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Abitur - Die Reifeprüfung

"Wat is en Dampfmaschin?", fragte Professor Bömmel die Abiturienten in Heinrich Spoerls berühmtem Pennäler-Roman "Die Feuerzangenbowle". Nicht immer geht es so lustig zu in den langen Jahren auf den Schulbänken der Gymnasien. Aber das bestandene Abitur war zu allen Zeiten ein Grund zum Feiern. "Abgehen" bedeutet das neulateinische Wort "abiturire". "Matura", die Reifeprüfung, wird sie auch genannt. Reif für das Studium sollen die Schülerinnen und Schüler sein. Aber auch bereit fürs Leben?

Der Beitrag zeigt die Vorbereitungen von Schülerinnen und Schülern des Hildegard-von-Bingen-Gymnasiums in Köln für ihre Abiturfeier. Drei junge Frauen basteln exotische Tiere aus Pappmaché, zwei junge Männer planen den Abi-Ball. Eine Forscherin äußert sich zu den Abi-Bräuchen. (Rechte: WDR / Autor: Thomas Görger)

Abi-Streich 2004 (3'03 ")
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Die Erfindung der Reifeprüfung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts strömten in Preußen die Söhne des aufstrebenden Bürgertums an die Universitäten, um dem Militärdienst zu entgehen. Als Soldat erwartete sie keine große Zukunft, denn Offizier konnten nur Adelige werden. Mit einem Studium dagegen genoss man großes Ansehen. Für die Aufnahme an der Hochschule genügte ein einfaches Empfehlungsschreiben des Lehrers. Damit begab sich der fertige Gymnasiast zur Universität seiner Wahl, wurde vom Dekan eine halbe Stunde auf Lateinisch interviewt und war dann in den meisten Fällen ein gut bezahlender Student. Die Universitäten füllten sich, das Niveau sank.

Drei junge Frauen freuen sich über ihre Abitur-Zeugnisse. (Rechte: dpa)

Abi bestanden!

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Die preußische Regierung reagierte: "Es ist daher beschlossen worden, dass künftig alle von öffentlichen Schulen zur Universität abgehende Jünglinge schon vorher auf der von ihnen besuchten Schule (...) öffentlich geprüft werden, und nachher ein detailliertes Zeugniß über ihre bey der Prüfung befundene Reife oder Unreife zur Universität erhalten sollen..." So heißt es im Abiturreglement von 1788, mit dem Preußen als erstes deutsches Land das Abitur einführte. Große Konzequenzen hatte diese neue Reifeprüfung zunächst jedoch nicht, da sich Schulabgänger nach wie vor auch ohne Abitur an den Universitäten einschreiben konnten.

In den Folgejahren wurde die Idee einer Zugangsprüfung für die Universität weiterentwickelt, unter anderem von Wilhelm von Humboldt, dem Leiter der preußischen Kultus- und Bildungsverwaltung. Nach seinen Ideen wurde 1812 das Abitur neu gestaltet und erstmals genau festgelegt, welche Inhalte überprüft werden sollten. Doch erst 1834 wurde das Abitur als Voraussetzung für ein Studium festgeschrieben.

Vom Kirchenlehrer zum Beamten

Die Bildung der Kinder wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr Sache des Staates. Bis dahin war Schule noch ein Privileg weniger. Es gab zwar seit 1763 erste Ansätze für die Einführung einer Schulpflicht und auch einige Elementar- oder Volksschulen, aber für viele Kinder war es in der Realität gar nicht möglich sie zu besuchen. Das Gymnasium als einzige weiterführende Schulform besuchten nur die Söhne der oberen Gesellschaftsschichten. Latein und Griechisch waren die Hauptfächer, unterrichtet wurde von Geistlichen. Schule stand im Dienste der Kirche. Um dies zu ändern, musste sich auch das Berufsbild des Lehrers verändern. Zusammen mit dem Abitur-Examen führte Humboldt deshalb auch eine Lehrerausbildung ein. Der Lehrer als Beamter, als Staatsdiener entstand. Im Laufe des Jahrhunderts wurde das gesamte Schulwesen verstaatlicht und fast überall die allgemeine Schulpflicht eingeführt. 1899 konnte endlich auch die erste junge Frau die Reifeprüfung ablegen.

