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Hippies

Wie gerne wäre so mancher aus unserer karrierefixierten High-Tech-Gesellschaft einer von ihnen gewesen: ein Hippie. Doch wer waren die Blumenkinder, die heute zur Großelterngeneration gehören? Was wollten diese langhaarigen Ausgeflippten eigentlich, die wir von Fotos kennen, auf denen sie selbstgehäkelte bunte Pullover tragen, pfundweise mit Geschmeide behängt sind und uns die Finger zum Peace-Zeichen geformt entgegenstrecken?

Ein lächelndes Hippie-Paar sitzt mit einem kleinen Kind auf einer Wiese. Im Hintergrund sind weitere Hippies zu sehen. (Rechte: dpa)

Hippie-Familie bei einem Love-in

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Hippies, Freaks und Blumenkinder

Blumenkinder nennt man Hippies, weil die Begründer der Bewegung in den USA Ende der 60er Jahre den Begriff "Flower Power" prägen. Als Ausdruck des Protestes gegen die bürgerliche Gesellschaft symbolisieren Blumen das Ideal einer humaneren Welt. So stecken Demonstranten während der Studentenproteste 1966 an der Berkeley-Universität in Kalifornien den Soldaten der Nationalgarde Blumen in die Gewehrläufe und zünden so den Funken für das "Anti War Movement". Auch der Begriff "Freak" bekommt in dieser Zeit eine neue Bedeutung. Eigentlich werden damit behinderte oder missgebildete Menschen am Rande der Gesellschaft bezeichnet. Die Hippies erweitern den Begriff auf alle Außenseiter der Gesellschaft. Er wird zum Synonym für das Aussteigen aus der Bürgerlichkeit.

Zwei männliche Hippies haben große Blumenkränze auf dem Kopf und sind mit Ketten behängt. Ort: Central Park. Anlass: Osterfeier. (Rechte: dpa)

Blumenkinder im Central Park

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Das Wort Hippie hat seinen Ursprung in der amerikanischen schwarzen Jazz-Musiker-Szene. Hipster sind in den 40er und 50er Jahren, der Hochzeit der Rassendiskriminierung, die freien Musiker, die von einem Engagement zum nächsten tingeln und so am Rande der Gesellschaft existieren. Mit Hipster ist auch jemand gemeint, der den Durchblick hat, der die Zusammenhänge in einer verlogenen und heuchlerischen Bürgerlichkeit erkennt. Hip sein heißt, Bescheid zu wissen. Die zwangsläufig freie Lebensweise der Hipster findet viele Nachahmer. Doch mit der ausgeprägten Protesthaltung und dem paradoxerweise aggressiven Streben nach Frieden, Liebe und Glück wollen die Hipster nichts zu tun haben. Um sich abzugrenzen, erfinden sie den Begriff Hippies.

Demonstranten mit Totenkopfmasken laufen auf einer langen Straße. Einer von ihnen spielt auf einer Trommel. (Rechte: dpa)

Demo gegen den Vietnam-Krieg in New York

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Make Love, Not War! Hippies in Amerika

Die Hippie-Bewegung fällt in Amerika in die Amtszeit von Lyndon B. Johnson. Direkt nach der Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963 schwört der bisherige Vizepräsident den Amtseid als 36. Präsident der USA. 1968 verzichtet er auf eine Wiederwahl. Zuviel ist während seiner Amtszeit aus dem Ruder gelaufen. Der Krieg in Vietnam ist eskaliert, ebenso wie die Rassen- und Studentenunruhen im eigenen Land. Viele Amerikaner lehnen das US-Bombardement auf Vietnam ab, die Bevölkerung ist stark polarisiert.

"Make Love, Not War!" Mit den Hippies blüht eine massive Antikriegsbewegung auf, die sich über die Grenzen der USA ausweitet. Wie im August 1963, als Martin Luther King 250.000 Menschen an seinem Traum von der Gleichheit zwischen Schwarz und Weiß teilhaben lässt, beginnt der studentische "March on the Pentagon" am 21. Oktober 1967 am Lincoln Memorial Denkmal in Washington. Rund 120.000 Demonstranten stoßen auf eine Mauer von bewaffneten Polizisten vor dem Verteidigungsministerium. Das Foto, auf dem die Demonstranten Blumen in die Gewehrläufe der Polizisten stecken, geht um die ganze Welt. Im Laufe des Marsches auf das Pentagon stecken Studenten auf Höhe des Börsengebäudes Dollarnoten in Brand. "Geld ist eine Droge", rufen sie und empfehlen: "Rollt euch Joints aus den Scheinen und raucht sie!" Eine Demonstration ähnlichen Ausmaßes findet im August 1968 in Chicago statt, als 500.000 GIs in Vietnam im Einsatz stehen und Präsident Johnson die allgemeine Wehrpflicht einführt.

