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Kleine Geschichte der Gedächtnismodelle

Über die Frage, wie das Gedächtnis funktioniert, grübeln die größten Denker seitdem wir schriftliche Zeugnisse besitzen. Die Kernfrage lautet: Wie werden Eindrücke, die vollkommen aus dem Bewusstsein verschwunden sind, gespeichert und möglicherweise erst nach Jahrzehnten wieder aktiviert? Dabei orientieren sich die Philosophen und Wissenschaftler gern an den zu ihrer Zeit gebräuchlichen "Aufschreibtechniken", um eine Vorstellung von der Arbeitsweise des Gedächtnisses zu entwickeln.

Eine schematische Darstellung des menschlichen Gehirns. (Rechte: Mauritius)

Wie funktioniert unser Gedächtnis?

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Die Wachstafel

Platon bezog sich auf die zu seiner Zeit übliche Technik, Notizen in Form von Wachs- oder Tontäfelchen aufzubewahren. Er glaubte, dass sich in unseren Seelen etwas befände, das wächserne Eigenschaften habe: "Was sich nun abdrückt, daran erinnern wir uns. Wurde es aber gelöscht oder konnte es auch gar nicht eingedrückt werden, so vergessen wir die Sache und wissen sie nicht." Die Analogie vom Eindrücken hat sich in der Sprachgeschichte etabliert. So sprechen wir im Deutschen von starken Eindrücken oder eindrucksvollen Erlebnissen, wenn wir uns an etwas besonders gut erinnern. Und auch das englische Wort "impressions" ist auf die alten Aufschreibsysteme Wachs- und Tontafel zurückzuführen.

Porträtbüste des griechischen Philosophen Platon. (Rechte: AKG)

Für Platon war das Gedächtnis wie eine Wachstafel

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Noch klarer hat sich die Wachstafel mit einer lateinischen Wendung in der Geschichte der Gedächtnismodelle verankert: als "Tabula rasa" (die abgeschabte Tafel). Von der Antike bis in die heutige Zeit wird der Begriff von Philosophen, Anthropologen und Psychologen verwendet, wenn es um die Frage geht, ob der Mensch mit gewissen Erinnerungen auf die Welt kommt oder ob sein Gedächtnis vollkommen leer ist: eben wie eine Tabula rasa. Letztere Auffassung vertritt zum Beispiel die bedeutende psychologische Schule des Behaviorismus. Anhänger anderer Denkrichtungen gehen davon aus, dass es so genannte Archetypen gibt, Bilder und Vorstellungen, die allen Menschen eigen sind und die nicht gelernt werden müssen.

"Software" des Gedächtnisses

Das Aufschreibsystem Wachstafel ist in der Kulturgeschichte konkurrenzlos erfolgreich, wenn es um die Erklärung von Gedächtnisfunktionen geht, und es reicht in der Geschichte von Platon bis zum "Wunderblock" von Sigmund Freud. Viele Denker bemühten sich allerdings gar nicht darum, das Gedächtnis selbst, also seine "Hardware", materiell zu verstehen. Sie interessierten sich vielmehr für seine Funktionsweise, im übertragenen Sinne seine "Software". Eine mächtige Figur in dieser Geschichte war der italienische Naturphilosoph Giordano Bruno (1548 bis 1600). Er entwickelte die Vorstellung, dass das Gedächtnis wie ein "zellulärer Automat" arbeitet.

Sein berühmtestes Muster besteht aus konzentrischen Ringen, die sich nach außen hin in immer feinere Segmente aufteilen. In diesen Segmenten sind die Gedächtnisinhalte sortiert. Logische Ketten führen von innen, von den grundlegenden Begriffen über immer weitere Differenzierungsschritte nach außen. Eine solche Kette könnte lauten: Nahrung - Früchte - Apfel - Golden Delicious. Tatsächlich hat Bruno mit seinen Thesen bis in die moderne Entwicklung von Datenbanken und Expertensystemen hineingewirkt.

Eine Computer-Festplatte. (Rechte: WDR/AP)

Ist das Gedächtnis vergleichbar mit einer Computer-Festplatte?

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Gedächtnis und Computer

Erst im 20. Jahrhundert entwickelte sich mit der Speichertechnik des Computers wieder ein "Aufschreibsystem", das die Vorstellung von der Arbeit des Gedächtnisses ähnlich stark inspirierte wie die Wachstafel. Das Kurzzeitgedächtnis wird jetzt häufig mit dem flüchtigen Arbeitsspeicher des Computers verglichen. Dem Langzeitgedächtnis entspricht die Festplatte, auf der Daten dauerhaft abgelegt werden. Es gibt Versuche, die Speicherkapazität des Gehirns in Gigabyte anzugeben. Sie wird auf etwa 1,5 Millionen Gigabyte geschätzt. Diese Leistungsfähigkeit erreicht es durch die hohe Vernetzung der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn, von denen jede mit circa 10.000 Fortsätzen mit anderen Hirnzellen verschaltet ist. Auch hier drängt sich der technische Vergleich auf: Mit höherer Integration und Packungsdichte steigt die Leistungsfähigkeit von elektronischen Speicherchips.

Wie auch immer sich diese Modelle und Vergleiche entwickeln werden, sie bleiben Annäherungen. Denn die komplexe neurochemische, neuroelektrische und physiologische Gedächtnistechnik des Gehirns wird sich wohl nie ganz mit einem einfachen Modell beschreiben lassen.

Frank Wittig, Stand vom 23.11.2011

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