Alle diese Veränderungen im Schulwesen garantierten allerdings nicht die Qualität der Bildung. Schule stand nun im Dienste des autoritären preußischen Staates. Die Kinder sollten zu gehorsamen und kaisertreuen Untertanen erzogen werden.

Schwarzweiß-Aufnahme: Ein Junge trägt ein Gewehr, im Hintergrund Soldaten. (Rechte: dpa)

Vom Gymnasium direkt in den Krieg

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Schulung des Nationalbewusstseins

"Warum lieben wir unser Volk mehr als andere Völker?" - so lautete das Thema für einen Abitur-Aufsatz Ende des 19. Jahrhunderts. Durch seine Lehrer und die Auswahl der Inhalte kontrollierte der Staat die Ausbildung seiner Jugend. Im Jahre 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges lautete an vielen Schulen das Thema für den Abituraufsatz: "Süß ist es und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben". Und die Gymnasiasten sangen brav das Loblied der Nation: "Mit einem Schlag hatte die kraftvolle deutsche Faust den Übermut des französischen Heeres gestraft", schrieb ein Schüler. Im Ersten Weltkrieg kehrte dieses Thema wieder. Der Krieg wurde auch an den Schulen vorbereitet.

In der Zeit des Nationalsozialismus stand die Bildung vollends unter dem Einfluss der Politik und der herrschenden Ideologie. Sport stand an erster Stelle, man las NS-Schriftsteller, im Biologieunterricht wurde die Rassenlehre gelehrt. Jüdische Lehrer und Schüler waren längst ausgeschlossen. Nicht selten wurde ein Zitat aus Hitlers "Mein Kampf" im Abitur zum Thema gestellt. 1939 schrieben fast alle Abiturienten im Deutschaufsatz über das Thema "Der Totale Krieg". Viele der Schüler konnten es kaum erwarten, als Soldaten an die Front zu ziehen. Wie schon im Ersten Weltkrieg erhielten sie ein so genanntes Notabitur, um schneller fürs Vaterland sterben zu können.

Schwarzweiß-Foto einer Schulklasse in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. (Rechte: dpa)

1947 - der Unterricht geht weiter

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"Ein Referat über Freiheit"

Nach dem Zweiten Weltkrieg lautete ein Abiturthema: "Was fordert die heutige Zeit von uns?" Nicht nur die Gebäude, auch die Bildungsinhalte mussten neu errichtet werden. Es fehlte an Lehrern, die Erfahrungen mit Demokratie hatten. Viele waren noch in ihren alten Ansichten gefangen. An den Gymnasien verließ man sich deshalb auf altbewährtes - die Klassiker kehrten zurück. Goethe, Schiller, Shakespeare wurden aus sich selbst heraus interpretiert, denn über Politik, Vergangenheit und die Gegenwartsliteratur schwieg man lieber.

Die gesetzliche Regelung der Bildung wird 1949 im Grundgesetz der neuen Bundesrepublik verankert. "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates", heißt es dort in Paragraph 1, Artikel 7. Die Schulaufsicht und damit die Ausformung der Gymnasien obliegt aber den einzelnen Bundesländern. Die Abiturienten schrieben in den sechziger Jahren über die Emanzipation der Frau, die Remilitarisierung, das Wirtschaftwunder. 1965 stand auf den Prüfungsbogen in Bremen: "Ein Referat über Freiheit, gehalten vom Abiturienten vor einer Gruppe Jugendlicher aus der DDR". Im anderen Teil Deutschlands schreibt man über Lenin-Zitate. Wieder ein Krieg, diesmal ein kalter. Aber in der Bundesrepublik war das Abitur viel wert. Keine Beschränkungen verhinderten den Zugang zu den Universitäten. Die Abiturienten konnten Ort und Fach frei wählen. Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt waren glänzend. In Deutschland mangelte es damals sogar an eigenen Arbeitskräften, rund 270.000 Gastarbeiter wurden ins Land geholt.

