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Gefühlte Lebenserfahrung

Emotionen sind uns angeboren. Sie sind in unserem genetischen Programm verankert. Ohne sie sind wir nur ein halber Mensch. Nicht umsonst hat die Emotionsforschung heute eine so große Bedeutung und hat in den vergangenen Jahren so viele Fortschritte gemacht. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Wissenschaftler weitgehend auf Tierversuche angewiesen. Mittels Sonden stimulierten sie bestimmte Hirnregionen, um Reizreaktionsmuster zu beobachten und zu interpretieren. Heute dagegen erlauben hochauflösende bildgebende Verfahren, dem menschlichen Gehirn direkt beim Denken zuzusehen - und beim Fühlen.

Lachende junge Frau. (Rechte: Mauritius)

Freude gehört zur "emotionalen Grundausstattung"

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Emotionen sind im Gehirn erkennbar

Die Gefühlsmuster und Empfindungen sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Allerdings gibt es so etwas wie eine emotionale Grundausstattung. Gefühle wie Ärger, Angst, Trauer, Freude, Ekel, Überraschung, Verachtung, Scham, Schuld, Verlegenheit und Scheu sind uns angeboren. Wissenschaftler bezeichnen sie als Basis- oder primäre Emotionen. An ihrer Entstehung ist ein bestimmter Bereich im Zentrum unseres Gehirns beteiligt, das sogenannte limbische System. Es spielt eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung, indem es externe Reize und Impulse verarbeitet und die entsprechenden vegetativen Reaktionen in Gang setzt. Es gibt aber noch einen weiteren Bereich im Gehirn, der an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist: die präfrontale Rinde. Diese Region ist für die sekundären oder sozialen Emotionen zuständig. Zu ihnen gehören Gefühle wie Mitgefühl, Dankbarkeit, aber auch Neid oder Gier. Emotionsforscher bezeichnen sie heute eher als "Haltungen", da diese Gefühle aus sozialen Interaktionen und den Erfahrungen heraus entstehen, die wir im Laufe unseres Lebens machen.

Eine furchtsame, junge Frau mit weit aufgerissenen Augen. (Rechte: Imago)

Angst mobilisiert unser körpereigenes Notfallprogramm

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Emotionale Grundausstattung und Gefühlserkennung

Emotionen sind komplexe Verhaltensmuster, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben und die uns helfen, schnell und der Situation entsprechend zu handeln. Die Basisemotionen, die uns ab dem ersten Atemzug mit auf den Weg gegeben werden, sind für uns eine lebenserhaltende Grundausstattung. So sorgt beispielsweise das Gefühl der Angst dafür, dass in Sekundenbruchteilen in unserem Körper angeborene Mechanismen festgeschriebene Notfallprogramme wie erhöhte Aufmerksamkeit, Muskelspannung und Herzfrequenz mobilisieren.

Die Basisemotionen haben gleichzeitig eine wichtige Signalwirkung, die für das soziale Zusammenleben entscheidend sind. Jede dieser Emotionen, ob Angst, Ärger, Freude oder Ekel, ist gekennzeichnet durch körperliche Reaktionen, durch eine typische Mimik und Gestik. Sie sind Mitteilungen an unser Gegenüber. Muss ich Angst haben? Ist das Essen nicht gut? Diese emotionalen Signale werden über alle Kulturen hinweg verstanden, wenngleich die Ausdrucksformen nicht überall gleich sind. Zum Beispiel drückt eine Japanerin ihren Ekel anders aus als eine Deutsche - und trotzdem ist dieser Ausdruck für beide als Ekel zu erkennen. Es sind oft nur Feinheiten, in denen sich beide in Mimik und Gestik unterscheiden. Die angeborenen Fähigkeiten bekommen eine kulturelle Ausprägung, die ab frühester Kindheit erlernt und geübt wird.

