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Coaching

Vor 10 bis 15 Jahren haben die meisten Deutschen mit dem Begriff "Coach" noch einen Sporttrainer assoziiert. Heute versteht man darunter auch einen Dienstleister in Sachen Lebensberatung. Coaching ist zu einem Massenphänomen geworden. Allein der Begriff baut Hemmschwellen ab, denn er klingt nicht nach Therapie oder Krankheit. Er klingt modern, nach Training, nach Erfolg. Es gibt Beziehungscoachs, Glückscoachs, Ernährungscoachs - egal welches Problem man hat, für alles wird professionelle Hilfe geboten. Planet Wissen hat mit Business- und Persönlichkeitscoach Daniela Ben Said über den Coaching-Boom gesprochen.

Porträtfoto von Daniela Ben Said, Business- und Persönlichkeitscoach. (Rechte: Ben Said)

Daniela Ben Said arbeitet seit über zehn Jahren als Coach

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Planet Wissen (PW): Warum ist das Coaching so in Mode gekommen?

Daniela Ben Said (D.BS.): Das hat viele Gründe. Erstens werden wir immer von Amerika beeinflusst. Dort ist es schon lange üblich, dass jeder seinen Therapeuten hat, somit ist dort Coaching auch schon lange in. Auf der anderen Seite muss man die Entwicklung auch anhand von Krankheitsbildern sehen. Früher hatten wir durch viel körperliche Arbeit mehr somatische Beschwerden und Verschleißerscheinungen. Heute unterliegen wir sehr viel Erfolgsdruck, Perfektionsdruck – fast ein Wahn - und das geht einher mit sehr vielen mentalen Beschwerden.

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Psychologie als Modeerscheinung (2'53'')
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Zudem wird die Kommunikation immer weniger. Früher hat man noch im Familienverbund gesessen, heute beschränkt sich die Kommunikation oft auf 140 SMS-Zeichen. Und es gibt immer mehr Tendenzen zu Burn-out – das ist auch so ein Modebegriff. Das Thema Depression rückt in den Fokus. Es gibt also viele Einflüsse: die soziokulturelle Entwicklung von uns Menschen, die kommunikative Entwicklung, aber auch die Thematisierung von psychischen Problemen in den Medien. Früher war Depression ein Tabuthema, es hieß: Reiß dich zusammen, geh in den Stall und miste aus. Heute sagt man: Teile dich mit.

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Wem hilft ein Coaching? (4'17'')
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PW: Was unterscheidet einen Coach von einem Psychologen?

D. BS.: Das ist eine gute Frage. Wenn man sich das traditionell anschaut, ist Coach erst mal ein ungeschützter Begriff, jeder kann sich Coach nennen. Diplom-Psychologen beziehungsweise neuerdings Bachelor- oder Master-Psychologen haben einen akademischen Titel. Inhaltlich ist das oft sehr ergänzend, finde ich. Wobei ein Akademiker wahrscheinlich sagen würde: "Auf gar keinen Fall. Der Coach hat ja nicht gelernt, was ich gelernt habe." Und der Coach sagt vielleicht: "Das Akademische ist viel zu theoretisch." Da ich aber beide Bereiche kenne, kann ich sagen, dass sie sehr ähnlich und sehr verwandt miteinander sind.

Ein Mann hält einen Vortrag. Sein Gesicht ist hinter einer Lampe versteckt. (Rechte: Mauritius)

Wer führt, muss den Durchblick behalten

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PW: Mit welchen beruflichen Problemen kommen Ihre Kunden zu Ihnen?

D.BS.: Meistens fängt es damit an, dass mich eine Führungskraft anruft und sagt: "Ich habe ein Probleme mit meinem Team. Die Ergebnisse stimmen nicht, die Kommunikation im Team funktioniert nicht, es gibt Konflikte." Manchmal kommt eine Führungskraft aber auch mit folgendem Problem: "Ich muss ein Meeting abhalten und weiß nicht, wie es richtig funktioniert." Und aus diesem sehr vagen, wenig persönlichem Thema – die Leute denken, wenn sie Schwierigkeiten mit einem Team haben, hat das erst mal nichts mit ihnen persönlich zu tun – wird dann ein Seminar. In dem Seminar ergibt sich ganz oft, dass ich ein bisschen provokant bin und sage: Führung heißt in erster Linie, sich selbst zu führen oder jeder Chef hat das Team, das er verdient. Also, lieber Chef, wenn dein Team nicht funktioniert, dann darfst du erst mal in den Spiegel gucken, was denn bei dir los ist.

