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Interview: Die Faszination von Massenevents

Fußball-WM, Weltjugendtag oder Karneval am Rhein: Massenevents ziehen die Menschen magisch an. Bei einem solchen Ereignis persönlich dabei gewesen zu sein, hat auch in Fernseh- und Internetzeiten immer noch einen ganz besonderen Reiz. Es ist ein Abenteuer, von dem man lange Zeit zehren und erzählen kann. Warum Megaevents so beliebt sind, was sie im Besucher auslösen und wie sie inszeniert werden, erforscht der Sozialpsychologe Prof. Dr. Rolf Haubl.

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Megaevents – die Euphorie der Massen (4'53'')
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Planet Wissen (PW): Was fasziniert die Menschen an Massenevents?

Rolf Haubl (R.H.): Ein Massenevent ist ein riesiges Gemeinschaftserlebnis. Die Masse macht den Einzelnen stark. Hinzu kommt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die den Individualismus über alles stellt. Manchmal wird es fast schon zum Zwang, ein Individuum zu sein. Eine gelungene Massenveranstaltung bedeutet die Aufhebung dieses Zwangs. Soziale Faktoren wie Geschlecht, Einkommen oder Herkunft verschwinden scheinbar.

Wenn man genau hin sieht, stimmt das natürlich nicht. Auch bei Massenevents gibt es Menschen, die dazu gehören und andere, die ausgegrenzt werden.

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Megaevent "Kölner Lichter" (7'51'')
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PW: Es gibt sehr unterschiedliche Megaevents mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen. Was haben sie dennoch alle gemeinsam?

R.H.: Gruppen haben das Bedürfnis, sich immer wieder als Gruppe darzustellen und damit den Zusammenhalt zu stärken. Dafür eignen sich solche Ereignisse sehr gut. Außerdem sind Events immer auch Feste. Die Teilnehmer möchten Situationen schaffen, die nicht alltäglich sind. Das heißt beispielsweise: Im Rahmen von Events sind Gefühle erlaubt, die man sich sonst nicht so zugesteht. Plötzlich bekennt sich ein ganzes Stadion mit dem Schwenken von Feuerzeugen zu einem romantischen Gefühl, das im normalen Leben eigentlich nur lächerlich wäre.

PW: Wie haben sich die Events im Lauf der Zeit verändert?

R.H.: Heute spielen wirtschaftliche Aspekte eine immer wichtigere Rolle. Die Veranstalter und Geldgeber wollen mit dem Event eine Botschaft transportieren, ein Produkt verkaufen oder ein Image kreieren. Der Erfolg eines Massenevents wird heute wesentlich stärker mit ökonomischen Erwartungen verbunden – sprich mit der Aussicht auf Gewinn. Deshalb werden Massenveranstaltungen immer weiter perfektioniert.

Fußballfans während des Public Viewings (Rechte: Imago)

Selbstbeobachtung als Kick

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PW: Wie sieht diese Perfektionierung aus?

R.H.: Ein Massenevent ist dann gut, wenn es auf Höhepunkte hin choreographiert ist, wenn es einen ganz bestimmten Rhythmus hat. Entspannungspausen und Höhepunkte wechseln sich ab; die Veranstalter überlegen sich genau, wie sie die Menge anheizen und wie sie dann mit der angeheizten Menge umgehen.

Andererseits will sich das Publikum heute zunehmend auch selbst feiern. Damit emanzipiert sich der Zuschauer vom Ereignis. Besonders deutlich wird das während des Public Viewings, wenn Tausende Menschen gemeinsam ein Fußballspiel schauen: Es geht nicht mehr nur darum, Fußball zu schauen, sondern darum, sich selbst beim Fußballschauen zuzusehen. Die Selbstreflexion, die durch die Medien entsteht, ist ein ganz besonderer Kick. Das lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten: Etwa dann, wenn ein 100-Meter-Läufer durchs Ziel läuft und gleichzeitig auf der Stadion-Leinwand beobachtet, wie weit die anderen hinter ihm sind.

Großdemonstration in Kairo (Rechte: WDR/dpa)

Kampf um Aufmerksamkeit

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PW: Eventshopping, Eventessen, Eventreisen. Wir neigen heute dazu, aus allem ein Ereignis zu machen – Wissenschaftler sprechen auch von der "Eventisierung der Gesellschaft". Warum muss alles groß und besonders sein?

R.H.: Ein Grund dafür ist sicher die Entwicklung der Mediengesellschaft. Daniel Boorstin, ein US-amerikanischer Wissenschaftler, hat in den 50er und 60er Jahren den Begriff Event mit "Pseudo-Ereignis" übersetzt: Massenevents sind häufig Ereignisse, die nicht natürlich entstehen. Sie werden für einen bestimmten Zweck erzeugt. Dabei spielen die Medien eine große Rolle. Sie erzeugen Ereignisse, damit sie darüber berichten können.

Die Ausbreitung von Medien ist reale Globalisierung: Jeder kann überall dabei sein. Das ist zunächst irritierend. Etwa wenn man - wie ich es neulich erlebt habe - in Ecuador in 3000 Metern Höhe eine Hütte findet, in der nichts außer einem Fernseher steht, der per Handkurbel in Gang gesetzt wird. Überall auf der Welt gibt es mediale Angebote. Das hat Vor- und Nachteile, je nachdem, wer das mediale Angebot beherrscht und wozu er es nutzt.

Im Grunde genommen ist das ein ständiger Kampf um öffentliche Räume und Aufmerksamkeit. Es gibt die Herrschenden, die den öffentlichen Raum besetzen, und die Beherrschten, die ihn ihrerseits zu besetzen versuchen. Die Revolutionsbewegungen 2011 in Nordafrika haben beispielhaft gezeigt, welche Möglichkeiten der Mobilisierung es mithilfe der Medien gibt. Damit entsteht auch eine politische Macht, die sich in Massenevents wie etwa Großdemonstrationen zeigt.

P.W: Während Massenveranstaltungen kommt es immer wieder zu Unglücken und Unfällen. Das hält aber offenbar niemanden davon ab, an solchen Events teilzunehmen. Warum?

R.H.: Beispiel Loveparade 2011 in Duisburg, während der 21 Menschen starben: So ein Ereignis wird es nie wieder geben – aus der Perspektive der Organisatoren. Aus der Perspektive mancher Besucher macht gerade die Tatsache, dass dort jederzeit etwas passieren kann, einen eigenen Thrill aus.
Man darf nicht so tun, als gäbe es diese dunkle Seite unserer Bedürfnisse nicht. Ich würde sogar sagen: Das grandioseste Massenereignis ist das, während dessen man das Gefühl hat: Jederzeit kann es schief gehen. Wenn dann alles gut und friedlich abgelaufen ist, man das Event quasi mit heiler Haut überlebt hat, verleiht das dem Ereignis nachträglich noch einen besonderen Kick.

Interview: Barbara Garde, Stand vom 02.11.2011
Sendung: Me­ga­e­vents - Das Or­ga­ni­sie­ren von Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen, 02.11.2011

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