Reformvorschläge: Ganztagsschulen statt verschiedene Schulformen
Planet Wissen (PW): Was muss sich Ihrer Meinung nach an erster Stelle an unseren Schulen ändern?
Thomas Schnetzer (T. S.): Zunächst muss sich Deutschland von dem dreigliedrigen Schulsystem lösen. Statt die Kinder zu früh und besonders in sozialer Hinsicht zu selektieren, müssen wir nach Möglichkeiten suchen, allen Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen. Wir brauchen eine Schule, die die Kinder individuell fördert und ihnen Zeit und Raum gibt, sich in Ruhe und ohne Leistungsdruck zu entwickeln. Diese Möglichkeiten bietet für mich die gebundene Ganztagsschule, die parallel zur Auflösung der Schulformen eingeführt werden müsste.
PW: Warum muss es eine Ganztagsschule sein?
T. S.: Die Lebensverhältnisse der Kinder haben sich in den letzten 30 Jahren sehr geändert. Heutzutage sind häufig beide Elternteile erwerbstätig und viele Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf, so dass sich ein wachsender Betreuungsbedarf ergibt. Durch die Ganztagsbeteiligung ihrer Kinder können Eltern Beruf und Familie besser unter einen Hut bringen. Die Kinder bekommen ein regelmäßiges Mittagsessen und bekommen sinnvolle Angebote, auch im Freizeitbereich. Angebote, die viele Kinder in ihrem Umfeld sonst gar nicht kennen lernen würden.
Hinzu kommen auch die erhöhten Anforderungen, die der Arbeitsmarkt an unsere Schulabgänger stellt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, müssen die Schüler Fähigkeiten erwerben, die sozusagen "quer" zu den Schulfächern liegen. Hierzu gehören beispielsweise Sprach- und Medienkompetenz und Teamfähigkeit. In der Ganztagsschule steht viel mehr Zeit für eine intensive Förderung dieser und fachlicher Fähigkeiten zur Verfügung, womit ein entscheidender Beitrag in Hinblick auf gleiche Bildungschancen geleistet wird.
PW: Sie sprachen speziell von der gebundenen Ganztagsschule. Was genau versteht man darunter?
T.S.: Ganztagsschule ist nicht gleich Ganztagsschule. Wirklich funktionieren kann eine Ganztagsschule nur in der gebundenen Form. Im Gegensatz zur sogenannten offenen Ganztagsschule ist in der gebundenen das ganztägige Angebot für alle Schüler verpflichtend. Nur so können Unterricht und andere Angebote sowie Pausen und Entspannungsphasen über den Tag flexibel verteilt und auf die altersgerechten Bedürfnisse der Schüler abgestimmt werden. Hinzu kommt, dass nur aus der gebundenen Form auch in Hinsicht auf das soziale Lernen wirklich Nutzen gezogen werden kann. Die Kinder verbringen viel mehr Zeit miteinander, sammeln gemeinsame Erfahrungen und profitieren voneinander.
PW: Ist die gebundene Form schon Realität an unseren Ganztagsschulen?
T.S.: Leider nein. Ganztagsschule darf nicht heißen, nur wahllos Angebote an den Vormittagsunterricht anzuhängen. Leider fehlt hier bei vielen Ganztagsangeboten immer noch zu häufig die Verzahnung mit dem Unterricht.
PW: Welche Probleme haben Schulen mit der Umsetzung des gebundenen Ganztags?
T.S.: Die Schulen spiegeln uns, dass sie mit der Umsetzung solch tiefgreifender Reformen überfordert sind. Es dürfen nicht mehr nur einzelne Vorbildschulen geschaffen, und alle anderen Schulen dann alleine gelassen werden. Unsere Schulen brauchen vor allem eine erweiterte Lernkultur und ein tragendes Bildungskonzept - und nicht zuletzt Zeit um sich zu entwickeln. Grundlegende Neuerungen können nicht von heute auf morgen und ohne einen externen Begleitungsprozess umgesetzt werden. Natürlich muss auch eine entsprechende finanzielle Ausstattung ermöglicht werden, und zwar auch langfristig, um für einen gelingenden Ganztag außerschulische Partner wie Sozialpädagogen, Sporttrainer, Musiker und Künstler heranziehen zu können.
Interview: Phoebe Rosenkranz, Stand vom 23.06.2008




