Was haben Verliebte und Zwangsgestörte gemeinsam?
Die Gedanken kreisen nur noch um eine bestimmte Person, schon beim Aufstehen. Was tut er gerade? Was denkt sie? In verliebtem Zustand ist kaum mehr Platz für andere Gedanken. Man könnte Verliebte deshalb als "zwanghaft" bezeichnen. So wie ein Zwangsgestörter mit einem Waschzwang immerzu an Keime, Schmutz und Bakterien denkt, ist der Verliebte in Gedanken ständig bei der einen Person. Dieser Zustand führt im Gehirn von Zwangsgestörten und Verliebten zu gewissen Ähnlichkeiten.
Verlieben wir uns, sinkt wie bei Zwangskranken der Serotoninspiegel im Gehirn. Serotonin ist ein Botenstoff, der sicherstellt, dass ein elektrischer Impuls von einer Nervenzelle zur anderen übertragen wird. Zwischen zwei Nervenzellen gibt es eine Lücke, welche die Impulse überwinden müssen: den synaptischen Spalt. Ohne das Serotonin stellt diese Lücke ein unüberwindbares Hindernis für die elektrischen Impulse dar. Damit es uns gut geht, brauchen wir circa zehn Milligramm Serotonin im Gehirn. Bei Verliebten und Zwangsgestörten liegt dieser Wert deutlich niedriger. Die Folge: Die Stimmungslage schlägt um und sie neigen zu übertriebenen Handlungen. Das kann der aufgesprühte Name eines Mädchens an einer Hauswand sein - oder auch das genau siebenmal wiederholte Aufschütteln des Betts. Verliebte sind also biochemisch gesehen krank. Nicht umsonst wird manch einer als "krank vor Liebe" bezeichnet.
Wenn Verliebte aber unter einer "vorübergehenden Krankheit" leiden, warum sind sie dann so euphorisch? Das liegt daran, dass bei Verliebten gleichzeitig bestimmte Hirnregionen "abgestellt" werden: diejenigen, welche für Traurigkeit und Depressionen zuständig sind. Es wird verstärkt Adrenalin ausgeschüttet, das für positiven Stress sorgt: Der Betreffende fühlt sich energiegeladen. Im Gehirn werden Glückshormone freigesetzt, die das logische Denken hemmen. Dieser Zustand löst ein tiefes Wohlbefinden aus. In Extremfällen halten die Verliebtheit und damit der Serotoninmangel bis zu einem Jahr an. Meistens ist es viel schneller vorbei. Zwangsgestörte leiden dagegen unter ihrem Zustand - und das manchmal über Jahrzehnte. Oft treten bei ihnen zusätzlich Depressionen auf. Ihr Serotoninspiegel normalisiert sich ohne Medikamente nicht, solange sie an ihren Zwängen leiden.
Johanna Rüschoff, Stand vom 30.07.2011
Sendung: Zwangsstörungen - Wenn Waschen zur Krankheit wird , 05.07.2011