Aufnahme eines Gehirns 'bei der Arbeit' mittels Positronen-Emissionstomografie (PET). Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Nuklearmedizin, das Schnittbilder von lebenden Organismen erzeugt. (Rechte: picture-alliance / medicalpictur)

Dem Gehirn beim Denken zusehen

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Unser Leben bestimmt, wie sich unsere Emotionen entwickeln

Wenn heute Emotionsforscher dem Gehirn beim Denken zusehen, können sie erkennen, welche Bereiche und Nervenzellverbände aktiviert werden, wenn der Mensch etwas Bestimmtes tut, denkt und fühlt. Spannend ist für die Wissenschaftler dabei, die sozialen Gefühlszustände und Emotionen zu untersuchen. Das, was sich auf den Bildern des Tomographen nicht zu erkennen gibt: Wie wird aus den Basisemotionen das, was wir gemeinhin Gefühl nennen, wie Neid oder Dankbarkeit, Gier oder Mitgefühl? Wie wird aus den angeborenen Emotionen ein innerer Zustand, eine Haltung, die sich in einer Aktivierung in der präfrontalen Rinde zeigt?

Der soziale Einfluss und das, was wir erleben, spielt eine große Rolle für unsere emotionale Ausstattung. Denn jede Erfahrung wird durch Emotionen bewertet, also auch mit bestimmten Gefühlen gekoppelt.

Kinder sind emotionsgesteuert, sie agieren im Affekt. Für ein soziales Miteinander ist es aber notwendig, diese Affekte zu regulieren. Daher müssen Kinder erst lernen, wie man mit diesen spontanen Gefühlen umgeht - idealerweise so, dass es ihnen selbst und auch anderen gut tut. Zum Beispiel haben Kinder primär Angst vor Feuer, was durchaus sinnvoll ist. Sie können aber mithilfe der Erwachsenen die Erfahrung machen, dass man mit der entsprechenden Vorsicht durchaus mit Feuer umgehen kann, ohne sich in Gefahr zu bringen. So kann die Urangst der Säugetiere vor Feuer, die in uns verankert ist, überschrieben werden. Feuer kann sogar mit Freude verbunden werden, bei dem Anblick einer Wunderkerze oder der behaglichen Wärme eines Kamins.

Von Anfang an lernen wir aus der sozialen Interaktion heraus, wie wir Situationen und Dinge, die wir erleben und die uns umgeben, zu bewerten haben. All diesen Bewertungen liegen zwei seelische Grundbedürfnisse zugrunde, die genauso befriedigt werden müssen wie Hunger und Durst: Es ist zum einen das Bedürfnis nach Nähe, nach Verbundenheit und Geborgenheit. Zum anderen ist es das Bedürfnis nach freier Entfaltung seiner Potenziale, nach Wachstum und Autonomie. Für viele von uns ist es eine schwierige Gratwanderung, alles ins richtige Gleichgewicht zu bringen. Je nachdem, ob und wie gut wir es schaffen, diese Grundbedürfnisse zu stillen, entwickeln sich in uns die unterschiedlichen sekundären Emotionen oder Haltungen. Entsprechend sind diese Haltungen positiv und stärken uns - wie beispielsweise Dankbarkeit, Zuversicht, Begeisterung oder Mitgefühl. Oder aber sie sind eher negativ und damit oftmals auch hinderlich - wie Gier, Neid oder Trotz.

Aber eines hat der Mensch anderen fühlenden Lebewesen voraus: Er ist selbstreflektiert. Wir haben den großen Vorteil, dass wir uns unserer Emotionen bewusst werden, uns sozusagen beim Fühlen zusehen können. Wir sind in der Lage, die emotionalen Signale zu verstehen, ob positiv oder negativ, und sie zu analysieren. Was fehlt mir wirklich? Wie kann ich dieses Defizit ausgleichen? Somit haben wir auch das Potenzial, Gefühle zu beeinflussen und sie aktiv zu ändern.

Andrea Wengel, Stand vom 24.01.2012

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