffenen erklären, wie es ist, mit einem Waschzwang zu leben?
Klaus S. (K. S.): Sie müssen sich das so vorstellen: Für mich gab es immer eine Welt da draußen und eine Welt hier drinnen. Die Welt draußen ist schmutzig und alles, was von draußen hereinkommt, verschmutzt die Welt drinnen, also die eigene Wohnung. Die Wohnung war mein Heiligtum, sie durfte nicht durch die Außenwelt kontaminiert werden. Deshalb habe ich ein Zimmer meiner Wohnung sozusagen zu einer Schleuse umfunktioniert. Wenn ich von draußen hereinkam, war ich kontaminiert. In der Schleuse musste ich mich erst ganz entkleiden. Der nächste Schritt war dann eine Dusche, die mindestens eine halbe Stunde gedauert hat. Ich hatte eine festgelegte Prozedur, die nach bestimmten Regeln ablief: zum Beispiel genau drei Mal die Haare einzuschäumen und wieder auszuwaschen. Ich musste das Gefühl haben, von der Welt draußen gereinigt zu sein.
PW: Das bedeutet, der Zwang war vor allem auf die eigene Wohnung bezogen?
K. S.: Ja. Wenn ich in den Urlaub gefahren bin, war ich von der Last befreit, meine Wohnung ständig von den Einflüssen der Außenwelt freizuhalten. Ich wusste, dass meine Wohnung sicher ist und sie in meiner Abwesenheit niemand betreten kann. Das Hotelzimmer gehörte zur Außenwelt und musste deshalb nicht so penibel sauber gehalten werden. Ich habe mir zwar auch oft die Hände gewaschen, aber insgesamt waren die Zwänge im Urlaub weniger. Zu Hause musste ich dann erst wieder eine Stunde lang duschen.
PW: Das hört sich an, als habe der Zwang viel Zeit beansprucht. Wie sehr haben die Zwangshandlungen Sie in Ihrer Lebensführung eingeschränkt?
K. S.: So ein Leben mit dem Zwang ist natürlich nicht unproblematisch. Es war für mich zum Beispiel ein großes Problem, Dinge von draußen hereinzubringen. Ich musste alles waschen: die Gegenstände, mich selbst und die Wohnung. Ich hatte außerdem ein sehr großes Problem damit, Leute in meine Wohnung zu lassen. Wenn der Gaszähler abgelesen werden musste, war das jedes Mal eine Tragödie.
Wegen des Zwangs kann man einfach an vielen Dingen nicht teilnehmen. Ich konnte nicht ins Schwimmbad gehen oder die Sonnenbank besuchen. Schuhe kaufen war fast unmöglich. Ich konnte ja keine Schuhe anprobieren, die jemand anderes schon vor mir anhatte. Zum Schluss habe ich Schuhe nur noch aus dem Katalog bestellt und sie dann noch mit einem feuchten Tuch von innen ausgewischt. Absolut undenkbar war es für mich auch, die Kopfhörer in einem CD-Geschäft aufzusetzen.
PW: Was spielt sich vor einer Zwangshandlung im Kopf ab?
K. S.: Man traut teilweise der eigenen Wahrnehmung nicht mehr. Ich habe mich dann gefragt: Habe ich mir wirklich die Hände gewaschen? Kann ich mir selber noch trauen? Und weil ich es dann wirklich nicht wusste, habe ich es zur Sicherheit noch einmal gemacht und dann noch einmal und noch einmal.
Bei mir haben sich irgendwann auch gewisse Nebenzwänge entwickelt, sogenannte Kontrollzwänge. Ich hatte zum Beispiel Angst, dass sich jemand heimlich in mein Auto gesetzt haben könnte. Bei dem Gedanken wurde mir heiß und kalt. Ich habe immer wieder kontrolliert, ob es wirklich abgeschlossen war. Sämtliche Gedanken kreisten darum. Das ist ein unbeschreiblich ungutes Gefühl. Wenn ich versucht habe, mich gegen den Zwang zu wehren, bin ich gar nicht mehr zur Ruhe gekommen.
PW: Wie hat sich der Zwang auf die persönlichen Kontakte ausgewirkt?