Daraus ergibt sich dann ganz oft das Einzelcoaching, wobei sich oft für die Führungskraft herausstellt: Eigentlich habe ich Angst vor Führung, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, wenn der Mitarbeiter "Nein" zu mir sagt. All das wird versteckt entweder hinter sehr extremer Dominanz oder hinter extrem kollegialem Verhalten, was für eine Führungskraft auch sehr schwierig ist. Es gibt auch Klienten, die mit anderen Problemen zu mir kommen. Einmal kam zum Beispiel ein Mann, der auf seiner Hochzeit eine Rede halten wollte und sich nicht traute. Oder es gibt Chefs, die eine Eröffnungsrede halten müssen. Also ganz verschiedene Themen.

P.W.: Wie kann man sich ein berufliches Coaching konkret vorstellen?

D. BS.: Für ein Coaching gibt es verschiedene Varianten. Nehmen wir mal den klassischen Fall - ein Bewerbertraining. Das ist das erste Berufscoaching, das die Menschen haben wollen. Es fängt an mit der Definition des Ziels, geht über Körpersprache, über Fragetechnik sowie die Vorbereitung auf Fragen, die im Bewerbungsgespräch gestellt werden können. Auch der erste Eindruck ist wichtig und wenn ich merke, dass sich jemand einfach nicht gut verkauft, hole ich mir eine Stilberatung dazu. Das kann ich nicht selbst, dazu brauche ich einen Profi. Das Einzelcoaching ist ein sehr weites Spektrum. Es gibt Menschen, die brauchen ganz viel Unterstützung und andere, die nur wenige Kniffe benötigen.

Eine Frau hält Rücksprache mit einem Kollegen und erklärt etwas. (Rechte: picture alliance)

Selbstbewusst beraten und fördern

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PW: Managercoaching ist ein verbreiteter Begriff in der Geschäftswelt. Welche Unterstützung können Sie Machtmenschen bieten, die in der Hierarchie ganz weit oben stehen?

D. BS.: Das ist ein sehr spannendes Thema. Ich soll als Führungskraft selbstbewusst führen, aber Selbstbewusstsein ergibt sich nicht aus einer Machtposition heraus. Selbstbewusstsein heißt ja, dass ich die Fähigkeit besitze, mich auch kleiner zu machen als jemand anderes, ich meinen Mitarbeiter im besten Falle so fördere, dass er besser wird als ich selbst. Das ist etwas, was viele Führungskräfte oft nicht verstehen oder nicht können. In den Führungsebenen sind meist sehr leistungsorientierte Menschen, die sehr viel Ehrgeiz haben und nicht unbedingt die feinsten sozialen Komponenten beherrschen. Aber gerade für Menschen, die andere führen sollen, ist es sehr wichtig, klar mit sich selbst zu sein.

Ein klassisches Beispiel: Ein Mitarbeiter kommt zum Chef und hat eine super Verbesserungsidee, der Chef ist allerdings nicht selbstbewusst und denkt: "Hätte ich die Idee doch selbst gehabt." Dieser Chef verkauft dann seinem Vorgesetzten die Idee des Mitarbeiters als seine eigene. Das passiert überall und hundertfach. Eine Führungskraft braucht eben viel Selbstbewusstsein, um zu seinem Vorgesetzten zu gehen und zu sagen: "Ich habe da einen Mitarbeiter und der hat eine super Idee". Das braucht, um es mal leger auszudrücken, einen "Hintern in der Hose".

Eine Frau spricht souverän vor einer Arbeitsgruppe. (Rechte: picture alliance)

Lampenfieber überwinden

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PW: Gibt es auch Menschen in ganz alltäglichen Berufen, wie Büroangestellte, Verkäufer oder Handwerker, die von einem Coach profitieren können?

D.BS.: Unbedingt. Auch der "ganz normale Mensch" hat Situationen in seinem Leben, wo er Hilfe benötigt. Sei es zum Beispiel bei einer Gehaltsverhandlung mit dem Chef oder wenn es Konflikte gibt -  mit einem Freund, einer Bekannten oder mit einem Vorgesetzten, einem Kollegen. Auch dann muss ich die Fähigkeit haben, mich kommunikativ auszudrücken. Ich muss aber auch die Fähigkeit besitzen, mich selbst zu managen, hinzugehen und den Konflikt anzusprechen.

