Welche Zwangsstörungen gibt es?
Wasch- und Reinigungszwänge
Am häufigsten leiden Zwangsgestörte an Wasch- oder Reinigungszwängen, wobei Frauen häufiger davon betroffen sind als Männer. Diese Patienten haben eine panische Angst und ein tiefes Ekelgefühl vor Verunreinigungen. Überall vermuten sie Spuren menschlicher Körperflüssigkeiten. Sie können sich deshalb nicht auf Stühle setzen, die zuvor von anderen benutzt wurden, geschweige denn in einem Restaurant, am Arbeitsplatz oder bei Freunden die Toilette benutzen. Oft reicht es schon, dass sie in die Nähe eines vermeintlich schmutzigen Gegenstands kommen, etwas in die Hand nehmen sollen oder etwas vom Fußboden aufheben müssen, damit sie sich zutiefst unwohl fühlen.
Sobald die Betroffenen das Gefühl haben, beschmutzt oder gar verseucht zu sein, müssen sie sich und ihre Umgebung in einer ritualisierten Handlung waschen und desinfizieren. Sie säubern stundenlang Hände, Arme und alle als schmutzig empfundenen Körperteile, ohne dass sich bei ihnen ein Gefühl von Sauberkeit einstellt. Immer wieder müssen sie ihre Wäsche wechseln, Handtücher und Bettwäsche austauschen. Sie verbrauchen große Mengen an Seife, Duschgel und Shampoo sowie Desinfektionstücher und Einweghandschuhe. Da die Handschuhe mitunter zum zusätzlichen Schutz mehrfach übereinander getragen werden, kann der wöchentliche Bedarf schnell bei 500 Paar Einweghandschuhen liegen.
Kontrollzwänge
Die zweithäufigste Form von Zwängen ist der Kontrollzwang. Davon sind mehr Männer als Frauen betroffen. Diese Patienten leiden häufig unter der Befürchtung, dass sie dafür verantwortlich sind, wenn im Haus etwas Schreckliches passiert. Sie kontrollieren immer wieder Rechnungen oder selbst verfasste Briefe aus Angst, nachlässig gewesen zu sein, was in ihrer Vorstellung katastrophale Folgen haben kann. Sie sind häufig voller Schuldgefühle und kontrollieren immer wieder Elektrogeräte, Wasserhähne, Fenster oder Einrichtungen am Auto. Das geschieht durch Hingehen und Anfassen (offene Zwangshandlung) oder auch lediglich gedankliches Vorstellen, der möglicherweise unterlassenen Kontrolle (verdeckte Zwangshandlungen).
Menschen mit einem Kontrollzwang trauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr. Deshalb sind sie gezwungen, in ritualisierten Handlungen immer wieder zu prüfen und zu kontrollieren. Der Kontrollzwang erstreckt sich dabei nicht nur auf die eigene Wohnung oder das Auto. Im Prinzip kann alles dem Kontrollzwang unterworfen werden, mit dem die Patienten in Berührung kommen. Das betrifft natürlich auch den Arbeitsplatz, wo sich diese Patienten immer wieder versichern müssen, alles richtig zu machen.
Zählzwang
Zwangshandlungen werden mitunter auch von einem Zählzwang begleitet. Die Patienten meinen, ein bestimmtes Ritual 20, 30 Mal ausführen zu müssen, weil sie nur damit erreichen können, dass Angehörige von einem Unglück verschont werden. Das ritualisierte Zählen erinnert dabei an Formen des magischen Denkens, das in allen Kulturen verwurzelt ist. Wir klopfen dreimal auf Holz und wünschen jemandem toi, toi, toi. Auch die Zahl 7 hat solch eine archaische Bedeutung. Magische Zahlen dienen und dienten dazu, Unglück abzuwenden und sind letztlich in allen Religionen zu finden.
Die Bedeutung der Zahl und des Zählens wird häufig spontan entdeckt, denn es hilft dabei, Spannungen abzubauen und es erhöht das Kontrollgefühl. Wenn jemand das Gefühl hat, die 3 ist seine Glückszahl und die 13 bringt ihm häufig Unglück, dann richten Patienten mit einer Zwangsstörung danach ihre Handlungsrituale aus, um innere Spannungen abzubauen und ein Kontrollgefühl wiederzuerlangen.
Zwangsspektrumsstörungen
Wasch- und Kontrollzwänge in Verbindung mit einem Zählzwang sind die häufigsten Formen der Zwangserkrankung. Gemeinsam ist ihnen ein quälendes, unangenehmes Gefühl. Es gibt allerdings daneben auch Zwänge, die in Verbindung mit sogenannten Impulskontrollstörungen auftreten und die mit angenehmen, gar lustbetonten Gefühlen verbunden sind. Bei solchen Impulskontrollstörungen wird der Zwang häufig mit einer Sucht gleichgesetzt.
Formen des Kaufzwangs, der Kleptomanie, des Sammel- und Aufbewahrungszwangs oder des Spiel- oder Sexzwangs sind typische Impulskontrollstörungen und gehören nicht direkt zur Gruppe der Zwangserkrankungen, sondern werden unter dem Oberbegriff der Zwangsspektrumsstörung zusammengefasst. Dazu zählt auch die sogenannte Trichotillomanie, das krankhafte Haareausreißen, bei dem die häufig jungen weiblichen Patientinnen es als angenehm beschreiben, sich Haare auszuziehen, an ihnen zu knabbern, zu lutschen oder sie zu verschlucken.
Der Unterschied zwischen Zwangserkrankungen und Zwangsspektrumsstörungen ist vor allem im Hinblick auf die Therapie wichtig, da die Trichotillomanie anders behandelt werden muss als etwa ein Wasch- oder Kontrollzwang. Zur Gruppe der Zwangsspektrumsstörungen gehören auch die sogenannten Tics, wie man sie im Zusammenhang mit dem Tourette-Syndrom kennt. Sie lösen bei den Betroffenen unvorhersehbare schnelle Bewegungen der Arme aus, ein unkontrollierbares Lautieren, Grimassieren und Räuspern oder den Zwang, unflätige Worte von sich zu geben.
Ulrich Neumann, Stand vom 30.06.2011
Sendung: Zwangsstörungen - Wenn Waschen zur Krankheit wird , 05.07.2011








