Interview: Glücksökonomie
Planet Wissen (PW): Womit beschäftigt sich die Glücksökonomie?
Dominik Dallwitz-Wegner (D.D.W.): Glücksökonomen untersuchen beispielsweise, ob glückliche Mitarbeiter auch leistungsfähiger sind. Auf volkswirtschaftlicher Ebene hinterfragen Glücksökonomen, ob der Maßstab des Bruttosozialproduktes für eine Gesellschaft der richtige ist. Aber noch steckt die Glücksökonomie in den Kinderschuhen.
Ein Ziel ist es, vom "homo oeconomicus" wegzukommen. Die Einstellung vieler Ökonomen, dass wir fleißige Bienchen sind, die vor allem auf Gewinn und Wachstum aus sein sollten, funktioniert nicht mehr. Das Ziel der Glücksökonomie ist, der bisherigen Ökonomie die Variable der Menschlichkeit hinzuzufügen. Größtes Gut kann nicht mehr Wachstum alleine sein, sondern die Lebenszufriedenheit. Dabei ist es wichtig, dass es genauso wenig um eine kurzfristige Glückserhöhung gehen darf wie um eine kurzfristige Gewinnmaximierung. Man muss lernen, nachhaltig zu wirtschaften.
PW: Geld gilt auch heute noch als Maß aller Dinge. Je mehr, desto besser. Stimmt die Glücksökonomie dem zu?
D.D.W.: Wenn man Menschen fragt, wie wichtig ihnen verschiedene Faktoren sind, um glücklich zu sein, spielt Geld schon eine große Rolle. Aber eigentlich wird Geld völlig überschätzt. Das sieht man beispielsweise in internationalen Vergleichsstudien, bei denen man schaut, ob reiche Länder wirklich so viel glücklicher sind als arme Länder.
Das Ergebnis davon ist: Tendenziell ja, aber der Unterschied ist nicht so hoch wie erwartet. Dazu kommen ein paar Länder, die unerwartet eine Ausnahme darstellen. Wie Venezuela oder das Königreich Bhutan, die ökonomisch weit zurückliegen, aber im Glückslevel ganz weit oben sind. In diesen Ländern investiert der Staat viel ins Wohlbefinden der Menschen, in soziale Sicherungssysteme und Bildung. Das macht nicht reich, aber glücklich.
PW: Und der Umkehrschluss: Je reicher, desto unglücklicher? Ist Mitleid mit den armen Millionären angebracht?
D.D.W.: Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Millionäre können natürlich auch glückliche Menschen sein. Aber ich hätte einen besonderen Tipp für sie: Gebt Euer Geld für die Gesellschaft aus. Das macht Euch am glücklichsten.
PW: Das Gras ist beim Nachbarn immer grüner. Sind Vergleiche im finanziellen Bereich Glückshemmer?
D.D.W.: Ja, irgendwie schon. Wir orientieren uns stark an sozialen Vergleichen und sind sogar bereit, weniger Geld zu akzeptieren, wenn nur die Kollegen entsprechend weniger bekommen. Da gab es einen ganz interessanten Versuch mit Studenten der Harvard-Universität. Sie wurden gefragt, ob sie lieber 50.000 Dollar verdienen wollen, wenn die anderen 25.000 bekommen, oder lieber 100.000, wenn die anderen 200.000 erhalten. Sie haben sich eher für die 50.000 entschieden, obwohl das auf der persönlichen Ebene erst mal überhaupt keinen Sinn ergibt. Aber der Vergleich spielt eben eine so große Rolle, man möchte im Verhältnis zu den anderen besonders gut dastehen.
PW: Auch Werbung und Marketing scheinen das Glück entdeckt zu haben.
D.D.W.: Ja, Werbung versucht, Produkte mit positiven Emotionen aufzuladen. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass der Käufer aufgrund dieser positiven Emotionen erst einmal überhaupt kauft, dann aber auch in Zukunft genau diesem Produkt treu bleibt. Schöne Theorie, die Wirklichkeit sieht anders aus. Nehmen wir als Beispiel ein tolles Auto. Wenn ich mir das kaufe, habe ich erst einmal Glücksgefühle: Alles riecht so gut und neu, es ist fantastisch; wenn ich mich die ersten Male reinsetze, habe ich ein Hochgefühl. Aber dann kauft sich der Nachbar ein noch schöneres Auto und schon ist die Welt verkehrt und ich bin unglücklich.
PW: Kann Marketing überhaupt langfristiges Glück versprechen?
D.D.W.: Ja, aber dafür müsste sich der Schwerpunkt vom kurzfristigen Genuss auf die langfristige Zufriedenheit verschieben. Das sollte das Ziel sein. Das ist natürlich aufwendig. Dann müsste man den Konsumenten begleiten, man muss die Produkte so gestalten, dass sie immer wieder etwas Neues bringen, dass man den Nutzen immer wieder neu wahrnimmt, man muss als Produzent guten Service leisten, sich selbst immer wieder in Erinnerung rufen und vieles mehr.
PW: Zum Abschluss noch die wichtigste Frage: Was macht Sie wirklich glücklich?
D.D.W.: Es gibt 100.000 Dinge, die mich glücklich machen: Eine Apfeltarte, ein gutes Gespräch, ein schöner Sonnenuntergang oder ein romantischer Abend. Zufrieden auf längere Sicht macht es mich, eine Vision zu haben, mich zu engagieren und mich selbst immer weiterzuentwickeln.
Interview: Monika Sax, Stand vom 13.05.2009