Eine Klasse beim Abitur, jeder sitzt an einem eigenen Tisch. (Rechte: dpa)

Zentrales Schwitzen in Baden-Württemberg

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Reformen und viele Formen der Reifeprüfung

Nach dem Sturm im Bildungssystem durch die Studentenunruhen Ende der 60er Jahre wird auch das Abitur neu gestaltet. Die Kultusministerkonferenz beschließt 1972 die "reformierte Oberstufe". Die altbekannten Schulfächer wie Deutsch, Mathe, Geschichte, Kunst, Chemie, Sport usw. heißen jetzt Kurse, statt Noten gibt es Punkte. Die Schülerinnen und Schülern können Schwerpunkte auswählen, in denen sie dann entsprechend mehr Unterricht erhalten und auch im Abitur geprüft werden. Ganz frei ist die Wahl jedoch nicht: Die wichtigsten Fächer – dazu zählen Deutsch und Mathe – müssen in irgendeiner Form von allen belegt werden. Das Abitur-Examen besteht in der Regel aus vier Fächern, dreimal müssen die Abiturienten eine "Klausur" schreiben, einmal geht es in die gefürchtete mündliche Prüfung. Die Gesamtnote, die entscheidende Abitursnote, das was von dreizehn Jahren Schule unterm Strich übrig bleibt, setzt sich aus den Ergebnissen dieser Prüfung und den Punkten der verschiedenen Kurse der Schuljahre 12 und 13 zusammen.

Diese Reform wurde noch mehrfach reformiert. Die einzelnen Bundesländer haben eigene Regeln entwickelt. So müssen sich etwa in Bayern alle Abiturienten eines Jahrgangs mit den gleichen Prüfungsfragen auseinandersetzen, hier herrscht das so genannte Zentralabitur. In manchen Bundesländern wird schon nach zwölf Schuljahren geprüft. Eine neue Diskussion entsteht über die Vergleichbarkeit der Abschlüsse in Deutschland.

Schüler halten ein Plakat mit der Aufschrift Mehr Menschlichkeit an Schulen hoch. (Rechte: dpa)

Wonach sich deutsche Schüler sehnen

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Reif für den Arbeitsmarkt oder reif fürs Menschsein?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schwitzen und zittern die Abiturienten wie ehedem bei ihrer Reifeprüfung. Aber das Abitur hat seinen Mythos verloren. Wie unter Humboldt sind die Universitäten überfüllt, der Zugang wird nun über die Note des Abiturs geregelt, nur die Besten dürfen studieren. Jedoch platzen heute auch die Gymnasien aus allen Nähten. Niemandem kann der Besuch verweigert werden. Alle Eltern möchten ihrem Kind den höchsten Schulabschluss ermöglichen, weil sie wissen, dass fast nur so eine Chance auf dem schwierigen Arbeitsmarkt besteht. Die Realschulen als Vorbereitung für eine Berufsausbildung haben an Bedeutung verloren, mindestens ein Fachabitur wollen viele Firmen sehen. Viele holen deshalb ihr Abitur auf dem so genannten zweiten Bildungsweg nach. Hauptschülerinnen und -schüler gelten auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar. Der Druck auf die Jugendlichen wächst.

Und ein weiteres Problem besteht: Das Wissen der Menschheit ist in einem Maße angewachsen, dass es unmöglich geworden ist, alles zu lernen und zu lehren. Was gehört also ins Abitur? Die Reifeprüfung steht vor neuen Anforderungen. Die Fehler der Vergangenheit will man nicht wiederholen. Gymnasien sollen nie wieder ideologische Kriegsschulen werden, im demokratischen Grundverständnis müssen alle Lernziele verankert sein. Und alle jungen Menschen mit Abitur sollen neben fachlichem Wissen auch soziale Kompetenz und menschliche Reife gelernt haben.

Julia Lohrmann, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die Schule von morgen - Lernen in der Zukunft, 25.06.2008

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