Coaching kann in vielen Lebensbereichen helfen. Ich finde es eigentlich schade, dass es kein Schulfach gibt, das "Persönlichkeitsentwicklung oder Coaching" heißt. In meinen Augen braucht das jeder jeden Tag. Es fängt an mit der Bewerbung: Wie stelle ich mich vor? Wie gehe ich dabei mit meiner Nervosität um? Es sind ja nicht nur Führungskräfte oder Menschen im Rampenlicht, die Lampenfieber haben, sondern auch die ganz Normalen – zu denen ich mich im Übrigen auch zähle.

PW: Sie bieten auch Coaching mit Tieren an. Wie kann man sich das vorstellen?

D. BS: Das Gute bei einem Tier, zum Beispiel einem Pferd, ist: Es kann nicht lügen. Ich als Coach bin ja sehr geschult und wenn ein Seminarteilnehmer einen Fehler macht, dann sage ich: "Das war schon sehr gut, und guck doch noch mal hier und da." Ein Pferd aber drückt dann einfach gnadenlos aus: Du bist nicht gut, also mache ich das nicht, was du willst. Ein Tier ist somit ein sehr harter, aber auch ein sehr ehrlicher Spiegel. Da haben die Tiere uns was voraus.

PW: Der Begriff "Coach" ist nicht geschützt. Wenn ich mich für ein Coaching entschieden habe, wie kann ich dann einen guten Coach finden?

D. BS.: Einen guten Coach kann ich finden, indem ich mich an einen Verband, zum Beispiel den BDVT wende oder indem ich mich bei der Bundesärztekammer informiere, wer ein guter Psychologe oder Psychotherapeut ist. Einen guten Coach erkenne ich vor allem auch daran, dass er mir ein erstes kostenloses Kennenlerngespräch anbietet. Dabei sollte ich mir einen Eindruck von dieser Person machen. Ich als Klient sollte entscheiden, ob die Person zu mir passt. Nach dem kostenlosen Gespräch schicke ich den Klienten immer mit meinen Kontaktdaten nach Hause. Er soll sich nämlich in Ruhe überlegen, ob es für ihn passt. Wer schon sofort mit Stift und Vertrag zur Stelle ist, den sehe ich eher kritisch.

PW: Kann man sagen, dass Coaching schneller und oberflächlicher arbeitet und Psychotherapie mehr in die Tiefe geht?

D.BS.: Ich glaube, weder die eine Generalisierung ist richtig, noch die andere. Ich sage: Beides hat seine Berechtigung. Ich denke, wenn beide, die "Handwerker" (zum Beispiel Heilpraktiker) und die Akademiker - um es mal so auszudrücken – bereit wären sich aufeinander einzustellen, wäre das die beste Kombination.

Ein junger Mann schaut enthusiastisch auf einen Haufen Arbeit. (Rechte: picture alliance)

Mit Motivation zum Erfolg

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PW: Warum haben Sie sich entschlossen, Coach zu werden? Sie hätten ja zum Beispiel auch die Therapeutenlaufbahn einschlagen können, um Menschen zu helfen?

D.BS.: Das ist aus einer persönlichen Fähigkeitsanalyse entstanden, aber auch aus meiner Historie. Mein Coach war ein Coach, der gar nicht wusste, dass er einer ist – meine Oma. Ich war relativ schlecht in der Schule und hatte eine Hauptschulempfehlung und meine Oma hat immer zu mir gesagt: "Wenn du etwas willst, kannst du das auch." Dieser Satz begleitet mich bis heute. Er ist ganz wichtig für mich und hat mich geprägt. Der zweite Satz ist der meines Deutschlehrers, der irgendwann mal zu mir sagte: "Dani, du kannst was, glaube an dich." Diese zwei Sätze haben mich dazu beflügelt, mich aus einer sehr schwierigen sozialen Situation heraus zu bewegen und so etwas wie ein erfolgreicher Mensch zu werden.

Ich habe immer gesagt, wenn ich es mal zu etwas bringe, dann möchte ich anderen Menschen helfen, sie unterstützen, dass sie sich selbst helfen können. Coaching heißt ja: Hilfe zur Selbsthilfe. Der Beruf des Psychotherapeuten war nichts für mich, weil ich als Therapeut sehr wertneutral sein muss und es gibt ein paar Themen, die ich einfach nicht wertneutral betrachten kann. Das sind zum Beispiel Themen wie Kindesmisshandlung oder Rassismus. Ich hatte immer Angst, mit diesen Themen konfrontiert zu werden und das ist nicht meins.

Interview: Melanie Kuss, Stand vom 27.06.2011

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