K. S.: Es ist ein Teufelskreis. Der Waschzwang hat mich in meinen persönlichen Kontakten so eingeschränkt, dass ich irgendwann nirgendwo mehr hingegangen bin. Ich konnte keinem fremden Menschen die Hand geben oder fremde Toiletten benutzen. Gleichzeitig konnte ich auch niemanden einladen, weil er meine Wohnung kontaminiert hätte. Es war ein schleichender Prozess, der mich schließlich sehr einsam gemacht hat. Die Einsamkeit hat dann wiederum die Zwänge verstärkt.
PW: Wie war das im Berufsleben?
K. S.: Ich habe während all der Jahre, die ich unter meinem Zwang gelitten habe, immer als Finanzbeamter gearbeitet. Und es war immer sehr schwierig. Ich bekam teilweise zerfledderte Steuererklärungen auf den Tisch, voller Kaffee- und Fettflecken. Ich musste Kunden mit verschiedenen Taktiken auf Distanz halten. Ich konnte ihnen ja nicht die Hand geben.
PW: Wie kam es dazu, dass Sie nach mehr 20 Jahren beschlossen, dass sich etwas ändern muss?
K. S.: Früher habe ich immer gedacht, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, der unter Zwängen leidet. Ich dachte, ich wäre nicht normal und habe mich unendlich geschämt. Es wurde vor 20 Jahren noch nicht in den Medien über Zwangserkrankungen berichtet und ich dachte: Vielleicht bin ich wirklich der Einzige. Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich mit anderen Menschen nicht normal umgehen konnte. Und man kann ja auch nicht zum Arzt gehen und sagen: Ich wasche mich.
Als ich dann die ersten Berichte im Fernsehen sah, habe ich gemerkt, dass ich keineswegs der Einzige war und dass es noch schlimmere Fälle gibt als mich. Daraufhin habe ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, eine Therapie zu machen. Als dann meine Mutter starb und ich eine schwere Zeit durchmachte, habe ich mir irgendwann gedacht: Jetzt muss sich etwas ändern. Im Juli 2006 habe ich schließlich meine erste Sitzung mit einer Therapeutin gehabt.
PW: Wie sah die Behandlung aus?
K. S.: Nachdem ich lange Zeit Gespräche mit der Therapeutin geführt hatte, habe ich eine Konfrontationstherapie angefangen. Die Therapeutin ist an einem Wochenende mit mir in die Stadt gegangen. Dort musste ich alles machen, womit ich Probleme hatte. Ich musste Brillen aufsetzen, CDs mit dem Kopfhörer anhören, Schuhe anprobieren. Es war schrecklich. Ich hatte den Schweiß auf der Stirn stehen, obwohl es mitten im Winter war. Danach sind wir in meine Wohnung gegangen, wo ich mir während der ersten halben Stunde nicht die Hände waschen durfte. Dann sollte ich mich, ohne vorher zu duschen, in mein Bett legen. Mein Bett war damals mein allergrößtes Heiligtum. Ich habe Panik bekommen, Angst und Herzrasen. Am nächsten Tag ging es dann schon ein kleines bisschen leichter.
PW: Was hat sich für Sie seit dieser ersten Sitzung mit der Therapeutin verändert?
K. S.: Ich lebe heute in der gleichen Wohnung und habe den gleichen Arbeitsplatz, aber meine Lebensqualität ist wesentlich höher. Es ist zwar so, dass der Zwang immer noch lauert. Aber damals hatte ich keine Wahl und heute bietet er sich an, aber ich kann ihm widerstehen. Ich gehe die Sache immer wieder neu an. Die alten Impulse kommen manchmal, aber ich widerstehe ihnen fast immer. Natürlich macht es nicht "Peng" und alles ist weg. Aber es fällt mir heute nicht mehr schwer, Leuten die Hand zu geben. Und das sind dann schon Glücksmomente, in denen ich denke: Toll, ich kann völlig frei agieren. Ich kann mir eine CD kaufen und sie sofort anhören und ich kann die Zeitung mit in meine Wohnung nehmen und sie dort lesen.
Interview: Johanna Rüschoff, Stand vom 29.10.2007
Sendung: Zwangsstörungen - Wenn Waschen zur Krankheit wird , 05.07.2011







