Kulturgeschichte der Kuh
Planet Wissen (PW): Herr Werner, jemanden als "kuhäugig" zu bezeichnen, klingt abfällig. Warum eigentlich, Kühe haben doch sehr schöne Augen?
Florian Werner (F.W.): Ja, und die Augen einer Kuh sind nicht schon immer als hässlich empfunden worden. Die griechische Göttin Hera hatte sogar den Beinamen "boopis", "die Kuhäugige": Große rundliche Augen galten als Schönheitsideal. Aber noch bei den alten Römern wandelte sich das Bild und das Kuhauge wurde abgewertet. Das ist eine psychische Strategie des Menschen: Denn zur gleichen Zeit begannen die Römer mit der systematischen Zucht des Rindes. Der Mensch macht es sich so einfacher, wenn es ans Schlachten geht. Man sagt ja auch: Die Augen sind das Fenster zur Seele. Wenn man der Kuh aber abspricht, eine Seele zu haben, dann können wir sie auch leichter töten. Wir müssen dem Tier so nicht mehr auf Augenhöhe begegnen.
PW: Sie sagen: "Die Kuh hat das Leben der gesamten Menschheit bedeutend geprägt." Warum?
F.W.: Die Kuh hat es dem Menschen ermöglicht, sesshaft zu werden. Durch die Domestizierung der Kuh brauchte er sich nicht mehr auf eine gefährliche Jagd zu begeben. Sie gab Fleisch, Milch und Haut – also Leder. Und auch für den Ackerbau hat die Kuh eine entscheidende Bedeutung gehabt: Die Kuh konnte schwere Lasten ziehen und den Acker pflügen. Letztendlich haben wir es ihr zu verdanken, dass wir Hochkulturen bilden konnten.
PW: Die Kuh ist also quasi der Anfang von allem. Woran können wir das heute noch sehen?
F.W.: Zum Beispiel an den ersten Buchstaben des hebräischen und des griechischen Alphabets: Aleph und Alpha. Sie stellen – sehr stilisiert – einen Rinderkopf dar. Und viele Völker hatten die Vorstellung von einer Art "Urkuh": Die Ägypter glaubten, das Firmament über ihnen sei eine gewaltige Himmelskuh, deren Kopf so breit sei wie das Niltal. In der Fellzeichnung des Unterleibs sahen die alten Ägypter die Sterne. Auch in der germanischen Mythologie gibt es die Urkuh: Audhumla soll den Menschen mit ihrer warmen Zunge aus dem Eis geschleckt haben. Und die Sumerer suchten nach einer Erklärung dafür, warum Euphrat und Tigris über die Ufer traten: Sie fanden sie in der der Gottheit Nihil, der Mondgöttin in Kuhgestalt. Wenn sie sich mit dem Stiergott Enlil vereinigte, überschwemmten die zwei Flüsse das Land und machten es so fruchtbar. Die Kuh als Gottheit ist wirklich nicht selten.
PW: Und sie ist eine friedliche Gottheit!
F.W.: Ja, sie ist freundlich, gutmütig – und weiblich. Das hängt damit zusammen, dass die Kuh ein milchspendendes Wesen ist. Das Tier, das mit Frauen und Kindern zu Hause blieb und die Familie versorgte, während der Mann in den Krieg zog.
PW: Dass die heilige Kuh in Indien noch nicht ausgestorben ist, hat auch etwas mit ihrer Bedeutung als Versorgerin zu tun?
F.W.: Die Kuh spielt in der Landwirtschaft in Indien immer noch eine tragende Rolle, sie ist nach wie vor beim Ackerbau im Einsatz. Daher besagt eine Theorie, dass die Inder verhindern wollen, in schlechten Zeiten ihre "Traktoren" zu schlachten. Selbst wenn sie dann für eine Saison Hunger leiden müssen – weil sie eben nicht das Fleisch der Kuh essen – können sie so auf lange Sicht ihren Lebensunterhalt sichern. Eine andere Theorie besagt, dass sich die Inder mit der "Heiligsprechung" der Kuh von den Moslems absetzen wollten, die Kuh sei eine potente Waffe in einem religiösen Konflikt. So könne man mit dem Finger auf die "bösen Moslems" zeigen: Das sind die, die die heiligen Kühe schlachten. Das Verbot, Kühe zu töten, ist nämlich jünger als der Hinduismus selbst und entstand erst vor etwa 1000 Jahren.
PW: Aber die Kuh hat ja auch unseren westlichen Lebensstil beeinflusst. Was hat die Kuh mit dem Kapitalismus zu tun?
F.W.: Die Kuh hat diese Wirtschaftsform eindeutig mitgeprägt. Das sieht man schon an dem Wortstamm: Kapital kommt von caput – das lateinische Wort für Kopf beziehungsweise Rinderkopf. Die Grundprinzipien des Kapitalismus gehen auf den Viehhandel zurück: Man lässt den Handelspartner über den genauen Wert der Handelsware im Unklaren, um möglichst viel Profit zu erzielen. Ob die Kuh viel oder wenig Milch geben wird – man sieht es ihr nicht an. Das nennt man auch typischerweise Kuhhandel. Und auch die Pennunze, also das Münzgeld, kommt von pecus, was im Lateinischen für Geld, aber eben auch für Vieh steht. Es ist kein Zufall, dass einige der ersten Münzen einen Rinderkopf zeigten.
Sarah Weiss, Stand vom 29.09.2010
Sendung: Die Kuh - Heiligtum und Milchmaschine, 20.07.2012
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