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Lesen

"Ein Zimmer ohne Bücher ist wie ein Mensch ohne Seele" – sagte der römische Dichter Cicero. Seelenlose Kinder müssten wir heute demnach beklagen. Denn es gibt Jugendliche, die noch nie ein Buch gelesen haben. Das Leseverständnis der deutschen Schülerinnen und Schüler sei miserabel, bescheinigte 2003 auch die PISA-Studie. Wie können die Kinder die Leselust und die Geschichten zurückbekommen?

Ein Gemälde von Johann Wolfgang von Goethe. (Rechte: dpa)

Goethe - Stammgast in deutschen Schulen

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Die Freuden des Lesens

Lesen ist eine einmalige Fähigkeit des Menschen, ein Privileg. Es sei erstaunlich, dass wir diesen außerordentlich komplexen Prozess überhaupt erlernen können, staunen Hirnforscher. Beim Lesen werden viele Teile des Hirns gleichzeitig aktiviert und zeitlich genau koordiniert. Auch die Psychologie begeistert sich für das Lesen, weil es dem sehr nahe kommt, was als Glückserleben definiert wird: die versunkene Hingabe bei der Lektüre eines guten Buches, das veränderte Zeitgefühl, die Überwindung der beengenden Ich-Grenze. Unterdrückte oder benachteiligte Personen könnten zudem durch das Lesen lernen, sich eine bessere Welt vorzustellen und um ihre Verwirklichung zu kämpfen. Der Wiener Logotherapeut Victor E. Frankl spricht sogar vom Buch als Therapeutikum und belegt die Heilkraft des Lesen aus seiner langen ärztlichen Erfahrung.

Ein Junge liegt in einer gelben Blumenwiese und liest. (Rechte: dpa)

Ein unschlagbares Vergnügen

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Auch der praktische Nutzen des Lesens ist beachtlich. Ohne die Beherrschung dieser Kulturtechnik könnten wir in unserer komplexen Welt nur schwer bestehen. Wissenschaftler der Universität Ottawa in Kanada haben den ökonomischen Wert des Lesens erforscht: Sie stellten einen Zusammenhang fest zwischen der Lesefähigkeit der 17- bis 25-Jährigen und dem Wirtschaftswachstum in der nächsten Dekade.

Die deutsche Stiftung Lesen in Mainz wirbt für das Lesen als billigster und wirkungsvollster Bildungsinvestition: Lesen fördere den Spracherwerb, biete Gesprächsanlass, erweitere das Weltbild und rege das Kind dazu an, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Bücherverbrennung im Dritten Reich: Eine Menschenmenge und ein brennender Scheiterhaufen aus Büchern. (Rechte: dpa)

Vernichtung von geistigen Schätzen

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Der gefürchtete Literaturkanon

Pädagogen, Bildungsforscher und andere Experten versuchen immer wieder, eine Liste von solchen Büchern zusammenzustellen, die die gewünschten Effekte erzielen. "Kanon" ist ursprünglich ein Begriff der Kirche. Er bezeichnet eine Sammlung von Schriften, an dem sich die Kirchen-Lehrlinge schulen konnten, indem sie sie abschrieben und auswendig lernten. Diese Art von Pflichtlektüre entwickelte sich weiter für den Schulunterricht. In den Schulen sollen den Kindern die Geschichten vermittelt werden, die den Geist im Sinne der vorherrschenden Ideologie formen. Im nationalsozialistischen Deutschland mussten die Schüler nationalsozialistische Literatur lesen und Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf". Viele Werke großer deutscher Schriftsteller wie etwa Heinrich Heines wurden als "undeutsch" gebrandmarkt, weil sie nicht der Rassenideologie der Nationalsozialisten entsprachen. Viele Bücher wurden aus den Schulbibliotheken entfernt und fielen der Bücherverbrennung zum Opfer.

Heute soll der Literaturkanon solche Werke enthalten, die kulturell besonders wertvoll und für die Bildungsabsicht im Sinne der Demokratie geeignet sind. Je nach Bundesland erarbeiten Gremien aus Literaturwissenschaftlern und Lehrern Vorschläge, die dann als Empfehlungen in den Lehrplänen der verschiedenen Schulen auftauchen. Der Schulkanon sorgt immer wieder für Diskussionen: Während Goethes "Faust" unumstritten ist, geht die Meinung über viele andere Autoren weit auseinander. Oft kritisiert wird auch der geringe Anteil an Frauen auf der Liste der Pflichtlektüre.

Auch außerhalb der Schule sind Listen der wirklich wichtigsten Werke der deutschen Literatur für jedermann stark im Trend. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki etwa hat 20 wichtige Romane zusammengestellt, "Die Zeit" eine Schülerbibliothek mit 50 Titeln und die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte 100 Romane des 20. Jahrhunderts in einer Sonderedition.

Harry Potter, ein Junge mit Nickelbrille, dreckverschmiertem Gesicht und Zauberumhang, steht in einem dunklen Gewölbe. Zu seiner Rechten zweigt ein langer Gang ab. (Rechte: dpa)

Harry-Potter-Bücher machen süchtig - finden nicht nur Kinder

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Rückkehr der Bücherwürmer

Selten sind solche Listen oder gar die Schule der Grund für begeistertes Lesen. Im Gegenteil: Bei den schulischen Zerpflückungen der Klassiker aus dem Literaturkanon vergeht vielen der Spaß. Lesen wird zur Pflicht statt zum Vergnügen. Was macht die Schule falsch? Und andererseits: Warum lesen einige Jugendliche trotzdem leidenschaftlich gern? Eines hat die Leseforschung sicher herausgefunden: Die beste Lese-Motivation für Kinder sind Eltern, die vorlesen, und Omas, die Geschichten erzählen. Die Leselust fängt bei Kleinkindern an. Kinder, die ohne Bücher aufwachsen, können auch später nur schwer zu Viellesern werden. In England gibt es deshalb eine bemerkenswerte Initiative: Nach der Geburt ihres Kindes erhalten die Eltern eine Stofftasche mit zwei Babybüchern, einer Anleitung zum Vorlesen und einer freien Mitgliedschaft in der örtlichen Bücherei. Die Zahl der vorlesenden Eltern ist seitdem auf über 90 Prozent gestiegen.

In Deutschland versucht man auf anderen Wegen die Kinder wieder zum Buch zu bringen, etwa durch Lese-Initiativen mit Vorlese-Wettbewerben, Buchtipps für alle Altersklassen, Lesereisen von Prominenten und mehr. Viele Bibliotheken stellen Bücherkisten zur Verfügung und organisieren Begegnungen mit Kinderbuchautoren. In einigen Bundesländern gibt es Vorlese-Paten, die lesewilligen Erwachsenen in speziellen Kursen die Kunst des Vorlesens beibringen. Wichtig ist auch die Hilfe im Dschungel der jährlichen Neuerscheinungen. Der Arbeitskreis Jugendliteratur verleiht deshalb jedes Jahr den Deutschen Jugendbuchpreis. Jugendliche lesen Abenteuergeschichten meistens viel lieber als die realistischen Problemerzählungen aus dem Schulkanon. Harry Potter etwa ist ein zauberhafter Lese-Magnet.

Julia Lohrmann, Stand vom 01.06.2009

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