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Psychotherapie

"Was ist schon normal?" heißt es sprichwörtlich. Doch der Mensch hat im Zusammenleben mit anderen eine genaue Vorstellung vom "normgerechten Verhalten" seiner Mitmenschen. Wer früher von dieser Norm abwich, wurde abgestempelt, eingesperrt oder sogar gefoltert. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann man, diese Menschen nicht als "irrsinnig" oder "besessen" abzustempeln, sondern zu heilen: mit Hilfe der Psychotherapie.

Ein Psychologe im Gespräch mit einer Patientin. (Rechte: WDR/Mauritius/Andre Pöhlmann)

Psychotherapeuten helfen durch Gespräche

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Narrentürme und Irrenanstalten

Melancholie, Manie und Gehirnfieber, genannt Phrenitis – diese psychischen Störungen unterschied schon in der Antike der Arzt Hippokrates. Als Ursache der drei Krankheiten vermutete er eine fehlerhafte Mischung der Körpersäfte, die sich auf das Gehirn auswirkte. Doch die Erkenntnis, dass Menschen psychisch erkranken konnten, ging im Mittelalter verloren. Geisteskrankheiten wurden von da an als Strafe Gottes oder als Teufelsbesessenheit betrachtet. Dementsprechend sah die Behandlung der Betroffenen aus: Europaweit wurden psychisch Kranke in Narrentürmen oder Tollhäusern eingekerkert, zusammen mit Bettlern, Kriminellen, Prostituierten und Vagabunden. Man quälte sie mit Folterwerkzeugen, um sie so "zur Vernunft zu bringen". Manche von ihnen wurden sogar als Hexen verurteilt und verbrannt. Dieser religiöse Fanatismus ließ erst zur Zeit der Aufklärung im 17. Jahrhundert nach. Doch nach wie vor sperrte man die "Irren" in Kerker und fesselte sie mit Ketten.

Sammelbild mit dem Porträt von Philippe Pinel. (Rechte: AKG)

Philippe Pinel

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Psychische Erkrankungen im Auge der Wissenschaft

Im 17. und 18. Jahrhundert traten vereinzelte Ärzte dafür ein, dass diese Menschen nicht schlecht oder besessen waren, sondern krank. Doch diese Auffassung setzte sich nur sehr langsam durch. Bis heute bekannt ist der Arzt Philippe Pinel, der in Paris 1795 die Leitung des "Hôpital Salpêtrière" übernahm, eine riesigen Nervenanstalt mit bis zu 8.000 Patienten. Er bewirkte eine gründliche Reform der "Irrenanstalten", indem er die Kranken von ihren Ketten befreite. Sein größter Verdienst war, dass die Anstaltsinsassen nicht mehr wie Zuchthäusler, sondern wie Kranke behandelt wurden. Im 19. Jahrhundert begannen Ärzte, die körperlichen Ursachen von geistigen Krankheiten zu erkunden. Dabei gingen sie fast ausschließlich von Störungen im Gehirn aus.

Portraitaufnahme von Jean-Martin Charcot von 1886. (Rechte: AKG)

Jean-Martin Charcot

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Modekrankheit Hysterie

Eine Krankheit, die um 1900 regelrecht in Mode geriet, war die Hysterie. Der "große hysterische Anfall", bei dem Frauen schrieen, tobten oder sich aufbäumten, kam um die Jahrhundertwende häufig vor. Doch für diese Krankheit konnten keine körperlichen Ursachen gefunden werden. Der Pariser Arzt Jean-Martin Charcot, der im Nervenkrankenhaus Salpêtrière praktizierte, untersuchte zahlreiche Frauen mit Hysterie. Man vermutete, dass diese Krankheit Folge eines schockartigen Erlebnisses war. Mit Hilfe von Hypnose versuchten die Ärzte das Leiden ihrer Patientinnen zu lindern. Die Hysterie und ihre Behandlung durch Hypnose lernte der junge Arzt Sigmund Freud auf einer Studienreise nach Paris näher kennen.

Portrait: Sigmund Freud (1927). (Rechte: AKG)

Sigmund Freud

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Anfänge der Psychoanalyse

Von da an beschäftigte sich Freud intensiv mit der Krankheit Hysterie. Gemeinsam mit Joseph Breuer veröffentlichte er den Fall von Breuers Patientin "Anna O.". In den "Studien über Hysterie" (1895) beschreiben sie Krankheitsverlauf und Therapie mit Hilfe von Hypnose und Gespräch. Von der Technik der Hypnose ging Freud allerdings bald zur Technik der freien Assoziation über: Durch spontane Äußerungen des Patienten, so nahm Freud an, könne der Arzt auf verschlüsselte Ängste schließen. Eine solche "Redekur" könne die Patienten von ihrer Krankheit heilen.

Der Königsweg zum Unbewussten

Als Schlüssel zur Seele entdeckte Sigmund Freud den Traum, den er den "Königsweg zum Unbewussten" nannte: Im Traum äußerten sich seiner Meinung nach die unterdrückten Wünsche des Menschen. Als Ursache psychischer Krankheiten vermutete er die Unterdrückung von sexuellen Trieben. Aus all diesen Ideen entwickelte Freud in den folgenden Jahren ein immer dichteres Gedankengerüst. Seine Therapie, die Psychoanalyse, machte Freud zu einem der berühmtesten Denker des 20. Jahrhunderts. Denn mit der Psychoanalyse begann die Geschichte der modernen Psychotherapie.

Psychotherapie heute

Die Lehre Sigmund Freuds ist bis heute umstritten. Viele seiner Schüler sagten sich nach heftigen Zerwürfnissen von ihm los und schlugen eigene Richtungen ein. Auch gab es Personen und Ansätze, die von Freud nicht oder nur wenig beeinflusst waren. Im Lauf des 20. Jahrhunderts entstanden so viele verschiedene Formen und Ansätze von Psychotherapie, beispielsweise die Verhaltenstherapie, die humanistische Psychotherapie, die Gestalttherapie oder verschiedene Formen der Familientherapie. Welche Therapieform jeweils die geeignete ist, hängt entscheidend von der Art der psychischen Störung sowie vom Urteil und Befinden des Patienten ab.

Claudia Heidenfelder, Stand vom 24.01.2012
Sendung: Psychologie - Was läuft in unserem Kopf?, 24.01.2012

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Collage aus Bildmotiven zum Thema Psychologie (Rechte: WDR)

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