Ein Hippie-Mann und eine Hippie-Frau, beide mit langen Haaren und in grellbunten Jacken, sie mit großem schwarzen Schlapphut, nehmen 1967 an einem Happening im englischen Woburn Abbey teil. (Rechte: dpa)

Englische Hippies bei einem Happening

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Ohne BH für Freiheit und Gerechtigkeit

Meist wird friedlich protestiert, nicht nur gegen den Krieg, sondern auch gegen überkommene gesellschaftliche Werte. Genaue Ziele sind dabei weniger wichtig, die stecken sich nach Ansicht der Hippies ohnehin nur obrigkeitshörige Spießer. Es gilt vor allem, der Elterngeneration etwas entgegenzusetzen, wenn die konkrete Idee auch in diffusem Nebel schlummern mag. Ohne Büstenhalter, dafür aber mit Blumen im Haar und bunten Stirnbändern, demonstrieren die Hippies vorsorglich auch gleich für die Freiheit des Individuums, die sexuelle Befreiung und soziale Gerechtigkeit. 1967 wird der "Summer Of Love" ausgerufen, und Hunderttausende von Hippies treffen sich in New York und San Francisco, aber auch in London und Berlin zu "Sit-ins", "Be-ins" und "Love-ins". Um das Vordringen in angeblich tiefere Bewusstseinssphären zu erleichtern, kreisen Haschpfeifen. So viele junge Menschen, die kollektiv Drogen konsumieren, gab es noch nie. LSD und Heroin kommen in Mode, hin und wieder werden die Drogen kostenlos und massenhaft bei Konzerten und anderen Hippie-Treffen verteilt.

Das Anliegen der Hippies fasst auch anderswo Fuß, nicht immer friedlich. Es gibt Studentendemonstrationen, Kundgebungen und schwere Krawalle in China (Kulturrevolution 1965), Frankreich, Italien, Polen und Jugoslawien und vielen anderen Ländern. Zentrum der Jugendbewegung im Osten Europas ist der Prager Frühling. Sowjetische Panzer rollen 1968 in die Tschechoslowakei (CSSR) ein und setzen der aufblühenden Freiheit für die nächsten Jahrzehnte ein Ende.

Fünf Polizisten tragen einen verletzten Kollegen von einer Demonstration vor dem Gebäude des Berliner Landgerichts weg. Im Hintergrund sieht man Autos mit Wasserwerfern. (Rechte: dpa)

Gewalttätige Studentenunruhen in Berlin 1968

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Zwischen APO und Kommune - die deutschen Blumenkinder

In Deutschland ist die Jugendbewegung der 60er Jahre von Anfang an - stärker als in den USA - politisch geprägt und von Studenten dominiert. Natürlich steht auch Amerika mit seinem Krieg gegen Vietnam auf der Liste der potentiellen Feinde. Doch es gibt noch mehr Fronten des Protestes. Während man sich von den amerikanischen Besatzern, die sich als die Retter Deutschlands aufspielten, loszusagen versucht, gilt es auch, mit den Eltern abzurechnen, die Hitler und den Zweiten Weltkrieg möglich gemacht hatten. Zumal viele ehemalige Nazi-Funktionäre in den 60er Jahren wieder an den Schalthebeln der Macht sitzen. 1967 wird vor allem gegen den Besuch des Schahs von Persien demonstriert. Es kommt zu Ausschreitungen, während derer der Student Benno Ohnesorg von der Polizei erschossen wird.

Die APO, Außerparlamentarische Opposition, gründet sich 1968 als Versuch, eine neue Linke zu definieren. Aus dem "Marsch durch die Institutionen" gehen später dogmatisch verhärtete Gruppen wie Maoisten und Trotzkisten hervor. 1968 wird zunächst gegen die Notstandsgesetze demonstriert, die als Grundlage der zivilen Verteidigung die Einschränkung von Grundrechten wie zum Beispiel das der körperlichen Unversehrtheit oder der Freiheit der Person ermöglichen. Die Situation eskaliert, als im April 1968 der Studentenführer Rudi Dutschke durch ein Attentat eines geistig Verwirrten schwer verletzt wird. Das Attentat führt zu schweren Ausschreitungen, das Hochhaus von Axel Springer, der in seinen Zeitungen mehrfach gegen Dutschke gehetzt hat, wird in Brand gesteckt.

Neben den politischen Zielen stehen bei den deutschen Hippies alternative Lebensformen im Mittelpunkt. Kommunen nennen sie die ersten Wohngemeinschaften, die Mitte der 60er Jahre in Berlin entstehen. Die erste Kommune, die von sich reden macht, ist die "Kommune 1". Prominenteste Mitglieder sind Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Uschi Obermeier. Bürgerliche Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit und Anpassung bleiben vor der Wohnungstür. Mit Gruppensex, kollektivem Drogenkonsum und bewusster Unsauberkeit wird dem Spießertum mit seiner Triebunterdrückung und Leistungsorientierung etwas entgegengehalten. Eine Taktik, die den nach neuen Werten suchenden Jugendlichen von der schockierten Öffentlichkeit Schimpfwörter wie Gammler, Langhaarige oder Asoziale einbringt. Viele Zeitungen, vor allem die Springer-Presse, schießen sich auf die "verwahrlosten, schmutzigen und unmoralischen Kommunarden" ein. In der 1968 gegründeten "Kommune 2" führen die Hobby-Psychologen das Wort. Wem es schlecht geht, der muss dies in stundenlangen Diskussionen ausführlich erläutern und begründen.

Plakat zum Film 'Woodstock'. Der Text lautet: 'Woodstock. Drei Tage des Friedens der Musik und der Liebe.' Zu sehen sind ein gezeichneter Gitarrenhals mit einer weißen Taube darauf und eine Masse von Konzertbesuchern. (Rechte: Warner Columbia)

Woodstock war ein Jahrhundert-Ereignis

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Love, Peace und Happiness - Woodstock prägt eine Generation

Ein Festival, das durch prompte anschließende Vermarktung zum alles überstrahlenden Synonym für die Love-Generation wird, ist das Woodstock-Festival vom 15. bis 17. August 1969. Bauer Max Yasgur stellt in der Nähe der Künstlerkolonie Woodstock bei Bethel im Staat New York seinen Acker für dieses Freiluft-Rock-Konzert zur Verfügung. Fast eine halbe Million Menschen kommen, und unter dem Einfluss von Regen und Menschenmassen verwandelt sich der Acker rasch in eine gigantische Schlammkuhle. Nahezu alle, die bei Woodstock auf der Bühne stehen, von der Liedermacherin Joan Baez über The Who, Crosby, Stills, Nash & Young und Janis Joplin bis zu Santana, Joe Cocker und Jimi Hendrix, sind Idole der Hippie-Ära. Ein anderes Festival, das ganz im Zeichen von "Music, Love & Flowers" steht, ist das Monterey Pop Festival im Sommer 1967. Unter anderem werden Janis Joplin und Jimi Hendrix hier gefeiert.

Ebenso wie der Drogenkonsum spielt die Musik eine wichtige Rolle für die Hippie-Bewegung. Sie drückt das Lebensgefühl dieser Generation aus und hilft das neue Bewusstsein zu reflektieren. Drogen gehören immer dazu. So verteilt die Band Grateful Dead vor ihren Konzerten kostenlose LSD-Trips an ihre Fans, um dann in stundenlangen Improvisationen gemeinsam zum "Dark Star", einer ihrer psychedelischen Paradenummern, zu fliegen.

Jim Morrison, Sänger der Doors, verkörpert perfekt die Tabulosigkeit, sexuelle Befreiung und politische Revolte jener Jahre. Um zu schockieren, verbrennt er die amerikanische Flagge und entblößt auf der Bühne seine Genitalien. Ebenso wie Jimi Hendrix und Janis Joplin, aber auch wie Al Wilson von Canned Heat, Tommi Bolin von Deep Purple, Sid Vicious von den Sex Pistols und viele andere fällt auch Morrison dem exzessiven Lebensstil des Rock'n'Roll zum Opfer. Andere schaffen es später, ihre Drogensucht zu bezwingen. Beispiele dafür sind Eric Clapton, Keith Richards von den Rolling Stones, Joe Cocker, Marianne Faithful und Lou Reed.

Bei einer Open-Air-Modenschau in der Londoner Fulham Road im Jahr 1967 präsentieren Models die neueste Mode der Flower-Power-Generation: Lange Kleider, Blusen mit Fledermausärmeln und opulenten Stickereien. (Rechte: dpa)

Hippie-Mode wird salonfähig

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Hippies lassen grüßen

1969 scheitert die Studentenbewegung an ihrem eigenen Prinzip der Meinungsvielfalt. Sie zersplittert ideologisch und organisatorisch. Mit ihr und mit der einsetzenden massenhaften Vermarktung von Hippie-Werten beginnt die Talfahrt dieser Jugendbewegung. Hippiemode wird in den 70ern ebenso salonfähig wie die Musik nun durch cleveres Marketing den Geschmack der breiten Masse trifft.

Aus heutiger Sicht haben die Hippies für einen kurzen, aber heftigen Ruck in der Gesellschaft gesorgt. Vieles, was Ende der 60er eher diffus und ziellos angedacht war, wirkt sich heute noch positiv auf unsere Gesellschaft aus. Neue Erziehungsstile haben sich dank des Reformgeistes von damals etabliert. An die Stelle elterlicher Gewalt ist die elterliche Sorge getreten. Sexuelle Freiheit - auch gleichgeschlechtliche Liebe - ist sehr viel selbstverständlicher geworden. Die Friedens-, Öko- und Antiatomkraft-Bewegung der 80er Jahre hat ihre Wurzeln in der 68er Generation, ebenso wie die Politik der Grünen. Wohngemeinschaften, Frauenemanzipation und Jeanshosen sind so normal für unsere Gesellschaft wie die Vielfalt von individuellen Lebensformen und Lebensstilen.

Corinna Watschke, Stand vom 01.06.2009

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